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Klimawandel

30. Juni 2009

Klimaforscher Levermann: "Treibhausgase machen Meer sauer"

Anders Levermann ist Professor am Potsdam-Institut für Klimaforschung. Foto: pik

Klimaforscher Anders Levermann warnt im Interview mit der Frankfurter Rundschau vor den Folgen des Klimawandels für die Meere.

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Ozeane im Wandel
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Die Erdoberfläche ist zu 71 Prozent von Wasser bedeckt - insgesamt 362 Millionen Quadratkilometer. Mehr als 90 Prozent davon bilden der Atlantische, der Pazifische und der Indische Ozean. Die Weltmeere enthalten 97 Prozent der Wassermenge auf unserem Planeten. Darin leben 50 Prozent aller Arten von Lebewesen. Sie machen 20 Prozent des tierischen Proteins in der Nahrung der Menschen aus. Die Ozeane spielen über die Verdunstung für den globalen Wasserkreislauf und damit das Klima eine wichtige Rolle.

Der Temperaturanstieg wirkt sich erheblich aus: Unter anderem steigt der Meeresspiegel rasanter als je zuvor, in den vergangenen 125 Jahren um 18 Zentimeter. Zwei Fünftel des Anstiegs der vergangenen vierzig Jahre gehen auf die Eisschmelze zurück, drei Fünftel auf die Ausdehnung des Meerwassers durch steigende Wassertemperaturen, sagt Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimaforschung.

Der Weltklimarat hat einen Anstieg bis 2100 um 18 bis 59 Zentimetern prognostiziert. Viele Experten halten aber sogar bis zu 1,10 Meter für wahrscheinlicher, weil der Klimarat das Abrutschen von Eis in Grönland und der Antarktis nicht eingerechnet hat. 150 Millionen Menschen leben heute nach UN-Schätzungen in der Zone, die bei einem Anstieg von einem Meter überflutet werden würde.

Anders Levermann ist Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Herr Levermann, Der UN-Klimarat hat eine Erhöhung des Meeresspiegels um 18 bis 59 Zentimeter bis 2100 vorausgesagt. Viele Forscher glauben, es könne deutlich mehr werden.

Das ist mittlerweile sogar wahrscheinlich. Zur Ausdehnung des Wassers infolge der Erwärmung, die im UN-Report enthalten ist, kommen Beiträge von Grönland und Antarktis hinzu. Der Verlust der Eismassen dort trägt immer stärker zum Meeresspiegel-Anstieg bei. Schätzungen gehen jetzt von 0,5 bis 1,5 Meter aus, auch zwei Meter können nicht mehr ausgeschlossen werden.

2100 hört der Klimawandel ja nicht auf. Was passiert danach?

Der Meeresspiegel wird noch für mehrere Jahrhunderte ansteigen - selbst wenn wir den Ausstoß von Treibhausgasen jetzt stoppen würden. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass pro Grad Erwärmung mit zehn bis 15 Metern Anstieg zu rechnen ist. 0,8 Grad haben wir bereits verursacht. Wie schnell sich der Meeresspiegel neu einstellt, ist schwer zu sagen.

Wie viele Menschen in den Küstenzonen der Erde wären in diesem Jahrhundert betroffen?

Mehr als eine Milliarde Menschen leben weniger als 30 Kilometer von der Küste entfernt. Steigt das Meer um einen Meter, sind nach UN-Schätzung 150 Millionen Menschen direkt bedroht.

Was muss getan werden, um sie zu schützen?

Flache Inseln wie Tuvalu sind dann nicht zu halten, ebenso große Flächen in Ländern wie Bangladesch oder Flussdeltas wie an Ganges, Nil und Niger. Man wird die Menschen umsiedeln. Hamburgs Deiche können nur für einem Anstieg von 80 Zentimetern fit gemacht werden. Danach muss das Hinterland umgebaut werden, und das wäre extrem teuer. Große Probleme bekäme London, das seine Schleusen schon heute immer öfter schließen muss. Das Bewusstsein wächst, dass hier vorbeugend gehandelt werden muss, aber ich bezweifle, ob die Tragweite bereits völlig erfasst wurde.

Die Meere nehmen einen Teil des CO2 auf, das wir in die Atmosphäre pusten. Doch dieser Speicher droht überzulaufen.

Bisher haben die Ozeane fast die Hälfte des CO2 aufgenommen. Das heißt: Wir sehen heute weniger Erwärmung als ohne diesen Effekt. Doch ewig kann uns der Ozean diesen Dienst nicht erweisen; seine Kapazität ist begrenzt.

Das CO2 im Meer bewirkt dort eine zunehmende Versauerung, in dem sich Kohlensäure bildet. Was sind die Folgen?

Die Versauerung stört die Abläufe in Ökosystemen. Sie verschlechtert die Lebensbedingungen für Kalk bildende Organismen, darunter Plankton-Arten und Korallen. Die Nahrungsketten im Meer bis hinauf zu den Fischen könnten dadurch gestört werden.

Also ein weiteres Problem neben der Überfischung der Meere? 20 Prozent des global konsumierten tierischen Eiweißes stammen ja vom Fisch.

Durchaus ein Risiko. Nahrungsketten werden gestört, wenn die Ökosysteme sich nicht anpassen können. Das könnte bei dem Tempo der Versauerung der Fall sein.

Was muss zum Schutz der Meere und der Küsten getan werden?

Den CO2-Ausstoß verringern, marine Schutzgebiete einrichten und Anpassungsmaßnahmen für die Küsten planen und durchführen. Die Erlöse aus dem Emissionshandel, wie ihn die EU bereits eingeführt hat, könnten dazu einen finanziellen Beitrag liefern.

Interview: Joachim Wille

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