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Klimawandel
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08. Dezember 2011

Klimaforscher Schellnhuber: "CO2-Reduktionen von 30 Prozent sind machbar"

Hans-Joachim Schellnhuber (links) grüßt Kanzlerin Angela Merkel.  Foto: ddp

Der renommierte Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber fordert die EU-Staaten auf, ihre Klimaziele freiwillig zu erhöhen. "30 Prozent (bis 2020) sind durchaus zu machen", sagt Schellnhuber auf der UN-Klimakonferenz in Durban.

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Zur Person

Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Der 61-jährige Physiker ist seit 1992 eines der neun Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und seit 2009 erneut Vorsitzender dieses Gremiums. In Durban leitete er ein Treffen des UN High Level Panels für globale Umweltveränderungen.

Herr Professor Schellnhuber, Sie wollten zuerst nicht nach Durban kommen, nun sind Sie doch da. Warum?

Ich wollte beim letzten großen Klimagipfel dabei sein …

Ein Scherz?

Das ist halb ernst gemeint. Die Gipfel werden wahrscheinlich weitergehen. Aber es ist leider zu vermuten, dass von diesen riesigen Klimakonferenzen absehbar nicht die Dynamik ausgehen wird, die man sich erwartet hat – nötig wäre ein echter Aufbruch. Ob die Staaten der Welt heute den Mut dazu haben, weiß ich nicht.

Sollte man den Gipfelzirkus aufgeben? Der Kopenhagen-Gipfel hatte 30 000 Teilnehmer, in Durban sind es 25 000. Das erzeugt mehr Treibhausgase als es spart.

Ganz aufgeben sollte man dieses UN-Format nicht. Vielleicht könnte man es verkleinern. Möglicherweise würden weniger Teilnehmer ausreichen – und weniger Tage. Die Vereinten Nationen werden immer eine Rolle im Klimaschutz-Prozess spielen. Sie müssen so etwas wie die globale Traumfabrik sein, ähnlich wie auf ganz andere Weise Hollywood. Sie können „die große Geschichte“ erzählen und daran erinnern, dass wir auf diesem Planeten gemeinsam wie in einem Schiff auf hoher See sitzen. Das Ziel, die Erderwärmung unter dem Zwei-Grad-Limit zu halten, ist immerhin durch diesen UN-Prozess zustande gekommen. Umsetzen müssen das dann andere. Es kommt auf fortschrittliche nationale Energiestrategien an.

Zum Beispiel?

Auf die deutsche Energiewende. Auf den neuen Fünf-Jahres-Plan der Chinesen, die die Energieffizienz stark erhöhen wollen. Oder auf die gerade eingeführte Kohlenstoff-Steuer in Australien. Die wirkliche Dynamik für den Klimaschutz entsteht aus der Transformation der fossilen Energiesysteme. Diese wird sowieso kommen, aber wir müssen sie um 50, 100 Jahre vorziehen, wenn wir gefährlichen Klimawandel vermeiden wollen.

Der CO2-Ausstoß muss rasch seinen Höchststand erreichen und dann kräftig sinken. Ist das noch zu schaffen? 2010 stiegen die Emissionen wie nie zuvor.

Am besten wäre es, die Wende bei den Emissionen käme 2015. Das ist aber unrealistisch. 2020 ist vielleicht noch zu schaffen, wenn wir uns darauf konzentrieren, die „große Transformation“ einzuleiten. Haben die erneuerbaren Energien im Markt weltweit erst einmal 15 bis 20 Prozent erreicht, kippt das System sehr schnell und sie werden zum Selbstläufer.

In Deutschland müsste es bald soweit sein – zumindest im Stromsektor, da stehen wir bei 17 Prozent.

Es wird bei uns schnell ins Positive kippen, da bin ziemlich sicher. Die traditionellen Stromversorger investieren bereits vornehmlich in erneuerbare Energien.

Zurück nach Durban. China hat sich hier einmal unerwartet kompromissbereit gezeigt, ab 2020 könnte es verpflichtende CO2-Ziele unterstützen.

Ob das zum Durchbruch führt, ist offen. Aber man spürt, dass die Chinesen sich unwohl fühlen als größte CO2-Erzeuger der Welt. Das ist eine völlig andere Situation als noch vor zwei Jahren in Kopenhagen. Damals sagten sie: Klimaschutz ist allein die Sache der alten Industriestaaten. China hat die Chance, zum Hoffnungsträger der internationalen Klimapolitik zu werden – wenn es seinen Worten auch Taten folgen lässt.

Müsste die EU nun nicht ein Signal geben, um Konferenzdynamik zu erzeugen – und sich auf 30 Prozent CO2-Reduktion bis 2020 festlegen statt nur auf 20?

Natürlich wäre das gut. Die 30 Prozent sind durchaus zu machen. Es wäre auch wichtig als Signal nach innen: Wir meinen den Umbau ernst. Energiewende-Partnerschaften europäischer Länder mit Schwellenländern wie China, Brasilien oder Südafrika könnten dann den nötigen globalen Schub geben.

Die USA stehen derweil praktisch nur noch auf der Bremse.

Leider ja. Auch unter Präsident Obama bewegt sich fast nichts. Die dritte industrielle Revolution könnte ohne die USA starten. Aber die Amerikaner werden auf den Zug aufspringen, wenn sie sehen, die globale Energiewende kommt in Fahrt – und sie zurückzubleiben drohen.

Die Klima-Rahmenkonvention, die den Kyoto-Prozess startete, wird 2012 zwanzig Jahre alt. Braucht sie eine Generalüberholung?

Sie muss in der Tat deutlich konkretisiert werden. Bisher verpflichtet sie die Weltgemeinschaft nur darauf, eine „gefährliche Störung des Klimasystems zu verhindern“. Das ist zu allgemein. Die Konvention muss stählerne Zähne bekommen – insbesondere eine Marschtabelle für die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft. Diese Verschärfung kann nicht vor 2015 geschehen, wenn der nächste große Report des UN-Klimarats erschienen ist. Dann wird die Dramatik der Welt-Lage unmissverständlich klar sein.

Das Gespräch führte Joachim Wille.

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