Die Schlagzeilen vor dem Kopenhagen-Klimagipfel sind pessimistisch: "Die Welt vertagt den Klimaschutz." Haben Sie Kopenhagen auch abgeschrieben?
Die jetzige Situation kommt wenig überraschend. Auf dem Apec-Treffen in Singapur wurde nur offen ausgesprochen, was sich schon länger abzeichnete. Seit einem Jahr sind praktisch keine Fortschritte erzielt worden. Unter diesen Bedingungen ist es sogar ratsam, sich nicht auf den erstbesten Kompromiss zu einigen. Unter einer Bedingung wird Kopenhagen dennoch zu Erfolg führen: Wenn die durch die Verzögerung gewonnene Zeit genutzt wird, einen wirklich tragfähigen Klimavertrag auszuhandeln, der dem Klimaproblem angemessen ist.
Was muss passieren, damit 2013 ein neues, ambitioniertes Klimaprotokoll den zu schwachen Kyoto-Vertrag ersetzen kann?
Das Mindeste, was in Kopenhagen auf den Weg gebracht werden müsste, ist ein politischer Konsens über die Zwei-Grad-Erwärmungs-Leitplanke und die wesentlichen Grundsätze der Lastenverteilung. Wenn dort die Staats- und Regierungschefs der Industrienationen zusammenkommen, allen voran US-Präsident Obama und der chinesische Staatspräsident Hu, und diese Vereinbarung verbindlich festschreiben, dann wäre die größte Hürde genommen. Die Details der Lastenverteilung zwischen den Ländern und die Zwischenziele sind dann spätestens in den nächsten ein bis zwei Jahren völkerrechtlich auszuhandeln.
Was muss praktisch geschehen, um die Erderwärmung bei maximal zwei Grad zu halten?
Ideal wäre es, wenn sich die Weltgemeinschaft auf ein globales Emissionsbudget einigen könnte und dieses dann auf die Regionen und Staaten der Welt verteilte. So hat es der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung vorgeschlagen.
Ist das denn realistisch? Die USA bremsen, die EU zögert mit Hilfszusagen, und China hat sogar das grundlegende 50-Prozent-CO2-Reduktionsziel gekippt?
Nun wird sich zeigen, wer politische Leadership zeigt. Ohne wirklichen politischen Mut wird es nicht gehen. Übrigens zeigt unsere Forschung ganz klar, dass die Vorreiter sogar ökonomisch stark profitieren können.
Welche Länder könnten denn noch für Bewegung in den fest gefahrenen Verhandlungen sorgen?
Ich halte es durchaus für möglich, dass Schwellenländer wie China und Indien eine konstruktive, vielleicht sogar entscheidende Rolle spielen können. China nimmt die Folgen des Klimawandels mehr und mehr als Bedrohung seiner volkswirtschaftlichen Entwicklung wahr und ist gerade im Hinblick auf seine hohe Bevölkerungszahl an einem globalen Abkommen interessiert, das den chinesischen Bevölkerungsreichtum berücksichtigt. Gleiches gilt für Indien. Indien könnte von der Einführung eines globalen Emissionshandels am stärksten profitieren: Anders als China beruht der Wirtschaftsaufschwung wesentlich auf dem Aufbau einer modernen Dienstleistungsgesellschaft. Nicht gebrauchte Emissionsrechte könnten verkauft werden.
Kopenhagen wird nur dann kein Flop, wenn die wichtigen Politiker der Welt dort auftreten. Glauben Sie, Obama kommt?
Seit heute wissen wir, dass Bundeskanzlerin Merkel in Kopenhagen dabei sein wird - ein Grund mehr für Präsident Obama.
Interview: Joachim Wille
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