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Klimawandel
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29. November 2015

Klimagipfel: Lügen der Industrie gegen die Klimapolitik

 Von Sandra Kirchner
Schornsteine und Kühltürme im Ruhrgebiet - die Industrie tut viel dafür, um die Schadstoffbelastung durch CO² zu verharmlosen.  Foto: dpa

Nachdem die Erderwärmung nicht mehr zu leugnen ist, verlegt sich die Industrie darauf, die Energiewende schlechtzumachen. So hat Exxon bereits 31 Millionen Dollar ausgegeben, um die Klimawissenschaft zu diskreditieren.

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In der Vergangenheit haben Klimaskeptiker in den USA und hierzulande die Erderwärmung lediglich angezweifelt. Doch ihre Thesen werden immer weniger geglaubt. Also versuchen die Leugner, mit finanzkräftiger Unterstützung von Kohle- und Erdöl-Industrie die Klimapolitik und die Energiewende in Verruf zu bringen.

Ein Beispiel dafür ist Exxon Mobile. Der US-amerikanische Ölkonzern steht unter Verdacht, Falschangaben zum Klimawandel gemacht und so seine Anleger getäuscht zu haben. Der New Yorker Staatsanwalt Eric Schneiderman hat Finanzdaten, E-Mails und weitere Dokumente von Exxon angefordert. Denn eine eigene Forschungsabteilung versorgte die Chefetage jahrzehntelang mit Informationen. Demnach wusste Exxon spätestens seit Ende der 1970er von den unumkehrbaren Auswirkungen des Klimawandels.

Zweifel am Klimawandel anheizen

Doch der Konzern hielt das brisante Wissen unter Verschluss, stützte stattdessen rechtskonservative und klimaskeptische Denkfabriken mit viel Geld. 31 Millionen Dollar hat Exxon seit 1998 ausgegeben, um die Klimawissenschaft zu diskreditieren. 69 Einrichtungen wie das American Enterprise Institute, einer der reichsten und größten Thinktanks in den USA, oder die Mason University sollten die Zweifel am Klimawandel anheizen.

Besonders aktiv scheinen die Leugner vor internationalen Klimaverhandlungen zu werden. Vor dem Gipfel in Kopenhagen 2009 wurden gehackte E-Mails und Daten von Klimaforschern der britischen University of East Anglia veröffentlicht – die Wissenschaftler sollten unsauber gearbeitet haben. Der Vorwurf entbehrte, wie sich später erwies, jeder Grundlage, doch die Skeptiker bliesen den Vorfall zum Climategate auf. Der Samen des Zweifels war gesät. Auch vor Paris sind die Leugner wieder aktiv. „Wir sehen einen ähnlichen Ansatz“, sagt der Physiker John Cook, der den Wissenschaftsblog Skeptical Science gegründet hat. „Man wiederholt alte Klima-Mythen wie ‚CO2 ist Pflanzennahrung‘ oder ‚Klimaschutz hat keine Auswirkungen auf die weltweiten Temperaturen‘“.

Allerdings lässt sich der Klimawandel auch in den USA nicht mehr so einfach leugnen. Laut dem Klimawissenschaftler Daniel Bedford von der Weber State University in Utah sind die Ermittlungen gegen Exxon ein Indiz dafür. Noch 2009 sei ein Gesetzesentwurf mit dem Ziel, die Treibhausgasemissionen zu senken, gescheitert, heute dagegen habe sich die klimapolitische Debatte verändert. „Nachdem Präsident Obama im vergangenen Jahr seinen Klimaschutzplan veröffentlicht hat, sehe ich nicht viel mehr Potenzial, als die üblichen Anhänger zu erreichen“, sagt Bedford.

Zwar ist Exxon einer der größten Unterstützer der Leugner in den USA, doch die Koch-Brüder schlagen den Öl-Giganten um Längen, wenn es darum geht, Kampagnen zur Diskreditierung von Klimawissenschaft und -politik zu finanzieren. Seit 1997 hat der Mischkonzern Koch Industries, der sein Geld unter anderem mit Erdöl, Erdgas, Kunstdünger und Energie verdient, mindestens 79 Millionen US-Dollar ausgegeben, um die Zweifel in der Öffentlichkeit zu schüren.

Welche Auswirkungen die Unterstützung der Öl-Industrie hat, belegt eine kürzlich veröffentlichte Studie. Demnach agieren Gruppen, die Geld von Koch, Exxon und Co. erhalten, koordinierter, ihnen gelingt es besser, die Klimawissenschaft zu verunglimpfen. Allerdings glaubt John Cook, dass der Einfluss der Leugner auch in den USA allmählich schwindet. So hätten zwar konservative Gruppen die Anzahl ihre Angriffe auf die Klimaforscher erhöht, aber in den Medien würde dies seltener aufgegriffen. Also beschränken sich die „Skeptiker“ nicht länger aufs Leugnen. „Nun scheint es mehr um die Kosten der Energiewende zu gehen“, sagt Bedford. So habe beispielsweise der konservative Senator Mitch McConnell aus dem kohlereichen Kentucky den Clean Power Plan von Obama als „Krieg gegen die Kohle“ bezeichnet.

Auch in Deutschland ist die Debatte erlahmt. „Ihr zentrales Argument verfängt einfach nicht mehr“, sagt Carsten Smid, Kampagnenleiter Klima und Energie bei Greenpeace. Nach Ansicht der Klimaskeptiker soll die globale Erwärmung seit dem großen El Niño von 1998 eine Pause eingelegt haben. Also propagiert das Europäische Institut für Klima und Energie (Eike) den großen Stillstand und versucht, seine klimaskeptischen Positionen in der Öffentlichkeit zu streuen.

Wissenschaftliche Angestellte braucht der Verein dafür nicht. Stattdessen warnen ein Präsident, ein Vizepräsident und zwei Pressesprecher die Bevölkerung vor dem „Schwindel“: Naturwissenschaftlich begründbar sei der menschengemachte Klimawandel nicht. Doch die vergangenen Jahre zeigen anderes: 2014 war in Deutschland das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, auch weltweit erreichten die Durchschnittstemperaturen neue Höchstwerte. Und schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Temperaturen in diesem Jahr noch höher liegen werden. „Die Debatte um die Pause beim Klimawandel kann nicht mehr ernsthaft geführt werden“, meint denn auch Carsten Smid mit Blick auf die neuen Wärmerekorde. Die Argumentation der Klimaskeptiker verfange nicht mehr, weil es keinen Resonanzboden gebe.

Anzeigenkampagne von Vattenfall

Also werden neue Geschütze aufgefahren: gegen die Energiewende und die Klimapolitik. „Mangels Argumenten musste der Thinktank zwangsläufig sein Spektrum erweitern“, sagt Smid. So behauptet das Eike dann auch, der Ausbau der erneuerbaren Energien treibe den Strompreis in die Höhe und gefährde eine sichere Stromversicherung. Mit wenig Erfolg: Die Zustimmung für den Ausbau der Erneuerbaren ist ungebrochen hoch.

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Unklar ist indes, wie sich die Klimaskeptiker in Deutschland über Wasser halten. Eike finanziert sich nach eigenen Angaben durch Mitgliedsbeiträge und Spenden, aber anders als in den USA müssen solche Geldflüsse nicht veröffentlicht werden. Allerdings geht Smid von Greenpeace davon aus, dass hierzulande vergleichbare Strukturen wirken wie in den USA und verweist auf Vattenfall. „In der Lausitz finanziert der Energiekonzern den Verein ‚Pro Lausitz‘“ sagt Smid. Der Verein bezeichnet sich selbst als heimatverbundene Bürgerbewegung, die für den Erhalt und die Erweiterung der Tagebaue in der Region kämpft.

Eine groß aufgelegte Anzeigenkampagne von Vattenfall sollte die Lausitzer im vergangenen Jahr vom Nutzen des Kohleabbaus überzeugen. Was die Kampagne gekostet hat und wie viel Geld an den Verein geflossen ist, hat Vattenfall allerdings nicht öffentlich gemacht.

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