Die Wirtschaftskrise vernichtet Geld, Unternehmen und Jobs - aber sie nützt, zumindest kurzfristig, dem Weltklima. Der Ausstoß von Treibhausgasen wird nach Schätzungen von Umweltforschern in diesem Jahr zurückgehen - erstmals nach einem Jahrzehnt besonders starker Zunahme aufgrund der boomenden globalisierten Wirtschaft. Vor allem das weltweite Minus bei der Industrieproduktion und das verringerte Wachstum in China und Indien, wo sehr viel "schmutzige" Kohle verbrannt wird, wirkt sich für die CO2-Bilanz positiv aus.
Die Weltwirtschaft ist 2009, so lauten die jüngsten Prognosen, erstmals seit 1945 wieder auf Schrumpfkurs. Der IWF rechnet mit einem "Minus-Wachstum" von 0,5 Prozent. Noch pessimistischer zeigt sich die Weltbank; sie schätzt zum Beispiel, dass der Sektor Industrieproduktion um 15 Prozent zurückgeht. Das drückt den Energieverbrauch und CO2- Ausstoß noch stärker. Der Grund: Energieintensive Branchen wie Stahl, Chemie, Maschinen- und Fahrzeugbau leiden verschärft unter der Krise.
Das Kyoto-Protokoll und sein Nachfolger, der im Dezember bei dem Weltklimagipfel in Kopenhagen die Ziele für 2020 festlegen wird, soll die Folgen des Klimawandels beherrschbar halten. Die Grenze dafür liegt bei einem Plus von zwei Grad Celsius - 0,8 Grad sind bereits erreicht.
Klimaforscher fordern: Industriestaaten müssen ihren CO2-Ausstoß bis 2020 um 25 bis 40 Prozent senken - verglichen mit 1990. Die Emissionen aus Entwicklungs- und Schwellenlän- dern dürfen derzeit noch zunehmen.
Bis 2050 müssen die Treibhausgas- Emissionen global halbiert und die der Industriestaaten um 80 Prozent redu- ziert werden.
Die EU ist Vorreiter und will den CO2-Ausstoß gegenüber 1990 um 20 Prozent senken. Ziehen noch andere Industriestaaten mit, würde sie auf 30 Prozent gehen. Der EU-Level liegt heute bei etwa minus fünf Prozent. Bis 2020 fehlen weitere 15 Prozent.
Die anderen Industrieländer haben bislang ihre Kyoto-Pflichten weitgehend ignoriert. US-Präsident Obama peilt nun an, die in den USA zwischenzeitlich um rund 16 Prozent angestiegenen Emissionen wieder auf das Niveau von 1990 abzusenken. Australien will um "fünf bis 15 Prozent" runter (bezogen auf 2000), Kanada zielt auf 20 Prozent (bezogen auf 2006). Japan und Russland haben sich bisher nicht geäußert.
Schwellenländer wie China sollen sich in Kopenhagen dazu verpflichten, die CO2-Wachstumskurve aktiv "abzu- flachen". Mit Hilfszusagen halten sich die Industrieländer aber zurück.
Der heute beginnende EU-Gipfel sollte hier konkrete Vorschläge machen. Doch das wird nicht mehr erwartet. Umweltschützer haben die Union aufgefordert, endlich "Zahlen auf den Tisch zu legen". jw
Etwa zwei Prozent weniger CO2
"Alles zusammen genommen dürfte die CO2-Reduktion bei etwa zwei Prozent liegen", sagt Professor Gernot Klepper vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) im Gespräch mit der FR. Auch die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, erwartet einen CO2-Effekt "in dieser Größenordnung". Einen stärkeren Rückgang habe es seit dem zweiten Weltkrieg noch nicht gegeben - auch nicht in der Ölkrise 1973.
Öl, Erdgas und Kohle sind zwar aufgrund der geringeren Nachfrage in der Rezession viel billiger als im Vorjahr geworden, was den Verbrauch erhöht. Ein Barrel Erdöl, das Mitte 2008 fast 150 US-Dollar kostete, ist nun für unter 50 zu haben. Allerdings wird die Energie dank technischer Fortschritte jedes Jahr üblicherweise um rund ein Prozent effektiver genutzt. Für Klepper ist das ein Nullsummenspiel: "Die beiden Tendenzen dürften sich aufheben."
Aufatmen wegen der Entlastung im "Treibhaus Erde" wäre aber fehl am Platze. Denn eine Trendwende zu mehr Klimaschutz bedeutet ein CO2-Minus von zwei Prozent noch nicht.
Erstens steigt die Konzentration des gefährlichen Treibhausgases in der Atmosphäre ja auch bei etwas geringerer "Neu-Injektion" aus Schornsteinen und Auspuffen weiter an. Vor der Industrialisierung um 1850 lag die CO2- Konzentration in der Luft bei 0,028 Prozent (280 ppm), derzeit sind es bereits 0,0386 (386 ppm). Zuletzt kamen jedes Jahr zwei bis drei ppm hinzu.
Zweitens rechnen Experten damit, dass Energieversorger, Industrie, Verkehr und Haushalte dem Globus möglicherweise bereits ab 2010 wieder stärker einheizen - wenn die Weltwirtschaft sich erholt und kein forcierter Umstieg auf klimafreundliche Technologien geschieht, wie ihn das UN-Umweltprogramm als "grüner New Deal" zur Überwindung der Wirtschaftskrise fordert.
Die Klima-Lage hatte sich vor dem Finanz- und Wirtschafts-crash im vorigen Herbst noch dramatischer entwickelt als von Klimaforschern befürchtet. Im Jahr 2008 lag der globale Ausstoß von Treibhausgasen bei 31 Milliarden Tonnen CO2 - rund die Hälfte mehr als 1990. Damals waren es erst 22 Milliarden gewesen. Trotz Kyoto-Protokoll, Windkraft-Boom und grünem Bewusstsein: von realem Klimaschutz keine Spur.
Die Chance zur Trendwende, die die 90er Jahre boten, wurde nicht ergriffen. Der CO2-Ausstoß stieg nach der politischen Wende nur wenig an. Denn der Zusammenbruch der Industrie im Ex-Ostblock ließ dort die Emissionen stark absinken - zum Teil um ein Drittel. Das glich die ungebremste CO2-Zunahme in Industrieländern wie USA, Kanada und Australien sowie in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien aus. Seit etwa 2000 aber ging die globale CO2-Kurve wieder stark nach oben. "Der Ostblock-Einspareffekt war weg, auch dort stiegen die Emissionen an", erläuterte der Chef des UN-Klima-Sekretariats in Bonn, Yvo der Boer. Pro Jahr wuchs der globale CO2-Ausstoß um zwei bis drei Prozent.
Besonders gravierend wirkte sich der Energieträgerwechsel in China aus. Das Boomland stieg wegen des teurer werdenden Erdöls verstärkt auf die billige heimische Kohle um. "Das erhöhte den CO2-Ausstoß zusätzlich, weil bei Kohle deutlich mehr Treibhausgase entstehen", erläutert Ökonom Klepper. China überholte sogar den Klimasünder Nummer eins, die USA. Beide zusammen sind für rund 40 Prozent der globalen CO2-Frachten verantwortlich.
Klar ist: Die Rezession bringt an der Klimafront allenfalls eine kleine Entlastung. Die Industriestaaten können dadurch ihre Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll leichter erfüllen, das sie verpflichtet, den CO2-Ausstoß bis 2012 um im Schnitt fünf Prozent zu vermindern.
Nur Europa ist dem Ziel nahe
Bislang liegt nur Europa in der Nähe der Zielmarke. Eine grundlegenden Trendwende aber kann nur ein "grüner New Deal" bringen, also massive Investitionen in Energiesparen und erneuerbare Energien - analog zu Franklin Roosevelts Wirtschaftprogramm aus den 30er Jahren.
Das UN-Umweltprogramm Unep schätzt, dass dazu rund ein Drittel der 2,5 Billionen Dollar aus den weltweiten Konjunkturprogrammen ökologisch eingesetzt werden müssten. Die Krise würde zum Startpunkt des ökologischen Umbaus von Industrie, Verkehr und Haushalten. "Von den Summen, die hier zur Verfügung stehen, hätte man vor einem Jahr nicht einmal träumen können", sagt Unep-Chef Achim Steiner.
Tatsächlich stecken Länder wie die USA, China und Korea einen nicht unerheblichen Teil ihrer Konjunkturprogramme in grüne Technologien. Washington investiert 100 Milliarden Dollar etwa in Öko-Energien, Wärmedämmung, ein intelligentes Stromnetz und sauberes Wasser. China ist sogar mit 140 Milliarden dabei. Das neue Öko-Musterland aber ist Südkorea. Es stellt zwar "nur" 36 Milliarden bereit - das aber sind satte drei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Selbst die Unep wagt nur, ein Prozent von den Staaten der Welt für die Rettung des Planeten zu fordern.
Die Politik muss sich - etwa beim G20-Gipfel im April in London - entscheiden: Will sie nur das alte Wirtschaftssystem stabilisieren oder die überfällige Wende zum solaren Zeitalter anstoßen. John Ashton, der Sondergesandte der britischen Regierung für Klimafragen, brachte das Problem auf den Punkt: "Wir müssen den Klimaschutz als Teil der Lösung der Wirtschaftskrise darstellen. Die Welt wird nicht noch einmal zwei Billionen Dollar aufbringen, um die globale Erwärmung zu bekämpfen, wenn sie soeben eine solche Summe zur Stabilisierung der Wirtschaft aufgebracht hat."
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