Während ich aus 10.000 Metern Höhe auf die isländischen Gletscher schaue, frage ich mich, was nur in den USA aus meinem klimafreundlichen Leben werden soll. Schließlich verursacht der Durchschnitts-Amerikaner rund 20 Tonnen CO2 im Jahr, dem Durchschnitts-Deutschen reicht die Hälfte.
Doch die ersten Tage in Madison, angeblich eine der umweltbewusstesten Städte der USA, beruhigen mich. In Bioläden kann ich frisches Gemüse kaufen und mit dem Rad der Nachbarin sind es nur zehn Minuten bis ins Zentrum. Die großen Straßen haben alle Fahrradspuren und die Bike-Paths verbinden die Wohngebiete mit Downtown Madison.
Einen solchen Radweg hätte ich auch gerne zu Hause. Ein bisschen erinnert er an eine Autobahn. Es gibt Auf- und Abfahrten, einen Mittelstreifen und das Beste: die Straße ist weit weg. Wenn andere Radler mich überholen, rufen sie von hinten: "Pass on your left" und ich muss mich nicht erschrecken wenn kurz darauf links von mir ein Rennrad vorbei saust. Auf dem Radweg ist viel los.
Doch ganz langsam erkenne ich auch, warum die US-Bürger so viel CO2 verursachen. In Madison wird es im Winter schnell minus 20 Grad Celsius, doch die Holzhäuser sind schlecht isoliert. Heizkörper gibt es keine.
Stattdessen sorgt in den Privatwohnungen auch im Winter eine Klimaanlage für die richtige Temperatur. Obwohl es richtig in diesem Fall nicht gibt. So stehen - etwa im Studentenwohnheim - viele Fenster offen.
Den Bewohnern ist es einfach zu warm, doch sie können die Temperatur in ihrem Zimmer nicht beeinflussen, also lassen sie die Wärme einfach raus. Auf öffentlichen Toiletten hängen elektronische Handtuchspender. Wenn ich die Hand vor den Sensor halte, surrt der Automat kurz, dann hängt unten ein Papierhandtuch heraus.
In einem Park herrscht schon Weihnachtsstimmung. Firmen haben aus Lichterketten Figuren gebastelt. Blinkende Rentiere springen über die Straße, Schneewittchen klettert leuchtend eine Leiter hoch und das Wappen der Football-Mannschaft erstrahlt in kräftigem Rot. Was sind da schon ein paar Tomaten?
Ich beschließe eine Mall am Stadtrand zu besuchen. Mit dem Bus bin ich eine Stunde unterwegs. Die Hälfte der Zeit stehe ich an einer Haltestelle. Ich friere, mal wieder. Das eigentliche Einkaufszentrum, die Westgate-Mall, liegt in einer fast 300 Fußballfelder großen Landschaft aus Parkplätzen, Geschäften und Drive-In-Restaurants.
Ich nehme den Gewaltmarsch von der Haltestelle zum Walmart auf der anderen Seite der Autobahn auf mich. Der riesige Discounter verkauft nicht nur Schrotflinten, sondern auch Energiesparlampen. Immerhin. Doch energieeffiziente Kühlschränke finde ich bei meinem fünf-stündigen Streifzug nicht.
Mir fällt der Witz meines Kollegen wieder ein und ich frage mich, wie den US-Amerikanern die Eine-Tonne-CO2-Welt wohl gefallen würde.
Die Regierung, die ihnen ihre Rindfleischburger, ihre Jeeps und ihre Weihnachtslichter nimmt, dürfte es bei der kommenden Wahl schwer haben. So können also wohl nur die helfen, die mit ein paar Einschränkungen ihre Klima-Bilanz aufbessern. Das weiß ich nach vier Wochen.
Ich weiß nun aber auch, dass ich meine Ideale in Sachen Klimaschutz oft genug über Bord geworfen habe. Ich trinke wieder Milch im Kaffee, lege eine Scheibe Käse auf meinen Kichererbsenburger und ich habe zwei paar Schuhe und eine Handvoll T-Shirts gekauft.
Die Angebote waren einfach zu verlockend. Wenn ich ehrlich zu mir bin, muss ich zugeben: Ich bin gescheitert. Aber immerhin habe ich vier Wochen lang nicht eine Tomate gegessen und ich friere nicht mehr so schnell. Jetzt freue ich mich auf den Sommer. Wieder mehr zu heizen, ist einfach nicht drin.
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