Die Tomaten sind das Erste, was mir auffällt. Gerade habe ich beschlossen, vor dem entscheidenden Gipfel in Kopenhagen vier Wochen lang klimafreundlich zu leben, da merke ich, dass ich damit auch meine Essgewohnheiten ändern muss. Es soll für mich die größte Herausforderung werden.
Ich esse gern Tomaten. Doch nun muss ich sie im November von meinem Speiseplan streichen. Es gibt im Winter einfach keine Biotomaten, die in der Wetterau unter freiem Himmel wachsen (siehe Animation). Schon beim ersten Einkauf wird mir daher schnell klar, vor welche Schwierigkeiten mich mein neues klimafreundliches Leben stellen wird.
Auf dem Erzeugermarkt stelle ich mich in die Schlange am Biostand. Ich frage die Marktfrau, ob der Koriander aus dem Gewächshaus ist. Sie nickt. "Natürlich", sagt sie. "Das geht doch jetzt gar nicht mehr anders." Dann will ich keinen. "Aber das ist nichts dran. Der ist Bio", sagt sie. Eigentlich sollte ich ihr jetzt erklären, dass die Klimabilanz ihrer Gewächshauskräuter ziemlich schlecht ist, weil es viel Energie kostet, das Grünzeug zu beheizen. Aber ich komme mir jetzt schon wie ein Freak vor. Ich kaufe zwei Knollen Fenchel - Freiland.
Zum Abendessen habe ich zwei Freunde eingeladen. Das klimafreundlich Dinner - Nudeln mit Tofu, Pilzen und Kürbis, dazu Endivchen-Salat mit Fenchel - kommt noch gut an, das klimafreundlich geheizte Wohnzimmer dagegen nicht. "Das ist aber schon etwas kalt", sagt der eine und setzt sich direkt an die Heizung.
Der andere hat extra schon einen dicken Wollpullover angezogen. Wir schauen die Sportschau und frieren. Das Thermometer zeigt 18 Grad Celsius. Mit jedem Grad mehr, würde ich sechs Prozent mehr Energie verbrauchen.
Meine Heizung verbrennt Erdgas und setzt damit kräftig CO2 frei. Nur wie bekomme ich meinen Vermieter dazu, eine Holzpellet-Heizung einzubauen? Beim Deutschen Mieterbund erklärt man mir, dass ich da als Mieter keine rechtlichen Möglichkeiten habe. Ich könne nur versuchen, meinen Vermieter zu überzeugen. In vier Wochen ist das wohl kaum zu schaffen. Zumindest vorerst müssen meine Freunde und ich also weiter frieren.
Mein Plan ist ehrgeizig: Ich will meinen privaten CO2-Verbrauch auf eine Tonne im Jahr senken. So viel darf nach den Berechnungen des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) jeder Mensch verursachen, wenn sich die Erde nicht um mehr als zwei Grad erwärmen soll.
Allein mit dem Strom komme ich auf fast 700 Kilogramm CO2 im Jahr. Ich wechsele zu Ökostrom und spare so 670 Kilogramm ein. Das entspricht fast 20.000 Kilogramm Freilandtomaten aus biologischem Anbau.
Meinen Konsum will ich ebenfalls einschränken. Keine neuen Möbel, keine neuen Kleider und vor allem keine neuen Elektrogeräte. Zur Arbeit fahre ich ohnehin schon mit dem Fahrrad. Da kann ich also kein CO2 einsparen.
Meine neuen Essgewohnheiten werden langsam zum Dauerthema. Vor allem die Soja-Milch und der Tofu bescheren mir immer wieder kritische Fragen. Nein, für Bio-Soja werden keine Regenwälder abgeholzt. Diese Sojabohnen werden an Schweine verfüttert.
Eine Kuh = 18.000 Kilometer Auto fahren
Nein, der Transport versaut die CO2-Bilanz der Soja-Milch nicht. Vielmehr haben Milchprodukte und Fleisch allgemein keine gute Klimabilanz. In Kuhmägen entsteht beim Wiederkäuen Methan. Weil Methan die Atmosphäre 21 mal so stark aufheizt wie CO2, verursacht eine Kuh pro Jahr in etwa genauso viele Klimagase, wie ein Auto mit 18.000 Jahres-Kilometern.
Aber der Käse fehlt mir doch sehr. Weil ich mich an die Soja-Milch im Kaffee nicht gewöhnen will, trinke ich ihn schwarz: Klimafreundlich leben, heißt verzichten.
Mit dem rohen Kohlrabi, den frischen Äpfeln und dem Soja-Joghurt zum Mittagessen habe ich dagegen kein Problem. "So sieht die Zukunft aus", sage ich zu einem Kollegen, der mich in der Mittagspause bedauert. "Das erlebe ich aber hoffentlich nicht mehr", scherzt er. "Da müsste ich mich ja dem radikalen Widerstand anschließen." In dem Witz steckt eine Menge Wahrheit. Das wird mir gut zwei Wochen später klar. Jetzt lache ich nur.
Nach zwei Wochen ist meine Klimabilanz deutlich besser als zu Beginn. Laut dem Rechner des Umweltbundesamtes spare ich nun mit neuem Speiseplan, Ökostrom und kühlem Wohnzimmer mehr als drei Tonnen CO2 im Jahr. Doch ich bin immer noch bei vier Tonnen - meine Reisen nicht eingerechnet.
Der nächste Flug ist schon gebucht. Es geht nach Madison, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Wisconsin. Den Urlaub hatte ich schon geplant, bevor ich mich auf mein neues Leben eingelassen habe. Absagen will ich ihn nicht.
Meine Lebensgefährtin lebt derzeit dort. Ohne Flugreisen würden wir uns gut ein Jahr nicht sehen. Doch mit dem Flug bin ich alleine schon für 4,5 Tonnen CO2 verantwortlich. Er allein verursacht also mehr Klimagase, als ich sonst in einem ganzen Jahr verbrauchen würde. Ich brauche einen Ausweg.
Zum Glück kann man alles kaufen - auch die Erlösung von der großen CO2-Sünde. Die Firma Atmosfair bietet Ausgleichszertifikate für Privatleute an. Mit dem Geld werden etwa Ökostrom-Projekte in Honduras oder Indien finanziert.
Mein Flug wird dadurch gerade mal 108 Euro teurer. Warum es nicht generell eine Klimasteuer auf Kerosin gibt, kann ich nun noch weniger nachvollziehen. Ein bisschen weniger Freiheit, hätte mir sicher auch den ein oder anderen Rückfall erspart.
Einmal habe ich mir beim Italiener eine Pizza mit viel Käse geholt und bei einem Besuch in Fulda, Anreise mit dem Zug, bin ich mit dem Auto in den Supermarkt gefahren und habe so die Klimabilanz des Rosenkohls versaut.
Beim Transport der Lebensmittel schlagen die hundert Autos, die den Rosenkohl nach Hause fahren, viel mehr zu Buche, als der LKW der die 100 Kilo Rosenkohl in den Supermarkt bringt. Vor lauter schlechtem Gewissen habe ich dann abends auf das Auto verzichtet, bin mit einem geliehenen Rad zu Freunden gefahren und habe wieder mal kräftig gefroren.
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