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Klimawandel
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26. September 2013

Klimawandel: „Das Zwei-Grad-Limit ist noch drin“

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Die Erdtemperatur steigt derzeit nicht mehr so stark wie zuvor. Doch Klimaforscher können keine Entwarnung geben.  Foto: dpa

Der Klimaforscher Professor Hartmut Graßl warnt vor Illusionen über die Erwärmungspause – danach sei ein stärkerer Anstieg der Temperaturen wahrscheinlich.

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Herr Professor Graßl, der UN-Klimarat IPCC hält an seinen Warnungen vor der Erderwämung fest, allerdings könnte der Temperaturanstieg bis 2100 etwas geringer ausfallen. Haben die Wissenschaftler bisher überzogen?

Nein. Seit dem ersten UN-Klimabericht 1990 gab es zu Recht keinerlei Rücknahme der Warnung. Es zeigte sich eher, dass viele Ökosysteme empfindlicher gegenüber den Temperaturänderungen sind, als man anfangs dachte. Was genau im neuen Bericht dazu stehen wird, wird erst in dieser Woche bei dem IPCC-Treffen in Stockholm festgelegt – und zwar auf der Basis aller wissenschaftlichen Veröffentlichungen dazu.

Zur Person

Hartmut Graßl ist einer von Deutschlands renommiertesten Klimaforschern.

Der Professor führte das Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI) in Hamburg und leitete mehrere Jahre das Weltklimaforschungs-programm der UN bei der World Meteorological Organization (WMO) in Genf. Für den Entwurf des neuen IPCC-Reports ware er Korrekturleser.

Die Spanne der Temperatur-Vorhersagen ist aber immer noch sehr breit. Warum?

Ein Grund ist, dass noch nicht alle Rückkoppelungen im Klimasystem voll verstanden werden – etwa der Wasser-Kreislauf. Verstärkte Wolkenbildung könnte die Erwärmung abbremsen. Daher wird man auch weiterhin eine Spanne für die mittlere globale Erwärmung angeben. Ursprünglich ging man von einer Erwärmung um 1,5 bis 4,5 Grad Celsius bei einer Verdoppelung des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre aus, die je nach unserem Verhalten schon in einigen Jahrzehnten erreicht werden könnte. Bisher hat sich an dieser Spanne kaum etwas geändert. Die physikalische Grundlage des erhöhten Treibhauseffektes ist in der Wissenschaft nicht umstritten.

Die mittlere Temperatur ist seit gut einem Jahrzehnt nur noch mäßig angestiegen, obwohl der Kohlendioxid-Ausstoß weiter wächst. Trotzdem keine Entwarnung?

Es gibt eine „Erwärmungspause“ an der Erdoberfläche, aber das ändert an der Gesamttendenz nichts. Wer sich die Temperaturkurve der Erde genauer ansieht, wird immer wieder Jahrzehnte finden, die gegenüber dem vorhergehenden eine leichte Abnahme oder Stagnation zeigen – entweder, weil es einen großen Vulkanausbruch gab oder die Meere aufgrund veränderter Meeresströmungen mehr Wärme aufnehmen. Letzteres scheint derzeit der Fall zu sein.

Erwarten Sie, dass die Temperaturen nach der „Pause“ wieder stärker steigen?

Das ist wahrscheinlich. Bisher kann man nur feststellen: Die wärmsten Jahre seit Beginn der globalen Lufttemperatur-Messungen anno 1860 waren die Jahre 2010, 2005 und 1998. Das vergangene Jahrzehnt war das eindeutig wärmste. Innerhalb dieses Jahrzehnts gab es allerdings keinen signifikanten Trend.

Der renommierte Klimaforscher Hans von Storch hat Zweifel an den Prognosen geäußert. Er sagt: Falls die Temperaturen noch einige Jahre so wenig ansteigen, müssen die Klimamodelle fehlerhaft sein. Hat er recht?

Auch hier sage ich: Wir müssen weiter systematisch beobachten. Erst dann können wir die Fehlermargen der Klimamodelle begründet verringern. Wir debattieren dabei aber nicht über massive Änderungen im Grundverständnis, sondern „nur“ über höhere Wahrscheinlichkeiten für eine bestimmte Temperaturänderung.

Was sind die wichtigsten neuen Erkenntnisse der Forschung, die in den neuen IPCC-Report einfließen – im Vergleich zum letzten Bericht von 2007?

Es sind wohl zwei Punkte: Erstens die stark nach oben gerückte Spanne für den Meerespiegel-Anstieg im 21. Jahrhundert – erwartet wird ein Anstieg um bis zu einem Meter. Und zweitens die Aussage, dass die beobachtete Erwärmung der letzten Jahrzehnte „höchstwahrscheinlich“ von uns Menschen verursacht ist.

Im letzten Report fanden sich mehrere Fehler, die den Weltklimarat in schwere Bedrängnis brachten. Etwa die Annahme, dass die Himalaya-Gletscher bis zum Jahr 2035 abschmelzen könnten. Richtig war allerdings das Jahr 2350.

Es waren meist Flüchtigkeitsfehler, die von interessierten Kreisen aufgebauscht wurden. Sie haben die Kernaussagen der Reports nicht betroffen. Trotzdem war es Schlamperei. Ich hätte nicht erwartet, dass so etwas trotz mehrfacher, formalisierter Begutachtungen noch immer durchrutschen konnte.

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Ist denn diesmal gesichert, dass solche Fehler nicht wieder passieren?

Die Prozeduren sind deutlich verschärft worden. Dennoch kann man Fehler, auch diesmal nicht ausschließen – wie allerdings bei jedem anderen Menschenwerk.

Einzelne Klimaforscher haben die Sorge geäußert, der neue Report könne am Ende „zu vorsichtig“ ausfallen, um keine Angriffsfläche zu bieten. Teilen sie dies?

Ich war selbst Autor für die ersten beiden Berichte und vertrat Deutschland in den Gremien des Weltklimarats. Mir waren manche Äußerungen schon damals etwas zu vorsichtig. Mich haben dann aber so hervorragende Wissenschaftler wie der frühere IPCC-Chef Bert Bolin davon überzeugt, dass es besser ist, vorsichtig zu bleiben.

Der Kampf gegen den Klimawandel ist auf der politischen Agenda weit nach unten gerutscht. Ist es denn noch möglich, das Zwei-Grad-Erwärmungslimit noch einzuhalten?

Es ist noch drin. Voraussetzung ist aber eine rasch erfolgreiche Energiewende in Deutschland, die viele Nachahmer in anderen Ländern bekommt. Außerdem brauchen wir ein globales Klimaabkommen für die Zeit nach 2020, das wie geplant 2015 in Paris verabschiedet wird – und das sich gewaschen hat.

Interview: Joachim Wille

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