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Klimawandel
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25. November 2015

Klimawandel: Deutschland muss sich auf Hitzewellen einstellen

 Von Sandra Kirchner
Ein Bericht des Umweltbundesamtes zeigt: Vor allem das Rhein-Main-Gebiet, München, Berlin und das Rhein-Ruhr-Gebiet werden sich auf Hitzewellen einstellen müssen. Die Hitze erhöht das Gesundheitsrisiko - und gleichzeitig altert die Gesellschaft.  Foto: dpa

Forscher gehen davon aus, dass sie relativ klar vorhersagen können, was der Klimawandel Deutschland bis 2050 bringt. Vor allem das Rhein-Main-Gebiet, Berlin und München müssen sich auf Hitzewellen einstellen, die zahlreiche Gesundheitsrisiken mit sich bringen.

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Sommer 2050: Deutschland ächzt seit Wochen unter Temperaturen über 30 Grad. Vor allem im Rheintal, aber auch in den Ballungsgebieten in Ostdeutschland herrscht eine belastende Hitzewelle. Gab es im Jahr 2015 noch acht bis zwölf Tage mit einer Höchsttemperatur von über 30 Grad Celsius, so haben sie sich inzwischen auf 15 bis 25 verdoppelt. Zugleich ist die deutsche Gesellschaft enorm gealtert: Die Zahl der über 80-Jährigen hat sich verdoppelt. Beides zusammen bedeutet hohe Gesundheitsgefahren: Viele ältere und kranke Menschen kommen mit den heißen Tagen nicht mehr zurecht, ihr Kreislauf bricht zusammen. Mobile Pflegedienste und Seniorenheime sind im Dauereinsatz. „Da rasen zwei Züge aufeinander zu“, sagt Paul Becker, der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD). „Der eine Zug heißt Klimawandel mit seinen immer mehr werdenden extrem heißen Tagen, und das andere ist die demographische Entwicklung.“

Das geschilderte Szenario für den Klimawandel in Deutschland ist keine Fantasie: Inzwischen gehen Klimaexperten davon aus, dass sie relativ klar voraussagen können, was auf Deutschland zukommt. „Zwar brauchen wir auch weiterhin noch Forschung, aber unsere Ergebnisse zur Klimazukunft in Deutschland sind schon jetzt so belastbar, dass sie für die Begründung politischen Handelns nutzbar sind.“

Die Anpassungsstrategie

Seit 2008 hat Deutschland eine Anpassungsstrategie. Konkrete Maßnahmen enthält der Aktionsplan, der drei Jahre später verabschiedet wurde. Forschungs- und Modellprojekte in verschiedenen Handlungsbereichen wie Landwirtschaft, Energie, Tourismus und Gesundheit sollen entwickelt werden.

Der Bund etwa gibt den Kommunen Geld, damit Planungs- oder Ingenieurbüros erforderliche Anpassungen vor Ort entwickeln können. Das Bundeseisenbahnamt prüfte, ob Bäume zu nah an Schienen stehen. Zwischen 2008 und 2013 hat der Bund 317 Millionen Euro für die Anpassung an den Klimawandel ausgeben.

Becker hat zusammen mit dem Umweltbundesamt einen Bericht vorgelegt, der erstmals Klimaauswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland untersucht. Das Ergebnis: fast 700 Seiten, in denen mehr als 72 verschiedene Klimaauswirkungen aufgelistet werden – von der Landwirtschaft über die biologische Vielfalt bis zum Tourismus. Der Bericht zeigt, wo Deutschland am verletzlichsten ist, wo die Achillesferse liegt. Kurz vor der Weltklimakonferenz in Paris erinnert er daran, dass auch hierzulande die Menschen mit gravierenden Veränderungen durch den Klimawandel konfrontiert werden.

Laut der sogenannten Vulnerabilitätsanalyse werden sich vor allem Berlin, München, Rhein-Ruhr- und Rhein-Main-Gebiet auf Hitzewellen einstellen müssen. „Gerade im Süden und im Osten werden Hitzewellen das Gesundheitsrisiko erhöhen“, sagt Maria Krautzberger, die Chefin des Umweltbundesamts, bei der Vorstellung der Studie. Deutschland muss aus Rekordsommern wie dem aus dem Jahr 2003 lernen. Damals starben über 9000 Menschen in Deutschland vorzeitig an Hitzefolgen, in ganz Europa gar über 70 000. Weitere Gesundheitsrisiken durch den Klimawandel: Atembeschwerden durch die hohe Ozonbelastung und neue Krankheitserreger.

Unmittelbar vom Klimawandel betroffen ist auch die Landwirtschaft. Ab der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts drohen Ernteminderungen und -ausfälle, weil im Frühjahr und im Sommer Niederschläge ausbleiben und somit das Wachstum der Anbaupflanzen erschweren. „Dann muss bewässert werden“, sagt Krautzberger. So wie es in Niedersachsen schon heute viele Landwirte tun müssen. Oder die Landwirte müssen sich Alternativen einfallen lassen. Beispielsweise können Abdeckungen mit Mulch ein Austrocknen der Böden verhindern. „Die Landwirte sind in der Lage, sich auf die Klimaänderungen einzustellen“, sagt Krautzberger. „Sie können Sorten einsetzen, die widerstandsfähiger sind.“

Oder Sorten verwenden, die bislang in Deutschland wegen des vergleichsweise kühlen Wetters nicht gedeihen – aber in Zukunft durch die verlängerte Vegetationsperiode eben schon: etwa Sojabohnen oder Sorghum-Hirse. Oder im Fall der Winzer auch Rotweinsorten wie Merlot und Cabernet Sauvignon, die bislang vor allem im Mittelmeerraum angebaut werden. Dem Riesling dürfte es dagegen langfristig zu warm werden.

Auch die Landwirtschaft wird vom Klimawandel betroffen sein.  Foto: Getty

Insgesamt kann sich die Landwirtschaft aufgrund der kurzen Bewirtschaftungszeiträume gut auf die veränderten Klimabedingungen einstellen. Einfache Rezepte gibt es dafür aber nicht. „Je nach Region und je nach Art der Landwirtschaft müssen die Bauern entscheiden, welche Maßnahmen für sie sinnvoll sind“, sagt der Agraringenieur Johann Bachinger vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin.

Deutlich schwieriger als in der Landwirtschaft wird es dagegen, die Bausubstanz anzupassen. Schon heute stellen Flusshochwasser vielerorts eine erhebliche Gefahr dar und setzen ganze Gebiete unter Wasser. Künftig werden Extremwetter wie Starkregen zunehmen, sie können Sturzfluten auslösen und Schäden an Gebäuden verursachen. Manchmal helfen schon einfache Mittel wie erhöhte Mauern und verbreiterte Mulden oder die regelmäßige Reinigung der Regenwassereinläufe.

Mit steigenden Temperaturen werden künftig häufiger sogenannte Hitze-Insel-Effekte spürbar – das heißt, die Temperaturunterschiede zwischen Stadtzentrum und Umland nehmen zu. Grünflächen, begrünte Fassaden, Dächer und Frischluftschneisen verringern solche Klimafolgen zwar, allerdings lässt sich städtische Bebauung nur allmählich anpassen und bedarf der Mitarbeit von Grundstückseigentümer. „Deshalb müssen Politiker und Stadtplaner das Thema immer mitdenken“, fordert Becker. Großstädte haben schon relativ gute Anpassungskonzepte. Dagegen haben die kleinen Kommunen oft nicht die Kapazitäten oder das Personal, um sich mit diesem relativ neuen Problem auseinanderzusetzen.

Aber nicht nur der Mensch wird durch den Klimawandel beeinträchtigt, auch die Pflanzen- und Tierwelt. Insekten in höheren Berglagen wie die Alpen-Smaragdlibelle können sich der Studie zufolge schlecht anpassen. Die Artenzusammensetzung wird sich neu mischen.

Apropos Alpen: Der Wintertourismus wird künftig nur noch in wenigen Hochlagen Deutschlands möglich sein. Allerdings bekommen die Berge in Zeiten des Klimawandels einen ganz neuen Reiz: Touristen, so der Bericht, könnten aufgrund „kühlen und erfrischenden Temperaturen in den Bergen“ im Sommer aus den Städten im Tiefland in die höheren Lagen fliehen.

Sandra Kirchner ist Journalistin beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die Frankfurter Rundschau die Berichterstattung zu Klima und Umwelt intensiviert.

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