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Klimawandel
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04. Dezember 2015

Klimawandel: Die Flüchtlingskrise hat erst angefangen

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Reisfeld in der Nähe der Pyramiden von Gizeh: In Ägypten droht die Hälfte aller Äcker wegen Trockenheit zu versalzen.  Foto: REUTERS

Weil Äcker versalzen, Felder versanden und Wasser knapp wird, müssen in den kommenden Jahren Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Die Weltpolitik ist auf die absehbare Herausforderung der Klima-Flüchtlingskrise nicht annähernd eingestellt.

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Gelegentlich ist dieser Tage zu hören, dass sich die Flüchtlingskrise in Deutschland bereits sehr lange angekündigt hat, die Bundesregierung aber alle Vorboten und erste Symptome in Südeuropa jahrelang stur ignoriert hat. Mehr noch, die Politik der EU und des Westens dürfte einen gehörigen Teil dazu beigetragen haben, dass zum Beispiel mehr als die Hälfte aller Syrer derzeit auf der Flucht sind, vier Millionen davon im Ausland.

Angesichts der europäischen Reaktionen darauf mag man sich kaum vorstellen, dass die derzeitige Lage nur eine Miniaturversion der Fluchtbewegungen ist, die uns noch bevorstehen – und die ebenfalls menschengemacht sind und deren Vorzeichen die Politik auch weitgehend ignoriert: Bereits vor Jahren warnten die Vereinten Nationen, bis zur Jahrhundertmitte müsse man mit schätzungsweise 150 Millionen Menschen rechnen, die vor Folgen des Klimawandels fliehen. Bereits zur Jahrtausendwende hatte das Internationale Rote Kreuz weltweit rund 25 Millionen Flüchtlingen Ursachen zugeschrieben, die der Klimawandel ausgelöst habe – verglichen mit damals rund 18 Millionen politischen Flüchtlingen.

Eine neue Sicht zur Weltlage

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich diese Entwicklung vorzustellen: Allein 100 Millionen Menschen leben weltweit in Regionen, die unterhalb des Meeresspiegels liegen. Weite Teile Bangladeschs zum Beispiel würden schon bei einem halben Meter Wasseranstieg geflutet – 140 Millionen Menschen wären heimatlos. Der Nachbarstaat Indien ist längst dabei, seine Grenze mit Zaun und Stacheldraht zu schließen. Doch auch Europa wird betroffen sein. Denn Wassermangel als weitere Klimawandelfolge ist längst eine zentrale Fluchtursache in Afrika – zunehmend auch im Norden des Kontinents. So verloren Bauern in Tunesien, Libyen und Marokko seit langem jeweils 1000 Quadratkilometer Ackerland pro Jahr, weil sie versandeten. In Ägypten droht die Hälfte aller Äcker wegen Trockenheit zu versalzen. Aber auch die Türkei befürchtet Verluste von Zehntausenden Quadratkilometern an Landwirtschaftsflächen durch Bodenerosion. Die Weltpolitik ist auf die absehbare Herausforderung der Klima-Flüchtlingskrise nicht annähernd eingestellt.

Und doch ist sie nur eine Fassette der geopolitischen Folgen der Erderwärmung.

Dass auch die Sicherheits-, Wirtschafts- und strategischen Interessen der Groß- und Regionalmächte betroffen sein werden, war spätestens klar, als das US-Verteidigungsministerium vor einem Jahr seine neue Sicht zur Weltlage öffentlich machte: Der Klimawandel, verkündete das Pentagon nun, ist eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA – neben klassischen Gefahren wie Terrorismus und Epidemien. Auch in diesem Bericht wird als ein Grund genannt, dass Dürren, Wirbelstürme, Überschwemmungen und Missernten Millionen Menschen hilfsbedürftig machen, Instabilität verursachen und eine Massenmigration auslösen würden. Hinzu kommt aus Pentagon-Sicht jedoch, dass das schiere Wachstum humanitärer Krisen infolge von extremen Wetterereignissen zunehmend Nothilfseinsätze des Militärs erfordere – andere Organisationen seien dafür nicht ausreichend gerüstet.

Aber auch das Militär müsste neu darauf ausgerichtet werden, sowohl Kriegs-, als auch Hilfseinsätze leisten zu können. Laut dem Bericht bezieht das Verteidigungsministerium in seine „War Games“ und andere Strategieplanungen deshalb nun auch den Klima-Faktor ein, etwa durch Überlegungen über die Bewegung und Lagerung von Ausrüstung und Versorgung.

Am weitreichendsten sind allerdings die Auswirkungen des Klimawandels auf die strategische Geopolitik der Staaten. Damit sind nicht in erster Linie nicht einmal Migration oder Konflikte um Wasser und Land gemeint, die in etlichen Krisen in Entwicklungsländern längst unterschwellig eine Rolle spielen. Bedeutender aber ist vorerst die Frage der Energie, die seit Jahrzehnten die weltweiten Vormachtstellungen, Allianzen und geopolitischen Interessen begründet wie keine andere.

Wie sehr der Klimawandel die bisherigen Eckpfeiler der Weltpolitik ins Wanken bringen kann, zeigt dabei ein simples Beispiel: die Arktis. Klar ist, dass ein Nordpol ohne Eis Hoffnungen auf die letzten großen Öl- und Gasvorkommen der Welt freigesetzt hat. Nicht zufällig hatte Russland bereits 2001 bei den Vereinten Nationen seinen Anspruch auf mehr als 1,2 Millionen Quadratkilometer ressourcenreicher Arktisgewässer angemeldet. Auch Kanada dürfte dank enorm wachsender Ressourcen deutlich in der globalen Rangordnung aufsteigen – kein Wunder, dass es zwischen den nordamerikanischen Nachbarn schon Zwist über die militärische Nutzung der Arktisgewässer gab.

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Doch offenbar gibt es eine strategische Bedeutung, die noch weitreichender ist: Schon vor knapp acht Jahren beschrieb der amerikanische Außen- und Militärexperte Scott G. Borgerson in der Fachzeitschrift „Foreign Affairs“, was eine eisfreie Nordpol-Region geopolitisch bedeutet. Damals war es nach massiver Eisschmelze erstmals seit Menschengedenken dazu gekommen, dass die Nordwestpassage zwischen Europa nach Asien befahrbar war. Die Verkürzung wesentlicher Seerouten um bis zu 40 Prozent könnte eine neue Phase der Globalisierung einleiten, schrieb Borgerson. China bekäme Zugang zum Atlantik, Russland eisfreie Häfen.

Die USA müssten sich noch mehr um ihren Weltmachtstatus sorgen – zumal der Arktis eben nur eine betroffene Region wäre. Dass die Folgen für die internationale Politik massiv sein werden, ist klar – auch wenn sie sich heute nur erahnen lassen.

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