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Klimawandel
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26. September 2013

Klimawandel Erderwärmung Weltklimarat: Der Meeresspiegel steigt schneller

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Der Meeresspiegel droht um 26 bis 82 Zentimeter anzusteigen.  Foto: imago stock&people

Seit der Jahrhundertwende macht die Erderwärmung eine "Pause" - ein gefundenes Fressen für Klimaskeptiker. Doch der Weltklimarat wird in seinem Sachstandsreport keine Entwarnung geben. Denn beispielsweise droht der Meeresspiegel anzusteigen.

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Für die Klimaskeptiker ist es ein gefundenes Fressen: Die Erderwärmung macht etwa seit der Jahrhundertwende eine „Pause“. Die Temperaturen an Land sind seither nur noch wenig gestiegen. Die Leugner des Klimawandels sehen sich bestätigt, und selbst renommierte Klimaforscher räumen ein, dass sie die Möglichkeit einer solchen „Stagnationsphase“ bisher zu wenig betont haben. Das sei „ein Fehler“ gewesen, meint etwa der Direktor des Climate Service Center in Hamburg, Guy Brasseur.

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Doch keine Frage: Wenn am Freitag der Weltklimarat IPCC den ersten Teil seines fünften „Sachstandsreports“ verabschiedet hat und eine rund 30 Seiten lange „Handlungsempfehlung“ an die Politik veröffentlicht, wird es keine Entwarnung geben. Der Report wird nach den bekannt gewordenen Entwürfen feststellen, dass sich die mittlere Erdtemperatur im 21. Jahrhundert um mindestens ein Grad, möglicherweise aber auch um fünf Grad erhöhen wird – je nachdem, wie sich der C02-Ausstoß weltweit entwickelt. Die Werte liegen damit etwas niedriger als im letzten Report von 2007. Damals betrug die Spanne 1,1 bis 6,4 Grad.

Super-Warmzeit droht

Der Weltklimarat

Der Weltklimarat IPCC (International Panel on Climate Change) wurde vor 25 Jahren gegründet, er hat inzwischen 195 Mitgliedsländer. Sein Sitz ist in Genf. Er soll den wissenschaftlichen Sachstand hinsichtlich des Klimawandels aufzeigen – und wie sich dieser auf Natur und Mensch auswirkt, wie er gebremst werden kann und welche Anpassungsstrategien es gibt.

Das Gremium forscht nicht selbst, sondern wertet wissenschaftliche Studien aus. Bislang hat es 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte veröffentlicht. Am 5. Report, dessen Teile 2013 und 2014 erscheinen, sind über 830 ehrenamtlich arbeitende Forscher beteiligt. Sie haben 9000 wissenschaftliche Studien und 50 000 Kommentare von Gutachtern ausgewertet.

Für seine Arbeit erhielt der IPCC 2007 zusammen mit dem US-Politiker Al Gore den Friedensnobelpreis. Nach der Veröffentlichung des vierten Reports 2007 geriet der Rat in eine Krise, weil sich in den Texten Fehler fanden – etwa falsche Angaben zum Abschmelzen der Himalaya-Gletscher. Inzwischen wurden die Kontrollmechanismen verbessert. (jw/dpa)

Doch die fünf Grad bedeuten immer noch große Gefahr – der Wert entspricht dem Unterschied zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit, in der die Welt sich derzeit befindet, nur, dass man dann eine „Super-Warmzeit“ bekäme. Folgen wären häufige Hitzewellen, Hungersnöte, eine schnelles Schmelzen der Gletscher und andere massive Veränderungen. Die Chancen, dass der untere Wert – ein Grad plus – eintritt, sind minimal. Dann müsste die Weltgemeinschaft nämlich sofort beherzt auf die CO2-Bremse treten.

Andere Ergebnisse des Reports – der von 830 Leitautoren geschrieben wurde und dessen erster Teil derzeit in Stockholm mit Regierungsvertretern aus 195 Staaten „beraten“ wird – bedeuten ebenfalls keine Entdramatisierung. Im Gegenteil. So droht der Meeresspiegel um 28 bis 97 Zentimeter anzusteigen: Die neue Prognose liegt damit deutlich höher als die im 2007er Report, der 18 bis 59 Zentimeter voraussagte. Zum Vergleich: Im 20. Jahrhundert ist der Meeresspiegel um 17 Zentimeter angestiegen. Ein zusätzliches Plus von fast einem Meter würde hunderte Millionen Menschen bedrohen, die in Küstennähe wohnen – in Städten wie London, New York oder Shanghai. Der niedrigste Wert in der Vorhersage gilt im Vergleich damit noch als beherrschbar. Dass er eintrifft, ist allerdings sehr unwahrscheinlich.

Die Wissenschaftler sind sich zudem immer sicherer, dass der Mensch das Klima wesentlich beeinflusst. In jedem der fünf großen Reports wurde die Wahrscheinlichkeit höher angesetzt. Nun heißt es, es sei „extrem wahrscheinlich, dass der menschliche Einfluss auf das Klima mehr als die Hälfte des Anstiegs der mittleren Oberflächen-Temperatur von 1951 bis 2000 verursacht hat“.

Klimaprognosen für kürzere Zeitspannen

Erstmals gibt es in dem Report auch ein eigenes Kapitel über neuere Versuche, Klimaprognosen nicht nur langfristig, etwa bis 2050 oder 2100, sondern auch für kürzere Zeitspannen zu machen. Dies steht ganz offensichtlich im Zusammenhang mit der heiß debattierten „Erwärmungspause“. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Temperatur im Schnitt um 0,15 Grad pro Jahrzehnt gestiegen, seit 1998 sind es nur noch 0,05 Grad. Im IPCC-Entwurf heißt es dazu, die relative Stagnation lasse sich mit „mittlerer Sicherheit“ darauf zurückführen, dass tiefere Schichten der Ozeane mehr Wärme aufgenommen haben. Als weitere Ursachen werden auch ein zeitweiser Rückgang der Sonnenaktivität oder ein erhöhter Anteil von Vulkanstaub in der Atmosphäre diskutiert.

Tatsächlich haben Forscher bereits 2008 im Wissenschaftsmagazin „Nature“ darauf hingewiesen, dass eine Erwärmungspause wahrscheinlich sei – ausgelöst durch veränderte Ozeanströmungen. Er habe zeigen wollen, dass es mit der Temperatur nicht immer gleichmäßig nach oben gehen kann, sondern „dass es auch einmal zehn oder 20 Jahre nicht weitergeht mit der Erwärmung“, erläutert der damalige Hauptautor der Studie, Mojib Latif, der Professor am Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel ist.

Pazifik spielt die entscheidende Rolle

Nach neuen Untersuchungen des Teams um Latif spielt dabei der Pazifik die entscheidende Rolle. Vor 2000 hätten die Ozeane mehr Wärme abgegeben und so den Temperaturanstieg der Luft noch beschleunigt. Jetzt sei es umgekehrt. Doch das werde auch wieder kippen. Wann allerdings der Ozeane wieder vermehrt Wärme abgeben, könne niemand wissen.

Latif erläutert: Ein kälterer Zyklus im Klima könne die menschengemachte Erwärmung noch überdecken – so sei es momentan. „Sie läuft aber im Hintergrund weiter.“ Er erwartet: In vielleicht fünf bis zehn Jahren werde das Pendel in die andere Richtung ausschlagen. Die Temperaturkurve werde dann verstärkt nach oben zeigen: „Die Schlussfolgerung, die Erderwärmung sei gestoppt, ist Quatsch.“

So deutliche Worte werden die IPCC-Experten nicht wählen, wenn sie am Freitag vor die Presse treten. Ihre Meinung ist das trotzdem.

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