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Klimawandel

21. Juni 2011

Klimawandel: Meeresspiegel steigt schneller als je zuvor

Wellen schlagen gegen die Küste des Dorfes Derveni im Golf von Korinth in Griechenland. Der Meeresspiegel ist infolge des Klimawandels seit dem Ende des 19. Jahrhunderts stärker gestiegen als je zuvor in den vergangenen 2000 Jahren. (Archivbild) 

Der Meeresspiegel ist infolge des Klimawandels seit Beginn der Industrialisierung schneller gestiegen als je zuvor in den vergangenen 2000 Jahren.

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Potsdam –  

Die Erderwärmung lässt den Meeresspiegel schneller als je zuvor in den vergangenen 2000 Jahren steigen. Seit Beginn der Industrialisierung gehe die Kurve „steil nach oben“, erklärt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Insgesamt stieg der Meeresspiegel seit Ende des 19. Jahrhunderts um rund 20 Zentimeter. Dieser Anstieg sei „um ein Mehrfaches schneller als alles, was es in den vorangegangenen 2000 Jahren gegeben hat“, schreibt ein internationales Forscherteam um Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in einer Studie. "Der Mensch heizt mit seinen Treibhausgasen das Klima immer weiter auf, daher schmilzt das Landeis immer rascher und der Meeresspiegel steigt immer schneller."

Die Wissenschaftler haben Ablagerungen an der Atlantikküste der USA untersucht. Daraus wurden die Veränderungen des Meeresspiegels rekonstruiert. Zumindest in den vergangenen 1000 Jahren könne das Auf und Ab der globalen Durchschnittstemperatur das Verhalten des Meeresspiegels erklären, schreiben die Forscher. Bislang war der enge Zusammenhang zwischen Lufttemperatur und Meeresspiegelanstieg nur für die vergangenen 130 belegt worden. Die neuen Daten erhärten demnach die Annahme, dass der Meeresspiegel umso rascher steigt, je wärmer das globale Klima wird.

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Das zeitliche Zusammentreffen des beschleunigten Meeresspiegelanstiegs mit dem Beginn der Industrialisierung werten die Wissenschaftler als deutlichen Hinweis darauf, dass der Mensch mit seinen Treibhausgasen das Klima immer weiter aufheizt. „Der Anstieg des Meeresspiegels ist eine potenziell desaströse Folge des Klimawandels, weil steigende Temperaturen das Eis an Land schmelzen lassen und das Wasser der Ozeane erwärmen“, erklärte Benjamin Horton von der University of Pennsylvania, einer der Autoren. Wird Wasser erwärmt, dehnt es sich aus, und der Meeresspiegel steigt. Die zweite wesentliche Ursache sei das Abschmelzen von Gebirgsgletschern und großer Eismassen in Grönland und der Antarktis, wodurch zusätzliches Wasser ins Meer gelangt.

Die Forscher haben in Bohrkernen aus Salzwiesen an der nordamerikanischen Küste fossile Kalkschalen von Einzellern untersucht, die ein natürliches Archiv der Pegelstände des Ozeans sind. Menge und Art dieser Kalkschalen zeigen den Wasserstand vergangener Jahrhunderte an, weil die Arten jeweils in einer ganz bestimmten Höhe im Gezeitenbereich leben. Zwar sei dies ein lokaler Befund, so die Forscher, weltweit liege die Höhe des Meeresspiegels aber ihren Annahmen zufolge höchstens zehn Zentimeter darüber oder darunter. Der Verlauf des globalen Meeresspiegelanstiegs sei daher wahrscheinlich ähnlich gewesen.

Die Daten zeigen demnach vier Phasen: Von 200 vor Christus bis zum Jahr 1000 nach Christus war der Meeresspiegel stabil. Ab dem 11. Jahrhundert stieg er 400 Jahre lang um etwa fünf Zentimeter pro Jahrhundert an. Diesen Anstieg konnten die Forscher in Modellrechnungen mit der mittelalterlichen Warmperiode erklären. Es folgte eine weitere stabile Periode mit kühlerem Klima, die bis ins späte 19. Jahrhundert reichte. Seither ist der Meeresspiegel im Zuge der globalen Erwärmung um rund 20 Zentimeter angestiegen. Die Forschungsergebnisse sind in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) veröffentlicht.

Rotes Meer heizt sich auf

Das Rote Meer wird wärmer - innerhalb eines einzigen Jahrzehnts stieg die Wassertemperatur um fast ein Grad. Zu diesem Ergebnis kommt ein Team internationaler Klimaforscher nach der Analyse von Satellitendaten. Demnach setzte der ungewöhnlich schnelle Temperaturanstieg Mitte der 1990er Jahre ein. Die Ursache sehen die Wissenschaftler in der durch den Klimawandel erhöhten Lufttemperatur. Bis 2007 stabilisierte sich die Temperatur dann auf hohem Niveau bei durchschnittlich etwa 28 Grad. Die Forscher berichten über ihre Studie in der Fachzeitschrift „Geophysical Research Letters“ (doi: 10.1029/2011GL047984).

„Dieser Trend der Erwärmung ist unabhängig von den Jahreszeiten“, berichten Dionysios Raitsos und seine Kollegen von der King Abdullah University for Science and Technology (KAUST) in Thuwal. Für dieses Ergebnis analysierten die Wissenschaftler Wärmeaufnahmen von der Wasseroberfläche des Roten Meeres, die mit mehreren Satelliten der US-Ozeanografie- und Wetterbehörde NOAA aufgezeichnet wurden. Der lange Beobachtungszeitraum zwischen 1985 und 2007 machte es möglich, den Temperatursprung ab 1994 zu erkennen.

Zwischen 1985 und 1993 schwankten die mittleren Wassertemperaturen nur wenig zwischen 27 und 27,5 Grad. Doch ab 1994 zeigten die Daten einen signifikanten Sprung, der bis zu einer Temperatur von 28,5 Grad im Jahr 1995 reichte. Die Ursache dafür fanden die Forscher in deutlich erhöhten Lufttemperaturen, die sich mit etwa einem Jahr Verzögerung auf die Wassertemperatur auswirkten. „Der Vergleich mit den Temperaturen in der Nördlichen Hemisphäre belegt, dass die beobachtete Erwärmung ein Teil des globalen Klimawandels ist“, erläutern Raitsos und Kollegen.

Durch diesen raschen Temperaturanstieg sehen die Forscher die artenreiche Tier- und Pflanzenwelt der Korallenriffe im Roten Meer bedroht. Denn so hätten die Lebewesen nur sehr wenig Zeit, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen. Wie bereits eine Studie von US-Forschern vor einem Jahr zeigte, starb im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts etwa ein Drittel der Korallenart Diploastrea heliopora wegen ungewöhnlich hoher Wassertemperaturen in den Sommermonaten ab. Wie gut andere Arten mit der wärmeren Umgebung zurechtkommen, ist bislang noch wenig erforscht. Doch da Korallenriffe als sehr empfindliche Ökosysteme gelten, bestehe nach Aussage der Forscher ein hohes Risiko für einen unumkehrbaren Artenschwund im Roten Meer. (dapd/dpa)

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