Klimawandel

18. November 2011

Klimawandel: Überleben im Treibhaus

 Von Joachim Wille
Mühsame Wassersuche: Eine monatelange Dürre hat diesen See auf der indonesischen Insel Java fast austrocknen lassen. Foto: Reuters/Dwi Oblo

Weltweit steigen die Temperaturen. Der UN-Klimarat befürchtet nun, dass durch die globale Erwärmung Hungersnöte und Seuchen ausgelöst werden.

Drucken per Mail
Berlin –  
Eine große Bandbreite

Die mittlere Erdtemperatur ist seit Beginn der Industrialisierung bereits um etwa 0,7 Grad Celsius angestiegen. Bis 2100 erwartet der UN-Klimarat IPCC eine Erwärmung in einer Bandbreite zwischen 1,1 und 5,4 Grad. Die Szenarien operieren dabei mit unterschiedlichen Annahmen etwa zu Bevölkerungsentwicklung und Wirtschaftswachstum.
Am wahrscheinlichsten ist laut IPCC ein Plus zwischen 1,8 und vier Grad. Auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen 2009 wurde erstmals international das Ziel postuliert, die Erwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen.

Die Bilanz der Flutkatastrophe in Thailand ist schon jetzt grausam – dabei sind die Wassermassen noch gar nicht wieder abgelaufen. Mehr als 550 Menschen kamen ums Leben, noch immer sind Millionen Menschen betroffen, und Tausende Fabriken stehen unter Wasser. Es ist klar: Die ökonomischen Schäden werden riesig sein. Ende Oktober hat die Nationalbank die Wachstumsprognose für den südostasiatischen Tigerstaat bereits von 4,1 auf 2,6 Prozent gesenkt. Nun steht eine weitere Absenkung bevor.

Die Flut in Thailand ist wie eine Illustration zu der neuen Studie des UN-Klimarats IPCC, die die Folgen der Erderwärmung auf die „Extremwetter-Ereignisse“ analysiert. Sie liegt der Berliner Zeitung vor. Eine deutliche Zunahme von Überschwemmungen und Sturmfluten, aber auch von starken Hitzewellen ist damit programmiert, wenn die Menschheit es nicht schafft, den Ausstoß von Treibhausgasen schnell herunterzufahren. Die Folgen wären für die Sicherheit und Gesundheit der Menschen dramatisch. So steigt zum Beispiel die Gefahr von Hungersnöten und Seuchen.

Für Europa sagen die Experten mehr Hitzwellen wie im „Jahrhundertsommer“ 2003 voraus, der mehrere zehntausend vorzeitige Todesfälle verursachte. Für die USA und die Karibik prognostizieren sie noch stärkere Hurrikane und für die kleinen Pazifikinseln eine wachsende Bedrohung durch Sturmfluten infolge des Meeresspiegel-Anstiegs. In Westafrika könnten sich die Dürreperioden verschärfen, es drohen dort noch mehr Hungersnöte.

Differenziertes Bild

Der Klimaexperten erwarten, dass sich die Maximaltemperaturen auf der Erde bis 2050 um bis zu drei Grad Celsius und bis 2100 um bis zu fünf Grad erhöhen. Bisher ist die globale Temperatur seit Beginn der Industrialisierung um 0,7 Grad angestiegen. Internationales Ziel ist es, die Erwärmung nicht über zwei Grad ansteigen zu lassen, wie zuletzt der Weltklimagipfel in Cancun (Mexiko) forderte. Diese Marke droht überschritten zu werden – mit Folgen auch für die Extremwetter-Ereignisse.

Die Experten zeichnen in ihrem 700 Seiten starken Report, für den seit 2008 mehrere Tausenden Klimastudien ausgewertet worden sind, ein differenziertes Bild. Einige der Wetteränderungen wie die vermehrten Hitze- und Flutwellen gelten nach der bisherigen Datenlage bereits als „sehr wahrscheinlich“ oder „wahrscheinlich“. Andere Entwicklungen bezeichnen die Forscher als noch nicht sicher, so mögliche Tendenzen zu mehr Stürmen, Fluss-Hochwassern oder Waldbränden. Auch Vorhersagen über zunehmenden Dürren oder die von einigen Forschern erwartete Destabilisierung der Monsun-Systeme in Asien seien noch nicht abgesichert.

Die Häufigkeit von tropischen Wirbelstürmen, also Hurrikanen und Zyklonen, könnte laut dem Report sogar zurückgehen. Eine Entwarnung bedeutet das allerdings nicht. Denn es gilt als wahrscheinlich, dass die Stärke dieser Monsterstürme wegen des sich weiter erwärmenden Meerwassers zunimmt. Dazu passt, dass der bisher stärkste Hurrikan erst im vorigen Jahrzehnt gemessen. Es war Wilma 2005, der als erster innerhalb weniger Stunden von einem Tropensturm zu einem Hurrikan der höchsten Kategorie fünf heraufgestuft wurde.

Die Warnung vor der Zuspitzung in einer verschärften Treibhaus-Welt passt zu den bisherigen Trends. Analysen des Versicherungskonzerns Munic Re, der die weltgrößte Datenbank zu Naturkatastrophen führt, zeigen: Die Zahl der von Wetterextremen bedingten Schadenereignisse – hauptsächlich Überschwemmungen und Stürme – hat sich weltweit seit 1980 bereits nahezu verdreifacht.

Bau von Dämmen

Dieser Anstieg sei ohne den Klimawandel nicht gänzlich zu erklären, kommentiert der Leiter der Geo-Risikoforschung bei dem Konzern, Professor Peter Höppe – „zumal die Zahl der Schadenereignisse wie durch Erdbeben oder Vulkanausbrüche weitgehend konstant geblieben ist.“

In seinem Report fordert der Klimarat die Regierungen auf, vorausschauend Maßnahmen zur Anpassung an das extremere Wetter zu ergreifen. Stichworte: Sicherung der Wasserversorgung, Bau von Dämmen an Flüssen und Küsten sowie Aufrüstung von Gebäuden und Infrastruktur für das heißere Klima. Es gebe durchaus Möglichkeiten die Folgen des Klimawandels erträglicher zu machen, meinen die IPCC-Forscher.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon griff das Thema jetzt bei einem Klimaforum in Bangladesch auf, an dem er teilnahm. „Naturereignisse müssen keine humanitären Katastrophen verursachen“, sagte er. Allerdings seien gerade ärmere Länder bei teuren Vorkehrungen wie Frühwarnsystemen oder stabileren Gebäuden im Nachteil.

Jetzt kommentieren

Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.

Schutz der Ozonschicht
Das Nasa-Satellitenfoto dokumentiert die Größe des Ozonlochs über der Arktis im Winter 1999/2000. Je dunkler das Blau, desto dünner die Ozonschicht.

Was ist Ozon? Wofür ist Ozon wichtig? Und wie groß ist derzeit das Ozonloch? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es hier.

Die Gletscher schmelzen
Ressort

Nachrichten zum Klimawandel, CO2, Treibhauseffekt, saure Meere und Gletscher-Schmelze.

Videonachrichten Wissen
FR-Spezial

Wendige Elektroautos statt schwerer Spritfresser, enges Bahnnetz statt weniger schneller Strecken - wie wir mobil bleiben.

Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.