kalaydo.de Anzeigen

Kopenhagen: Gipfel der Wut

Mit Hunden und Schlagstöcken wird die Festung gehalten: Die Polizei verhindert die Erstürmung des Tagungscenters. Delegierte werden mit Gewalt von der Demo ferngehalten. Die Verhandlungen stecken fest.

Demonstranten liegern sich Rangeleien mit der Polizei in Kopenhagen - die greift mit Schlagstöcken, Hunden und Pfefferspray an. 260 Menschen werden festgenommen.
Demonstranten liegern sich Rangeleien mit der Polizei in Kopenhagen - die greift mit Schlagstöcken, Hunden und Pfefferspray an. 260 Menschen werden festgenommen.
Foto: ddp

Kopenhagen. "Hier kommt keiner durch. Das ist in Granit gemeißelt!" Selbstbewusst blickt der Polizist in Kampfuniform den rund 2500 Demonstranten entgegen, die sich langsam auf das Kopenhagener Bella Center zu bewegen. Das Helmvisier runtergeklappt, die Schlagstöcke gezogen, bellende Hunde an ihrer Seite, bilden seine Kollegen eine Menschenmauer um das Konferenzzentrum, fest entschlossen, die Aktivisten zu stoppen.

Eine "Volksversammlung" hatte das Bündnis für Klimagerechtigkeit (CJA) angekündigt: Mit gewaltfreien Methoden zivilen Ungehorsams wollte man zum Tagungsort vordringen, gleichzeitig sollten Gipfelteilnehmer aus den armen Ländern von drinnen zu den Eindringlingen stoßen. Mit ihnen wollten sie gemeinsam debattieren, wie man den Klimawandel "sozial gerecht" bekämpfen kann. Doch der Plan sollte nicht aufgehen.

Hart durchgreifen heißt die Devise der Polizei gegen die Demonstranten - zu hart sagen später die Aktivisten.
Hart durchgreifen heißt die Devise der Polizei gegen die Demonstranten - zu hart sagen später die Aktivisten.
Foto: rtr

An den Stacheldrahtverhauen rund um das Tagungszenter endet die Macht des Volks. Vielleicht, weil sie zu wenige sind. Auf 5000 bis 10 000 Teilnehmer hatten die Veranstalter gehofft, auch, weil sie meinten, dass die aggressive Linie, die die Polizei in den Tagen davor angelegt hatte, die Leute mobilisieren werde. Doch dann schlossen sich bei Schneeregen und beißendem Wind weit weniger Aktivisten der Demonstration an - und das größte Polizeiaufgebot, das es je in Dänemark gab, blieb stets Herr der Lage.

Jede Welle, mit der die Demonstranten die Hindernisse zu überwinden versuchten, wurde mit Knüppeln, Pfefferspray und Hunden zurückgeschlagen. Als einige versuchten, mit Luftmatratzen einen vier Meter breiten Kanal zu passieren, stand die Ordnungsmacht an der anderen Seite und nahm sie fest. Aus der Halle versuchten etwa 300 Delegierte, zu den Aktivisten vorzustoßen, doch auch sie wurden unter Knüppeleinsatz von der Brücke gedrängt. "Welche Schande! Wir sind hier, um die Welt zu retten, wir kommen mit friedlichen Absichten, und ihr begegnet uns mit Gewalt!", rief einer von ihnen den Polizisten zu. So scheiterte der "Sturm aufs Bella Center", die "Volksversammlung" musste jenseits des Zaunes stattfinden - ohne Delegierte.

Klimagipfel '09: Zwei Wochen, um die Welt zu retten

Bildergalerie ( 42 Bilder )

Kinder malen den Klimawandel

Bildergalerie ( 10 Bilder )

Schrecken und Schönheit des Gipfelprotestes

Bildergalerie ( 18 Bilder )

Präventiv verhaftet

"Die Polizei heizt die Stimmung an", sagte CJA-Sprecherin Kamilla Kofod. Sie sei gegen friedliche Demonstranten "direkt gewalttätig" vorgegangen. "Wir setzen die Schlagstöcke nur ein, wenn es nötig ist, die Stimmung war sehr aggressiv", erwiderte Polizeisprecher Per Larsen. Während Aktivisten wegen Hundebissen, Schlägen und brennenden Augen verarztet wurden, hatten die einzigen Polizisten, die zu Schaden kamen, etwas vom Pfefferspray ihrer Kollegen abbekommen.

Schon vor Beginn der Aktion war eine als gewaltbereit eingestufte Gruppe kollektiv festgenommen, gefesselt und in provisorische Käfigzellen gebracht worden. Einen der Hauptorganisatoren, den Deutschen Tadzio Müller, hatte die Polizei schon tags davor wegen "Verdachts auf Vorbereitung strafbarer Handlungen" verhaftet, unmittelbar, nachdem er auf einer Pressekonferenz im Bella Center völlig offen von der geplanten Aktion erzählt hatte. "Man kriminalisiert unsere gerechte Sache und knechtet unser demokratisches Recht, uns kritisch zu äußern", kommentierte Stine Johansen von CJA. Dann wurde auch sie festgenommen.

Insgesamt bekam der Massenarrest am Mittwoch rund 260 weitere Insassen, was die Zahl der vorläufig Festgenommenen auf weit über 1500 hoch trieb. Die größte Gruppe von diesen kommt aus Deutschland. Während fast alle der "vorbeugend" in Gewahrsam Genommenen nach den zwölf Stunden wieder frei waren, die das neue verschärfte Strafrecht für solche Fälle zulässt, verlängerte ein Richter Müllers Untersuchungshaft um drei Tage, sodass der prominente Klimaaktivist bis zum Ende des Gipfels hinter Gittern bleibt. Auch zwei Rostockerinnen bleiben inhaftiert. Die beiden als Reporterinnen tätigen Frauen hatten gefilmt, wie Polizisten einen Demonstrationswagen räumten. Der Bundesverband freier Radios forderte ihre sofortige Freilassung.

Autor:  Hannes Gamillscheg
Datum:  17 | 12 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.

Die Gletscher schmelzen
Ressort

Nachrichten zum Klimawandel, CO2, Treibhauseffekt, saure Meere und Gletscher-Schmelze.

Videos
Spezial
Ölverschmierter Pelikan

Der Untergang der Bohrinsel "Deepwater Horizon" führt zur schwersten Ölpest der US-Geschichte. Aktuelles und Hintergründe im Spezial.

Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

Spezial

Sie sollte das Studium vereinfachen, das Hochschulwesen europaweit vereinheitlichen. Die Kritik an der Bologna-Reform lässt nicht nach.

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.