Gewöhnlich gilt Afrika bei internationalen Verhandlungen als leicht zu manipulierender Teilnehmer, was sowohl dem mangelnden wirtschaftlichen Gewicht des Kontinents wie der oft heillosen Zerstrittenheit seiner 53 Regierungen zuzuschreiben ist. Dass es bei den Klimagesprächen in Kopenhagen anders kommen könnte, liegt auch daran, dass Afrika mit einer Stimme redet: Meles Zenawi, 54, wird das Wort führen. Der äthiopische Premierminister gilt als abgebrüht und blitzgescheit. Einen "Hoffnungsträger Afrikas" hat ihn Tony Blair genannt.
Schon bei einem Vorbereitungstreffen in Barcelona hatte Zenawi seine Muskeln spielen lassen. Seine Delegation boykottierte die Konferenz für einen Tag; Zenawi kündigte an, den Verhandlungen in Kopenhagen den Rücken zu kehren, falls den Forderungen der Afrikaner kein Gehör verliehen werde. Der Unterhändler kann weder ein wirtschaftliches noch ein politisches Gewicht in die Waagschale werfen, er argumentiert aus einer Position der moralischen Stärke. Afrika trägt zur Erderwärmung selbst so gut wie gar nichts bei (nur 3,5 Prozent des jährlichen weltweiten Schadstoffausstoßes ist dem Kontinent zuzuschreiben), leidet jedoch unter der Klimakatastrophe stärker als andere. Afrika lebt zu 70 Prozent von der Landwirtschaft, die von den unregelmäßig verlaufenden Wetterphasen besonders betroffen ist.
Meles Zenawi, 55, äthiopischer Premier, leitet die Delegation Afrikas bei der Klimakonferenz in Kopenhagen.
Seit 1991 steht Zenawi an der Spitze seines Landes. Er hatte 1975 im Alter von 19 Jahren sein Medizinstudium abgebrochen, um sich dem bewaffneten Widerstand gegen Diktator Mengistu anzuschließen, der 1991 gestürzt wurde. Zenawis Anhänger preisen ihn für Entwicklungsfortschritte sowie ein relativ konstantes Wirtschaftswachstum, Kritiker greifen den einstigen Marxisten ob seines autoritären Führungsstils und schwerer Menschenrechtsverletzungen an.
Seine rücksichtslose Entschlossenheit könnte dem Kontinent in Kopenhagen zugutekommen. Dort will der Unterhändler durchsetzen, dass sich die Industrienationen auf eine Kürzung des Ausstoßes von Treibhausgasen um 40 Prozent sowie für jährliche Zahlungen an die afrikanischen Opfer der Klimaerwärmung in Höhe von 60 Milliarden Dollar, ab 2020 sogar hundert Milliarden Dollar verpflichten. Wer daran zweifelt, dass sich der Norden je dazu bereit erklärt, bekommt von Zenawi zu hören: "Wie können die Industrienationen, nachdem sie das von ihren Bankern angerichtete Schlamassel mit Billionen Dollar aufräumten, plötzlich behaupten, sie hätten kein Geld mehr zur Behebung jenes Schlamassels, das die Zukunft ganzer Kontinente gefährdet?" Das sei doch "ganz und gar unmoralisch".
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