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Klimawandel
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06. Dezember 2015

Migration: Auf der Flucht vor dem Klimawandel

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Der pazifische Inselstaat Kiribati ist von Überschwemmungen bedroht.  Foto: rtr

Immer mehr Menschen fliehen vor Überschwemmungen oder Dürren. Ihre Anerkennung wäre Sache der Vereinten Nationen. Wie viele der aktuell rund 60 Millionen Flüchtlinge weltweit bereits Klimaflüchtlinge sind, ist allerdings schwierig zu bestimmen.

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Ioane Teitiota hatte keine Chance. Er durfte nicht in Neuseeland bleiben. Mitte September setzen die Behörden den 39-Jährigen ins Flugzeug und schoben ihn in seine Heimat ab, den pazifischen Inselstaat Kiribati. Der Insulaner hatte in Neuseeland mit der Begründung Asyl beantragt, dass sein Land von der Überschwemmung durch den Meeresspiegelanstieg bedroht sei. Sein Fall ging als der des ersten offiziellen Klimaflüchtlings weltweit durch die Medien. Doch Asyl bekam er nicht.

Teitiota und seine Frau Angua Erika hatten schon seit 2007 in Neuseeland gelebt. Als ihre Aufenthaltserlaubnis ablief, beantragten sie Asyl. Die Einwanderungsbehörde lehnte den Antrag ab, die beiden gingen vor Gericht, unterlagen – und in diesem Jahr setzte der Oberste Gerichtshof den Schlusspunkt. Er gab ihrem Begehren nicht statt. Begründung: Die Genfer Flüchtlingskonvention gelte nur bei Verfolgung wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion, Nationalität oder Überzeugung. Bei Zerstörung der Lebensgrundlage durch den Klimawandel greife sie nicht.

Der Inselstaat Kiribati besteht aus 32 Atollen, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. Steigt das Wasser weiter, werden Umsiedelungen nötig. Die Regierung des Inselstaats, die sich schon seit Längerem mit Plänen dafür befasst, hat bereits 2014 für diesen Fall Land auf den Fidschi-Inseln erworben.

Der Anstieg des Meeresspiegels ist nur eine Folge des Klimawandels. Die Forscher sagen auch mehr Extremwetter-Ereignisse voraus – längere Dürren zum Beispiel, stärkere Überschwemmungen und tropische Wirbelstürme mit mehr Zerstörungskraft. Alles Veränderungen, die Klimaflüchtlinge produzieren können. Die aktuellen Migrantenströme gelten vielen als Vorboten einer drohenden Super-Krise.

Auch die Bundesregierung treibt dieses Szenario um. So sieht Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) eine massive neue Flüchtlingsbewegung auf Deutschland zukommen, falls international keine wirksame Klimaschutzpolitik gemacht wird. „Klar ist, dass es riesige Dürregebiete und überflutete Landstriche geben wird, wenn wir den Klimawandel nicht auf ein beherrschbares Maß begrenzen“, sagte sie mit Blick auf den Paris-Gipfel. Ohnehin fragile Staaten würden dann weiter destabilisiert. „Dies wiederum wird Millionen Menschen in die Flucht treiben, und sie werden wohl auch zu uns kommen.“

Noch drastischer hatte es vor Jahresfrist Hendricks’ Kollege, Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) formuliert: „Wir müssen mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen rechnen“, sagte er. In Afrika drohe eine massive Ausbreitung von Dürrezonen, wenn der Temperaturanstieg nicht gebremst werde und die armen Länder keine ausreichenden Anpassungshilfen bekommen würden. Außerdem könnten Hitzeperioden ungeahnten Ausmaßes entstehen. Dann gebe es „wie in Peking nur noch wenige Tage, an denen die Menschen durch den Smog die Sonne sehen, sonst fangen die Fischer keine Fische mehr, sonst bringen die Bauern keine Ernte mehr ein, weil Wetterextreme wie Dürren und Überschwemmungen alles zunichte machen“.

Millionen Klimaflüchtlinge

Wie viele der aktuell rund 60 Millionen Flüchtlinge weltweit – so die Zahl des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR – bereits Klimaflüchtlinge sind, ist schwierig zu bestimmen. Die meisten von ihnen kommen allerdings aus Regionen, in denen die Umwelt schwer geschädigt ist – wo zum Beispiel Wüstenbildung fortschreitet und Ackerland unbrauchbar wird. Nach Schätzungen des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) der Bundesregierung mussten in den vergangenen Jahrzehnten 25 bis 60 Millionen Menschen ihre Heimat wegen des Klimawandels verlassen.

Experten warnen aber auch davor, das Wort Klimaflüchtling zu plakativ zu verwenden. Denn erstens ist es schwer, eine Trennlinie zwischen klima- und anderen umweltbedingten Fluchtgründen zu unterscheiden. So kann Nahrungsmittel-Mangel durch zunehmende Trockenheit, aber auch durch die Überweidung und Erosion von Böden durch Kahlschlag von Wäldern bewirkt worden sein. Und zweitens gibt es selten nur eine singuläre Ursache, die Menschen dazu bringt, ihre Heimat aufzugeben. „Meist sind die Motive für Migration gemischt“, sagt der Migrationsexperte Patrick Sakdapolrak von der Universität Bonn.

Ob es tatsächlich zu Fluchtbewegungen kommt, wenn Ernten etwa wegen Dürren ausfallen, hänge von den sonstigen Bedingungen im jeweiligen Land ab. In Staaten mit einer armen Bevölkerung, schwachen staatlichen Strukturen und geringen öffentlichen Finanzen geschehe das schneller als anderswo. Der Bonner Experte illustriert das mit dem Beispiel der Staaten am Horn von Afrika: Während in Somalia Dürren wegen der instabilen politischen Lage und Gewaltkonflikten immer wieder zu Hungerkrisen und Massenflucht führen, ist das in Nachbarländern wie Kenia nicht der Fall.

Eine weitere Besonderheit: Klima- und umweltbedingte Veränderungen sind zwar oft mit ein Grund, den Heimatort zu verlassen. Sie führten bisher aber eher selten zu internationaler Migration. Meist kommt es, wie Sakdapolrak erläutert, zur Migration im eigenen Land. Kleinbauern in Afrika, die von Dürren betroffen sind, haben schlicht nicht das Geld, um den weiten Weg etwa nach Europa zu bezahlen.

Die Prognosen, wie sich die Zahl der Umweltflüchtlinge entwickeln wird, schwanken sehr. Der britische Umweltexperte Norman Myers rechnet damit, dass es Mitte des Jahrhunderts weltweit 250 Millionen Menschen sein könnten. Andere Schätzungen liegen niedriger. Unstrittig ist jedoch, in welchen Regionen wegen der globalen Erwärmung die größten Probleme auftreten werden. Dazu gehören neben der Sahelzone in Afrika vor allem Länder in großen Flussdelta-Regionen wie Bangladesh, außerdem Küstengebiete und Inselstaaten, die heute schon häufig von Naturkatastrophen heimgesucht werden, wie die Philippinen oder Hawaii.

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Probleme durch den Rückgang der Nahrungsmittelproduktion könnte es besonders in Regionen in West- und Ostafrika, Ost- und Südasien sowie Lateinamerika geben. Das muss nicht automatisch zu Fluchtwellen führen – sie werden verhindert, wenn der Klimawandel gebremst wird, in der Landwirtschaft Anpassungsmaßnahmen an das veränderte Klima gelingen und die staatliche Nothilfe funktioniert.

Wie viele Menschen im Fall des Falles dann aber in ihrer Region bleiben oder aber bis nach Europa oder in andere Industriestaaten fliehen können, steht auf einem andern Blatt.

Ministerin Hendricks jedenfalls fordert eine Anerkennung von Klimaflüchtlingen. „Es wäre Aufgabe der Vereinten Nationen, dafür eine Kategorie zu schaffen“, sagte sie. „Derzeit ist es leider so, dass jemand, der aus Klimagründen zu uns kommt, von vielen als sogenannter Wirtschaftsflüchtling denunziert wird. Dabei hat er seine Lebensgrundlage verloren.“

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