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Klimawandel
Berichte, Reportagen, Kommentare zur globalen Erwärmung.

09. September 2015

Myanmar: Die Folgen des Klimawandels

 Von Martina Doering
Bananenverkäuferin mit Kind auf dem Markt – die Früchte bringen gutes Geld ein.  Foto: rtr

Die Farmer eines Dorfs in Myanmar wissen nichts vom Klimawandel. Aber sie spüren ihn. Bei ihrem Kampf gegen die wiederkehrenden Fluten helfen ihnen ausgerechnet Bananen.

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Wenn der Meeresspiegel nur um einen halben Meter steigt, wird es dieses Dorf im Delta des Irrawaddy-Flusses in Myanmar nicht mehr geben. Dann wird alles, so weit das Auge reicht, unter Wasser stehen: das Versammlungshaus des Dörfchens Dar Chaung, die Schweineställe auf Stelzen, die Felder rings herum, die Bananenplantagen.

Von Bogale aus, der größten Stadt im Irrawaddy-Delta, braucht man zwei Stunden mit dem Motorboot bis zu dieser Insel und dem Dorf mit seinen rund fünfzig Holzhäusern. Im Gezeitenwechsel herrscht jetzt Flut. Der Wasserstand ist hoch. Zudem ist Monsun, und wenn der Regen einsetzt, sieht man die Hand vor Augen nicht. Der Irrawaddy-Strom, der ganz Myanmar von Nord nach Süd durchquert und in den Indischen Ozean mündet, drückt das Wasser in die kleinen Kanäle, die sich bis zu den Häusern schlängeln. Die Luft ist feucht und klebrig, die Temperaturen steigen auf 35 Grad. Zu Fuß, schlingernd und rutschend, erreicht man über einen Weg, der mit Kokosnussschalen gepflastert ist, ein Stelzenhaus: Hier treffen sich an diesem Tag die Mitglieder der Bananen-Kooperative.

Fast 30 Frauen und Männer haben sich versammelt. Eine Abordnung berichtet über ihre Teilnahme an einer Agrarproduktemesse in Bogale, wo sie ihre neue Bananensorte vorgestellt haben. Sie sprechen darüber, wie die neue Ernte werden wird. Und sie reden über das Wetter.

Klimawandel, globale Erderwärmung: Diese Worte sind fremd für Tun Tun, den Chef des Bananen-Anbau-Projekts, seinen Stellvertreter Kyar Ayc und den Schatzmeister der Gruppe, Tan Tan Aye. Sie wissen auch nichts von den Treffen und Verhandlungen, mit denen der Weltklimagipfel in Paris vorbereitet wird, der im November stattfinden soll und bei dem sich 190 Staaten auf einen neuen Klimavertrag einigen müssen.

Aber Tun Tun und die anderen, die im Irrawaddy-Delta leben, wo das Wasser schon in normalen Zeiten auf gleicher Höhe mit der erste Stufe zu ihren Häusern steht, brauchen keine Studie, um zu wissen, dass sich das Klima ändert. Sie sehen es jeden Tag. Tun Tun, ein kleiner, schmächtiger Mann mit klugen Augen, sitzt mit untergeschlagenen Beinen in der Mitte des Raumes. Er ist nicht der Älteste der Gruppe, aber offensichtlich der Cleverste und damit Wortführer. Er muss nicht lange überlegen, um die Veränderungen aufzuzählen: „Der Monsun kommt später. Die Trockenzeiten dauern länger, und dann kommt viel zu viel Regen.“

Wie aufs Stichwort beginnt es in diesem Moment wie aus Eimern zu schütten: Das Wasser prasselt auf das Dach aus Palmblättern. Die Katze flüchtet von der Treppe ins Haus, die Hühner verziehen sich unter die Stelzenböden. Aber auch da ist es nass. Nach einigen Minuten hört der Regen schlagartig wieder auf. Tun Tun hat ruhig abgewartet – und fügt jetzt noch einen Satz an, der ihm wichtig zu sein scheint: „Die Stürme tosen viel, viel heftiger.“ An diesem Punkt wollen plötzlich alle mitreden, wobei immer wieder das Wort Nargis fällt.

Im Mai 2008 suchte ein furchtbarer Wirbelsturm das Land heim. Eines der besonders betroffenen Gebiete in Myanmar waren Bogale und die Delta-Region. Der Zyklon „Nargis“ forderte auf seinem Weg durch Myanmar mehr als 100 000 Todesopfer und trieb eine vier Meter hohe Wasserwand über die Inseln im Strom. Viele Menschen wurden danach vermisst. Die meisten Häuser waren zerstört, Strom- und Wasserleitungen beschädigt, Straßen blockiert, Felder überflutet. Mit der Flut verschwanden Hühner, Schweine und Wasserbüffel. Seither gilt für die Menschen im Delta eine neue Zeiteinteilung. Wenn sie über sich, ihr Dorf oder ihre Bananen erzählen, heißt es immer: „vor ,Nargis‘" oder „nach ,Nargis‘". Auch dieses Jahr tobte der Monsun ungewöhnlich heftig, Anfang August wurden zwölf von 14 Provinzen überflutet, mehr als hundert Menschen starben. Besonders schlimm traf es wieder die Küstenregionen des Irrawaddy-Deltas.

Erst im August wurde das Land erneut nach heftigem Monsunregen überflutet.  Foto: rtr

2008 gehörte zu den ersten – und sehr wenigen – Helfern die deutsche Welthungerhilfe. Zu jener Zeit herrschte noch eine Militärdiktatur über Myanmar, das Land hatte sich gegenüber dem Ausland strikt abgeschottet. Da das Hilfswerk jedoch schon ab 2002 in Myanmar mit Nothilfe begonnen hatte, konnte es nach dem Zyklon „Nargis“ sofort mit der Arbeit beginnen und Mitarbeiter auch nach Bogale schicken. Andere Organisationen mussten – manchmal monatelang vergeblich – auf eine Einreisegenehmigung warten; Tonnen an Hilfsgütern hingen auf Flughäfen fest.

Nach der Nothilfe begann die Welthungerhilfe mit Entwicklungsprojekten. Im bitterarmen Myanmar gehört die Region Bogale zu den rückständigsten Gebieten: Die Menschen leben hier vor allem von Reisanbau und Fischfang: Nur wenige Farmer besitzen Land, die meisten sind Tagelöhner.

Den Bauern im Dorf Dar Chaung waren nach dem Zyklon ein paar Boote geblieben; sie fuhren nach Bogale, um Nahrung aufzutreiben. Dort trafen sie das erste Mal auf die Welthungerhilfe. Aber damals nahmen sie nur ihre Überlebenspakete in Empfang. Zur Zusammenarbeit mit den deutschen Entwicklungshelfern kam es erst später.

In Dar Chaung leben 56 Familien. Sie mussten sich nach „Nargis“ erst einmal darum kümmern, ihre Felder zu bestellen, Hühner zu kaufen, Reispflanzen für die Aussaat aufzutreiben und zu züchten. Tun Tun kam damals auf die Idee, es mit dem Bananenanbau zu versuchen: Bananen wachsen viel schneller als Feldfrüchte oder Gemüse heran, und man kann das ganze Jahr über ernten.

Außerdem fuhr der 46-Jährige öfter mit dem Motorboottaxi nach Bogale, um die Überlebenspakete abzuholen. Auf dem Markt dort stellte er fest, dass Bananen ein seltenes Gut sind und Geld einbringen. Zu Hause konnte er anfangs drei Bauern überzeugen: Sie legten Geld zusammen und kauften 2010 die ersten Schösslinge. Das Geschäft lief gut an, andere Bauern kamen hinzu. Nach einiger Zeit brauchten sie Hilfe. Der Boden wird durch Bananenpflanzen schnell ausgelaugt. Und die Ernte an den hohen Stämmen ist schwierig: Immerhin rund 50 Kilogramm wiegen die Fruchtpakete, die wie übereinandergelegte Hände an einer Staude wachsen. Da erinnerte sich Tun Tun an die Welthungerhilfe, die nach dem Zyklon ein Büro in Bogale eröffnet hatte.

Seit 2014 gehört der Bananenanbau in Dar Chaung nun zu den Projekten des deutschen Hilfswerks, das zudem von einer deutschen Genossenschaftsbank finanziell unterstützt wird. Die Bauern erhielten ertragreichere Schösslinge, Leitern sowie Anleitungen zur Pflege des Bodens. Sie erfuhren, dass es besser ist, die jungen Fruchtstände zum Schutz vor Schädlingen und Insekten in Plastiktüten zu stecken. Sie lernten, mit Würmern natürlichen Kompost herzustellen, um den Einsatz von Kunstdünger zu senken. Und sie gründeten ihre eigene Kooperative. Voriges Jahr haben sie erstmals ihre Ernte gemeinsam an Großhändler verkauft und so einen weit besseren Preis erzielt. Statt 400 myanmarische Kyat (umgerechnet 30 Cent) erhalten sie für die neue Sorte als Kooperative jetzt fast das Vierfache für eine sogenannte Bananen-Hand – ein Früchtebündel. Das ist viel bei einem Durchschnittseinkommen von 150 Euro.

Die Idee sprach sich herum: Aus Nachbardörfern kamen Leute, um sich nach den Methoden zu erkundigen. Tun Tun zeigt deutlich, dass er mit sich und der Entwicklung zufrieden ist. Demnächst wollen sie auch Produkte aus den Früchten herstellen. Gläser mit Bananensaft, Schüsseln mit gebackenen Früchten, cremigem Bananenmus, trockenen Chips und Kuchen werden vor die Gäste gestellt. Sogar mit Bananenwein wollen sie es versuchen, erzählt Tun Tun. „Aber der schmeckt noch nicht.“

Die Farmer im Dorf haben sich nach der Wetterkatastrophe vor allem selbst geholfen. Jetzt bekommen sie neue Probleme: Auf dem Feld stehen in geraden Reihen schon die zwei Meter hohen Stauden mit sattgrünen Blättern, die noch kleinen Fruchtfingerchen zwischen den Wedeln sind wie zu Kinderfäusten geballt. Bald werden sie in blauen Plastiksäcken verschwinden. Das schaffen die Bewohner nicht allein, dafür brauchen sie Tagelöhner – und bei dem Thema bilden sich Sorgenfalten auf den Gesichtern. „Wir finden für diese Arbeit kaum noch Leute“, sagt Tun Tun.

Denn seit „Nargis“ hat sich in Myanmar auch politisch und damit wirtschaftlich vieles geändert. 2011 beschlossen die Generäle, politische Reformen einzuleiten, etwas Macht abzugeben und ein wenig Demokratie zuzulassen. Das international wirksamste Zeichen für den Wandel war die Aufhebung des Hausarrests für Myanmars bekannte Aktivistin, die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Außerdem öffnete sich das Land für Touristen und ausländische Investoren. Ein beispielloser Bauboom setzte ein. „Viele Dorfbewohner, die kein Land besitzen, sind nach Yangun gezogen“, berichtet Tun Tun. „Da arbeiten sie auf einer der vielen Baustellen und verdienen mehr Geld, als wir ihnen zahlen können.“

2008 wütete der Zyklon „Nargis“ in Myanmar, Hunderttausende wurden obdachlos.  Foto: rtr

Beim Gang durch das kleine Dorf, über die Kokosnussschalenwege zurück zum Boot, beginnt es wieder zu regnen, ein leichter Sturm kommt auf. Tun Tun kommt noch einmal auf das Klima zu sprechen. „Früher gab es hier einen dichten Gürtel von Mangroven am Ufer“, sagt er. Aber schon vor ,Nargis‘ waren die fast alle weg.“ Man habe die Bäume für den Reisanbau geschlagen, das Holz zum Kochen verwendet oder es als Feuerholz verkauft. „Nach ,Nargis‘ haben wir viel darüber gehört, dass uns ein dichter Mangrovengürtel vor der Sturmflut hätte besser schützen können.“ Mittlerweile, erzählt Tun Tun, habe die Regierung das Abholzen verboten. Sie würden nun aber auch selbst die Bäume schützen und darauf achten, dass sich illegale Holzfäller hier nicht zu schaffen machten.

Welche Bedeutung die Mangroven für Myanmar und die Inseln haben, erfährt man auf der zweistündigen Bootstour zurück durchs Delta von U Soe Myint. Seit eineinhalb Jahren arbeitet der 38-Jährige in Bogale für die Welthungerhilfe, auch als Übersetzer. U Soe Myint hat eigentlich bis 2007 Geschichte studiert, aber dann keinen Job bekommen. Allerdings war er so vorausschauend, einen Englisch-Kurs zu besuchen, was er durch Gelegenheitsjobs finanzierte. In Myanmar gab es zu jener Zeit wenig Menschen, die die von den Militärs verpönte Sprache der früheren Kolonialherren beherrschten. Wegen dieser frisch erworbenen Kenntnisse bekam er einen Job als Dolmetscher bei einer UN-Organisation, die im Norden des Landes den Drogenanbau bekämpfen wollte. 2012 hatte ihn dann die Regierung sogar nach Deutschland, nach Bad Kissingen, geschickt, wo er 15 Monate ein Studium für Biogemüse-Anbau absolvierte.

Das Boot kämpft sich durch die schlammigen Fluten. Ab und an überqueren fragile Holzstamm-Brücken den Strom, immer wieder tauchen Holzhäuser-Dörfer auf Stelzen auf. Die grünen Bänder aus Bäumen, Sträuchern und Schilf zu beiden Seiten des Flusses sind von Wind und Wellen zerzaust. Nur selten sind die Wipfel von Mangroven zu sehen. Von 1978 bis 2011 sei der Mangrovenbestand im Irrawaddy-Delta um rund 65 Prozent geschrumpft, berichtet U Soe Myint. Er bezieht sich auf eine Studie der Universität Singapur: Wenn die Abholzung im gleichen Tempo fortgesetzt würde, könnte der gesamte Bestand binnen der nächsten zehn Jahre verschwunden sein. „Mangroven schlucken das schädliche CO2, sie sind Heimat für viele seltene Pflanzen und Tiere, sie schützen das Land vor Erosion“, zählt U Soe Myint auf.

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Die Regierung habe inzwischen zwar einige Mangroven-Gebiete unter Schutz gestellt, das Fällen von Mangroven sei offiziell verboten, das Verbot aber nicht durchgesetzt. Es gebe auch einige Aufforstungsprojekte: „Aber die kompensieren nicht das, was verschwindet.“ Neue Gefahren seien aufgetaucht. „Myanmar will jetzt Entwicklung um jeden Preis und macht die gleichen Fehler wie andere“, sagt U Soe Myint. Waldflächen und Boden auch im Delta würden an ausländische Investoren verkauft, neue Industriebetriebe verseuchten die Natur mit Giftstoffen – alles zum Schaden der Mangroven.

Die ersten Häuser von Bogale kommen in Sicht. Das Grün an den Uferböschungen ist völlig verschwunden, sie sind nun gesäumt von rostenden Kähnen, schwarzem Schlick, von Lagerhäusern und Fabriken. In den Buchten schwimmen Müll, Plastiktüten, Abfälle. Als das Boot anlegt, schwappt das Wasser hoch über die Hafenmauern.

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