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Rio de Janeiro - 46 Grad: El Niño im Duell mit der Kälte

Das Wetter spielt verrückt - weltweit. Europa erstickt im Schnee. In Brasilien fühlen sich die Menschen wie in der Wüste. Ecuador leidet unter einer Dürre, in Mexiko treten die Flüsse über das Ufer.


Foto: dpa

Washington/São Paulo. Das Wetter spielt verrückt - und zwar weltweit. Der Osten der USA ächzt unter einer beispiellosen Schneedecke, in Deutschland setzt klirrende Dauerkälte den Menschen zu. In Brasilien bringen wüstenähnliche Rekordtemperaturen die Menschen ins Schwitzen, Ecuador leidet unter einer Dürre, in Mexiko treten die Flüsse über das Ufer.

Ist das alles nur Zufall - oder gibt es doch einen erklärbaren Zusammenhang zwischen den Wetterkapriolen? Meteorologen haben eine weltumspannende Ursache ausgemacht: eine besonders ausgeprägte Variante des pazifischen Wetterphänomens El Niño im Zusammenspiel mit einem zähen Kältetief über dem Nordatlantik.

"In diesem Spiel gibt es mindestens zwei Spieler: El Niño und den Nordatlantik", sagt der Wetterforscher Klaus Wolter von der University of Colorado in den USA. Das extreme Naturereignis El Niño entsteht alle paar Jahre über dem östlichen Pazifik, wenn die Wassertemperaturen ungewöhnlich steigen und die Wärme nach Osten strömt.

Blick aus dem All auf den schneebedeckten Erdball

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Ausgedörrte Landschaft

Das warme Wasser ist der Nährboden, auf dem gewaltige Regen- und Sturmsysteme gedeihen. In Amerika führt El Niño oft zu extremen Niederschlägen, während in seinem Rücken - etwa in Australien - zyklische Trockenheit die Landschaft ausdörrt.

Wärmekarten der US-Behörde für Meeresforschung zeigen derzeit eine riesige rote Fläche im Pazifik zwischen Australien und Mittelamerika. Rot steht für warm. Hier befindet sich im Moment die Wetterküche der Welt. Dafür kühlt La Niña den äquatorialen Pazifik.

Über dem Nordatlantik hängt derweil die arktische Kälte ganz besonders zäh fest. Das Resultat sind Wetterkapriolen - etwa in Form gewaltiger Schneefälle wie nun im Osten der USA, wo schwer aufgeladene Regenwolken aus dem Westen auf die nordatlantische Eiseskälte prallen. "El Niño und der Nordatlantik sind es, die diese Winterstürme nach Nordamerika und Europa bringen", sagt Wolter.

In Washington brachte der Winter bislang knapp 1,40 Meter Schnee - mehr als je zuvor seit Beginn der Wetteraufzeichungen 1884. Die Hauptstadt der Weltmacht USA liegt seit Tagen lahm, selbst den Verbrechern ist es zu kalt: Die Polizei registrierte einen deutlichen Rückgang von Straftaten. Ganz andere Probleme hat Südamerika: Im brasilianischen Rio de Janeiro stiegen die Temperaturen Mitte der Woche auf mehr als 46 Grad - und das kurz vor dem Karneval. Rios Temperaturen übertrafen sogar jene der Sahara.

Während in Rio die schlimmste Hitzewelle seit 50 Jahren wütet, stöhnt der nördlich angrenzende Bundesstaat São Paulo seit zwei Monaten unter Dauerregen. Mehr als 100 Menschen sind in Brasilien an Hitze und Fluten gestorben. Überhaupt zeichnet sich das weltweite Chaoswetter derzeit durch eine besonders ungleiche Verteilung von Niederschlägen aus: Halb Mexiko leidet unter Überschwemmungen, mehr als 40 Menschen starben. In Bolivien und Peru brachte der Dauerregen Berghänge ins Rutschen.

Der Äquatorbereich hingegen leidet derzeit nicht unter zu viel Wasser, sondern unter zu wenig davon. Ecuador stöhnt unter der schwersten Dürre seit 40 Jahren. In Venezuela wurde diese Woche der "Stromnotstand" ausgerufen, weil der niedrige Pegelstand die Wasserkraftwerke trockensetzt. Viel weiter oben im Norden, in der sonst so niederschlagsreichen Winter-Olympiastadt Vancouver, mangelt es an Schnee.

Viele Wetterforscher vermuten, dass das Phänomen El Niño wegen des Anstiegs der Erdtemperaturen künftig häufiger vorkommen wird. Fachleute weisen aber auch darauf hin, dass die derzeitig registrierten Wetterkapriolen gar nicht mal so ungewöhnlich sind. "Es ist nun mal einfach so, dass es im Winter verdammt kalt wird", meint Jeff Masters von der US-Wetterinternetseite Weather Underground trocken, ohne großes Mitleid für die fröstelnden Europäer und Nordamerikaner aufzubringen. "Und wenn es kalt wird, bekommt man Schnee." (afp)

Datum:  12 | 2 | 2010
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