Herr Höppe, hat der Klimawandel 2011 eine Pause gemacht?
Nein, gar nicht. Zwar entfielen etwa zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen und rund die Hälfte der versicherten Schäden durch Naturkatastrophen 2011 weltweit auf geophysikalische Ereignisse wie Erdbeben. Doch neben den teuren Beben, die sich ja nicht alle Jahre ereignen, darf nicht übersehen werden, dass rund 90 Prozent der Naturkatastrophen auch 2011 weltweit wetterbedingt waren. Sowohl die gesamtwirtschaftlichen als auch die versicherten Schäden durch wetterbedingte Katastrophen erreichten 2011 inflationsbereinigt jeweils die zweithöchsten Werte seit 1980. Seitdem hat sich die Zahl der Schadenereignisse aus Extremwetter nahezu verdreifacht, was ohne den Klimawandel nicht vollständig zu erklären ist. Wir sehen bereits jetzt, dass die Wettermaschine einen Gang höher schaltet, wobei die heftigsten Auswirkungen der Erderwärmung erst noch bevor stehen.
Gibt es noch genügend Geld für den Kampf gegen den Klimawandel?
Wenn wir den Klimaschutz künftig mehr als ökonomische, weniger als politische Aufgabe begreifen, macht es gerade wegen der gegenwärtigen Krisen Sinn, ihn zu dämpfen. Denn er bietet enorme ökonomische Chancen im Bereich erneuerbarer Energien. In vielen Ländern, auch China und den USA, gibt es sehr ambitionierte Anstrengungen. Die Welt ist bereits dabei, ihre Energieproduktion von der Verbrennung fossiler Rohstoffe zu entkoppeln. Wenn deren Fördermaximum erreicht ist, steigen bei wachsendem Bedarf die Preise rasant und auch die Konfliktpotenziale aufgrund von Verteilungsrivalitäten. Hier liegt der größte Hebel für den Klimaschutz: Je höher der Preis für fossile Energie, desto mehr Chancen für einen Umbau der Energiewirtschaft. Der technische Fortschritt wird ein Übriges tun, wie man am Preisverfall für Photovoltaikmodule gut sehen kann.
Kann die Staatengemeinschaft den Kampf gegen den Klimawandel also doch noch gewinnen?
Der Ausstieg Kanadas aus dem einzigen rechtlich bindenden internationalen Klimaschutzprotokoll von Kyoto zerstört viele Hoffnungen auf die Effektivität zukünftiger Verträge. Das Menschheitsproblem Erderwärmung ist auf Ebene der Staatengemeinschaft schwer lösbar. Vielen Ländern scheinen ihre kurzfristigen und spezifischen Interessen ungleich näher als die globale Langfristgefahr.
Was dürfen wir 2012 vom Klimawandel und den Kampf dagegen erwarten?
Einzelne Jahre sagen über Änderungen im Weltklima genauso wenig aus wie einzelne Ereignisse. Für die kommenden Jahre erwarten wir im Trend allerdings einen weiteren Anstieg wetterbedingter Naturkatastrophen. Nachdem 2012 wahrscheinlich die kühlere La-Nina-Phase zu Ende gehen wird, wird es wohl auch global gesehen wieder wärmer werden. Was den Kampf gegen den Klimawandel anbelangt, könnte es zielführend sein, wenn sich in diesem Jahr in einem kleineren Kreis die Länder treffen, die wesentlich zu den Emissionen von Treibhausgasen beitragen. Um 75 Prozent davon abzudecken, würden China, USA, Indien, die EU, Russland und Japan genügen. Dabei würde es den UN-Prozess enorm beflügeln, wenn einige wichtige Player – etwa Europa gemeinsam mit China – vorangehen würden. Dies könne auch bei zögerlichen Staaten dazu führen, dass sie sich der Initiative anschlössen.
Gibt es einen Plan B, falls der Klimawandel aus dem Ruder läuft?
Die gewaltige Herausforderung werden wir nur meistern, wenn viele viel Geld in die neuen Technologien investieren. Hier kann ein Plan B ansetzen. Viel könnte erreicht werden, wenn eine Kerngruppe von Ländern beherzt voranginge und alle Anstrengungen in die Förderung der erneuerbaren Energien steckte.
Das Gespräch führt Thomas Magenheim.
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