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Soziologe Claus Leggewie: "Wir überfahren unsere Enkel"

Die Schmerzfreiheit des Wohlstandbürgers verstößt gegen elementare Prinzipien der Gerechtigkeit, sagt der Soziologe Claus Leggewie im FR-Interview. Er sieht im Klimawandel auch die Chance für eine bessere Welt - wenn wir uns ändern.

Claus Leggewie ist Soziologe.
Claus Leggewie ist Soziologe.
Foto: dpa

Herr Professor Leggewie, Wissenschaftler, Umweltschützer, Politiker und Journalisten veranstalten seit Jahren ein Klimaschutz-Dauerfeuer. Aber: Wie dramatisch die Lage ist, haben die meisten Bürger noch nicht realisiert. Warum?

Das hat mindestens drei Gründe: Lange hieß es, Klimawandel sei räumlich und zeitlich weit entfernt. Man kann ihn nicht riechen, schmecken, fühlen, sondern ist auf wissenschaftliche Expertise angewiesen, die mit schwer vermittelbaren Zahlen und Grenzwerten aufwartet. Und man glaubte, gegen Gletscherschmelze, Dürren und Hurrikane ohnehin nichts ausrichten zu können. Man kann aber etwas tun. Und mittlerweile wächst ein globales Problembewusstsein, die Klimapolitik bewegt sich, Bürger und Verbraucher auch.

Der große Ruck steht aber noch aus. Kann man nicht auch verstehen, dass die Leute lieber einen SUV-Geländewagen kaufen, als sich in ein spartanisches Drei-Liter-Auto zu zwängen?

Das ist schon ästhetisch eine fragwürdige Alternative, erst recht politisch. Wer seinen Freizeitpanzer verteidigt, gibt zu verstehen, dass ihm die Nachwelt schnuppe ist, konkret: die Lebensbedingungen der Kinder und Enkel. Ihnen sagt er: Ihr sollt es einmal schlechter haben als ich. Und die werden es bald cooler finden, mit dem Elektroauto zur Schule gebracht zu werden. Und wer sagt eigentlich, dass ein Drei-Liter-Auto hässlich sein muss?

Dürre und Flut

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Allerdings haben die Leute Erfahrung mit Öko-Kassandras: Der Exitus des Waldes ist auch ausgefallen, obwohl das "Waldsterben" in den 80er Jahren an die Wand gemalt wurde

Ganz schön mutig, den Zustand der Wälder für gut zu erklären.

Nicht gut, aber er hat überlebt...

Es stimmt schon: Kassandra ist heiser. Doch wer heute Klimaschutz betreibt, ist längst aus der Apo- und Öko-Ecke raus, das ist ein Thema für Normalbürger und Eliten. Und die spüren, dass der vermeintliche Verzicht auf Überentwicklung in Wahrheit einen Gewinn an Lebensqualität, Gerechtigkeit und Sicherheit verspricht. Die so denken, werden weltweit täglich mehr, und für eine globale soziale Bewegung fehlt eigentlich nur das Bewusstsein dieser potenziellen Stärke.

Vielleicht ist es von den Bürgern zu viel verlangt, wenn sie den Zusammenhang von Vollgas-Geben und die steigenden Sturmfluten in Bangladesh erkennen sollen und deswegen ihr Leben ändern?

Das würden sie sofort, wenn Millionen Flüchtlinge aus Bangladesh in Frankfurt oder Hamburg ankommen, die ihr Leben ziemlich drastisch ändern mussten. Diese Schmerzfreiheit des Wohlstandbürgers verstößt gegen elementare Prinzipien der Gerechtigkeit: Die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, sollen am meisten drunter leiden?

Es wäre der Job der Politik, entsprechende Rahmbedingungen zu setzen. Warum funktioniert es nicht? Selbst eine Mini-Ökosteuer entfacht "Benzinwut".

Die Benzinwütigen sind gottlob im Aussterben begriffen. Kluge Gesetze - wie das Erneuerbare Energien-Gesetz, das den Ökostrom nach oben gepusht hat - und umweltfreundliche Technologien sind nicht alles. Wir müssen unseren verschwenderischen Lebensstil ändern, das ist unabwendbar. Alles zusammen löst bei Ingenieuren, Entscheidern und Bürgern eine Lust auf Veränderung und Experimente aus, die unser Land ganz nebenbei vom Mehltau der Krise befreien kann. Wir müssen ja nicht ausschließlich über die Systemrelevanz von Opel nachdenken.

Die Zeit für eine Klimaschutzwende wird immer knapper. Wenn Kopenhagen floppt, droht uns dann das Klimachaos?

Das kann man nicht ausschließen. Aber Katastrophenangst ist ein schlechter Ratgeber. Selbst wenn es den Klimawandel nicht gäbe, wäre es Zeit für eine Welt ohne Kohle und Öl und ein besseres Leben. Und in einem kontrollierten globalen Emissionshandel, wie ihn der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderung (WBGU) und andere erarbeitet haben, liegen echte Chancen für eine andere und bessere Welt.

Droht nicht die Öko-Diktatur? Könnte ein autoritäres Land wie China nicht eher "umschalten" als die westlichen Demokratien?

Das ist bereits im Gange, der Osten wird grün. Für Demokratien kann das nur ein Ansporn sein, mehr zu geben als bisher. Ihr Problem ist der kurze Zeittakt von Wahlen bei gleichzeitiger Tendenz, alles auf die lange Bank zu schieben. Da müssen Demokratien dazu lernen.

Gibt es überhaupt eine Chance, den Umbau demokratisch zu bewältigen?

Natürlich. Demokratien haben Kriege und Katastrophen überstanden und aggressiven Diktaturen widerstanden. Die Klimawende ist der beste Anstoß für eine neue Kultur der Teilhabe, weg von der bloß gefühlten Beteiligung vor der Glotze und der sterilen Besitzstandswahrung. Und das ist notwendig, denn der erforderliche Wandel ist welthistorisch noch nie dagewesen.

Sind Sie nun Klima-Optimist oder Pessimist? Und was kommt in Kopenhagen heraus?

Mehr als wir geglaubt haben, deswegen: verhaltener Optimismus. Deutschland und die EU können beim Finanztransfer an die Entwicklungsländer und bei den CO2-Minderungszahlen nachjustieren, ohne das an Bedingungen zu knüpfen. Am meisten bewegen müssen sich US-Präsident Obama und die Länder der G77. Und die Mühen der Ebenen beginnen immer nach dem Gipfel. Wir müssen uns Gedanken machen über eine praktikable Architektur zukünftiger globaler Klima- und Energiekooperation jenseits von Kyoto und Kopenhagen.

Und wie wird die aussehen?

Sie muss die Großmachtinteressen Chinas und der USA berücksichtigen, die sich ungern an internationale Abkommen binden, und zugleich einen globalen Emissionshandel organisieren, der weltweite Reduktionsziele mit dezentralen und sektoralen Initiativen verbindet.

Interview: Joachim Wille

Datum:  3 | 12 | 2009
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