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UN-Gipfel: Alles auf Kohle

Südafrika, Gastgeber des UN-Klimagipfels, setzt auf fossile Energieträger. Dass die Umwelt leidet, nimmt man in Kauf.
Südafrika, Gastgeber des UN-Klimagipfels, setzt auf fossile Energieträger. Dass die Umwelt leidet, nimmt man in Kauf.
Foto: dpa

Südafrika, der Gastgeber des UN-Klimagipfels, setzt auf fossile Energieträger. Dass die Umwelt unter dem Kohletagebau leidet, nimmt man dabei in Kauf.

JOHANNESBURG. –  

Die Sonne verschwindet hinter grauen Schlieren, eine schwarze Staubschicht liegt auf der Straße. Bis zu 40 Tonnen schwere Sattelschlepper reißen im Vorbeidonnern immer neue Schlaglöcher in den Asphalt. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche pendeln sie zwischen den Kohletagebauen, die wie offene schwarze Wunden in der gewellten Landschaft klaffen, und den riesigen Kraftwerken, deren Schlote sich wie qualmende Wahrzeichen am Horizont aufreihen. Willkommen in Südafrikas Kohleprovinz Mpumalanga.

Gäbe es eine „Kohle-Route“, wie es bei Kapstadt eine „Wein-Route“ gibt, sie würde rund 50 Kilometer östlich von Johannesburg beginnen, wo mit dem Kraftwerk Kendal der erste von elf über die Region verteilten Stromerzeugern in die Höhe ragt. Aber welcher Tourist sollte sich dafür interessieren? Und welche Regierung sollte mit einer solchen Attraktion für ihr Land werben?

In der luftigen Hafenstadt Durban versucht Südafrika als Gastgeber des UN-Klimagipfels in diesen Tagen, sich als leidenschaftlicher Anwalt für eine CO2-ärmere Atmosphäre zu präsentieren. In Mpumalanga errichtet der Stromkonzern Eskom zur gleichen Zeit das größte Kohlekraftwerk der Welt mit einer geplanten Leistung von 4800 Megawatt.

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37 Millionen Tonnen Kohlenwasserstoffe wird das Werk, das sinnigerweise „Kusile“ – Sonnenaufgang – heißen soll, jährlich in die Atmosphäre schleudern. Wer den Rohbau auch nur aus der Entfernung fotografieren will, wird von Sicherheitsleuten aufgegriffen und verhört, als ob das bloße Ablichten der Großbaustelle bereits einem Terrorakt gleichkäme. Die Betreiberfirma ist nervös geworden, seit Greenpeace-Aktivisten kürzlich an einem Baukran ein Transparent mit der Aufschrift „Klimakiller“ entrollten.

Steigenden Energiebedarf decken

Mehr als drei Viertel des südafrikanischen Stroms werden in dem Kohlegürtel östlich von Johannesburg erzeugt. Um den ständig steigenden Energiebedarf zu decken, wurden drei bereits eingemottete Kohlekraftwerke wieder angeworfen. Zusätzlich zu „Kusile“ soll noch ein zweiter Megameiler errichtet werden. Das Land brauche 40 neue Minen, um den künftigen Bedarf zu decken, hat der Stromkonzern Eskom vorgerechnet. Gegenwärtig seind bereits weit über hundert Tagebaue im Kohlegürtel in Betrieb.

„Goedgevonden“ heißt eines dieser Bergwerke gleich neben dem Städtchen Ogies, und es ist tatsächlich gut zu finden mit seinem riesigen Abräumbagger und der mächtigen Kohlewaschanlage. Jeden Monat werden in dem Joint Venture, das der australische Xstrata-Konzern mit dem reichsten schwarzen Südafrikaner, Patrice Motsepe, betreibt, 1,2 Millionen Tonnen Kohle gefördert, bald sollen es 2,5 Millionen sein. „Goedgevonden“ sei eine der effizientesten Kohleminen der Welt, erklärt Vorarbeiter Garry stolz. Zur Förderung seien lediglich 300 Beschäftigte nötig.

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Der von einem einzigen Mann gelenkte Abräumbagger stößt in der Regel bereits drei Meter unter der Oberfläche auf Kohle. Etwa 30 Meter Flöz werden abgetragen, danach wird die Förderung wegen des zunehmenden Wassereinfalls unwirtschaftlich. Nach dem Waschen werden die besten Stücke der hochwertigen Steinkohle per Eisenbahn in den über 500 Kilometer entfernten Hafen Richardsbay transportiert und exportiert. Das weniger reine Material landet zur Verbrennung in den örtlichen Kraftwerken.

Die Wirtschaft boomt

Urbanes Zentrum des südafrikanischen Kohlepotts ist das frühere Witbank, das vor fünf Jahren in eMalahleni umbenannt wurde, was auf Zulu „Kohle“ bedeutet. Die Stadt, deren Einwohnerzahl im vergangenen Jahrzehnt von 60.000 auf 240.000 Menschen angeschwollen ist, wirkt seelenlos und überfordert. Während die Wirtschaft dank der Kohle boomt, kommt die Infrastruktur nicht hinterher. Ständige Strom- und Wasserausfälle machten das Leben zur Plage. Und was die Luftqualität angeht: Witbank, witzeln die Einwohner etwas angestrengt, sei sei der einzige Ort des ganzen Landes, wo man sehen könne, was man einatmet.

Zu denen, die der Kohlerausch hergelockt hat, gehört Joseph, ein 25-jähriger Kipperfahrer, der in einem Slum am Stadtrand eine Bretterhütte bewohnt. Trotz des Booms konnte er bislang nur eine schlecht bezahlte Arbeit als Wachmann in einer soeben eröffneten Mine ergattern. „Zu viele Menschen jagen ein paar armseligen Jobs hinterher“, klagt der Lastwagenfahrer mit Abitur. Trotzdem will er bleiben, auf seine Chance warten.

Dagegen zieht sich für Farmer Hannes der Himmel zu. 30 Jahre lang hat der Landwirt sein Gut an der Straße zwischen Middleburg und Bethal bewirtschaftet, jetzt wollen die Bergwerksunternehmen auch die 1500 Hektar aufbaggern, auf denen er bisher Mais anbaut. Dem Landhunger der Kohlebarone hat Hannes nichts entgegenzusetzen: „Selbst wenn wir uns weigern zu verkaufen – auf Dauer werden wir neben den Minen nicht überleben können“, sagt er. Schon heute fällt der Regen in der Region immer saurer vom Himmel. Viele Brunnen sind dermaßen von verschmutztem Minenwasser verseucht, dass die Bergwerksunternehmen den Farmern Trinkwasser in Tanklastern liefern müssen.

Eine gute Autostunde weiter südlich, in Secunda, unterhält der Sasol-Konzern eine riesige Anlage zur Kohleverflüssigung. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben so viele promovierte Ingenieure wie kein anderes Unternehmen auf der südlichen Halbkugel. Nicht weit vom Tor des abgeriegelten Betriebsgeländes ragt das postmoderne Imitat eines Barockschlosses in die Höhe: ein eigens für die Kohlebarone und ihre rund 30.000 Angestellten errichtetes Spielcasino. Der Parkplatz vor dem Casino ist voll.

Autor:  Johannes Dieterich
Datum:  7 | 12 | 2011
Kommentare:  1
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