Es könnte brenzlig werden beim Klimagipfel. So richtig heiß. „Occupy Durban!“ forderte Costa Ricas Ex-Präsident José María Figueres jüngst von den Delegierten der am stärksten vom Klimawandel gebeutelten Staaten. „Wir brauchen eine Botschaft der Solidarität dieser Länder, die am meisten betroffen sind.“ Denn: „Sie gehen von Konferenz zu Konferenz ohne Antworten auf die drängenden Themen.“
Es zeichnet sich ein Showdown ab auf dem Weltgipfel im südafrikanischen Durban, der am heutigen Montag beginnt. Ein Showdown zwischen den Opfern des Klimawandels in den armen „Südstaaten“ – etwa in Afrika und im Pazifik– und den notorischen Verhandlungsbremsern aus dem Norden, den Industrienationen und den aufstrebenden Schwellenländern wie China. Am Ende wird sich zeigen, ob es überhaupt lohnt, den Kyoto-Weg weiter zu gehen.
"Klimawandel nicht mehr auf politischer Agenda"
Figueres’ Appell könnte Wirkung zeigen. Seyni Nafo, Sprecher der afrikanischen Länder, sympathisiert damit: „Wir verstehen die Situation Europas und Japans“, sagt er. Eurokrise, Erdbeben, Fukushima, das alles koste dort viel Geld und politische Energie. „Es scheint, dass die Bekämpfung des Klimawandels nicht mehr auf der globalen Agenda steht.“ Man müsse deswegen Aktionen erwägen, die sie zurück in die Öffentlichkeit rufen. Ein Delegierter aus der Entwicklungsländergruppe der „G.77“ weiß: „Es gibt Überlegungen unter Delegierten, die Tagungsräume zu besetzen. Es müsste gut geplant sein, um etwas bewirken zu können.“
Anfang November schreckte eine Meldung des US-Energieministeriums die Öffentlichkeit auf. Um sechs Prozent, so eine Hochrechnung, seien die Emissionen von Kohlendioxid und anderen klimaanheizenden Gasen von 2009 auf 2010 gestiegen. Wenige Tage später legte die Internationale Energie-Agentur nach: Das Ziel, die Emissionen auf ein Maß zu begrenzen, das einen Anstieg der globalen Temperatur um weniger als zwei Grad wahrscheinlich macht, ist kaum noch zu erreichen. Der Hauptgrund dafür: In vielen Schwellenländern steigen die Emissionen massiv an.
Natürlich tragen die alten Industrieländer weiterhin die Hauptverantwortung. Sie haben etwa 80 Prozent der menschengemachten Treibhausgase in die Atmosphäre gebracht. Und auch die aktuellen Pro-Kopf-Emissionen sind im Reichen-Club, den OECD-Staaten, deutlich höher als anderswo. Doch in den USA und Europa sinken die Emissionen spätestens seit der Krise 2008.
Die zusätzlichen neuen Treibhausgasmengen kommen dagegen als fast ausschließlich aus den neuen Industrieländern und den Schwellenländern, die sich anschicken, das Wohlstandsniveau Europas und Nordamerikas zu erreichen – mit entsprechend steigendem Energieverbrauch. Doch wo genau geht derzeit der Kampf gegen den Klimawandel verloren? Wo spielen sich Entwicklungen ab, durch die jetzt und in Zukunft hohe zusätzliche Kohlendioxid-Mengen in die Luft geblasen werden? Wir zeigen anhand von vier Beispielen, warum es so schwierig ist, den Klimawandel noch rechtzeitig in den Griff zu bekommen.
Sucht man ein Symbol für das Scheitern der Klimarettung, es gäbe wohl kein geeigneteres als ein chinesisches Kohlekraftwerk. China macht bei seinem Aufstieg zur Industriemacht vieles anders als der Westen dereinst. Eines jedoch nicht: Das Rückgrat der Wirtschaftsexpansion ist schwarz. 73 Prozent des Energieverbrauchs wird mit Kohle gedeckt, schätzt der Weltkohleverband WCA. Derzeit wird in China im Schnitt etwa einmal pro Woche ein Kohlegroßkraftwerk ans Netz genommen. Das ist – immerhin – weniger als halb soviel wie vor fünf Jahren.
Aber letztlich geht es zu langsam mit dem Wandel. China ist zwar der weltgrößte Investor in erneuerbare Energie sowie Atomkraft und will viel energieeffizienter werden – bis 2015 soll der Kohleanteil am Energiemix auf 63 Prozent fallen. Doch trotz des relativen Rückgangs werden der Kohleverbrauch und damit die Emissionen enorm steigen – der Energieverbrauch wächst viel schneller, als die Maßnahmen greifen. Laut WCA könnte sich Chinas Kohleverbrauch bis 2030 nahezu verdoppeln. In anderen Schwellenländern geschieht ähnliches. Indien plant sogar, den Anteil der Kohle an der Stromerzeugung zu steigern. Seit 2007 sind mehr als 50 Kohlekraftwerke gebaut worden, 100 sollen in diesem Jahrzehnt dazukommen.
Ausbau und Integration erneuerbarer Energien in das Stromnetz können und wollen sich die meisten Entwicklungsländer nicht leisten. Kohle macht derzeit 43 Prozent der CO2-Emissionen durch fossile Brennstoffe aus. Der Anteil wird weiter steigen.
Als 2008 der Ölpreis auf 147 Dollar pro Fass stieg, war der Begriff „Peak-Oil“ in aller Munde: Eine Theorie, die besagt, dass nach dem Erreichen eines globalen Förderhöhepunktes die Ölproduktion unaufhaltsam zurückgeht. Das wäre mit einer Weltrezession verbunden – gleichzeitig aber auch ein Schub für den Klimaschutz, denn Öl steuert 37 Prozent der globalen Emissionen bei. Doch so kommt es nicht. Das hohe Ölpreisniveau macht weltweit die Ausbeutung weiter profitabel.
In Brasilien zum Beispiel ist eine regelrechter Ölrausch auf hoher See ausgebrochen. Bis 2020 soll die Förderung auf vier Millionen Barrel pro Tag verdoppelt werden.
Ex-Präsident Lula da Silva sprach von einem „Geschenk Gottes“ an Brasilien.
Die technischen Herausforderungen sind groß. Bis zu 300 Kilometer vor der Küste befinden sich die Felder – und in sieben Kilometer Tiefe. Doch der Multi Petrobras will pro Jahr 45 Milliarden Dollar investieren – ein weltweiter Rekord.
Leider – aus Sicht der Klimaschützer – sind die Ölvorräte groß, vielleicht noch viel größer als derzeit geschätzt wird.
Auch vor Westafrika, in der Nordpolarregion und zum Beispiel vor Vietnam gibt es weitgehend unerschlossene, vielleicht riesige Vorkommen. Hinzu kommt: Neue Fördertechniken holen auch aus den bestehenden Feldern der Welt bis zu 25 Prozent mehr Öl als noch vor zehn Jahren möglich erschien. Irgendwann geht das Öl-Zeitalter dennoch zu Ende. Aber nicht mehr rechtzeitig, um den Klimawandel abzumildern.
Wer ist Rekordhalter bei den CO2-Emissionen pro Kopf? Die Antwort dürfte Viele überraschen: Es ist Katar, die kleine, äußerst gasreiche Halbinsel im Persischen Golf. In den Top 20 finden sich viele weitere Ölstaaten Arabiens: die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain, Saudi-Arabien und Oman. Seit 2001 haben in dieser Region die CO2-Emissionen enorm zugenommen.
Gas und Öl können nirgendwo sonst so günstig gefördert werden. Das führt zu Verschwendung: Riesige klimatisierte Veranstaltungshallen und Einkaufszentren, hoher Wasserverbrauch (zum Beispiel durch Golfplätze mitten in der Wüste), der nur mit aufwendigen Entsalzungsanlagen gedeckt werden kann, spritfressende Geländewagen, gewaltige und energieintensive Bauprojekte. Katar stößt dreimal so viele Klimagase pro Kopf aus wie die (äußerst verschwenderischen) USA; Kuwait und die VAE doppelt so viel.
Gleichzeitig ist die Bevölkerung dieser Staaten rasch gestiegen. Katar hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur gut 20 000 Einwohner. Jetzt sind es etwa 1,7 Millionen. Zwar investieren die Länder der Region auch in erneuerbare Energien, Katar will die Fußball-WM 2022 möglichst klimaschonend ausrichten. Doch letztlich scheitern die Bemühungen zum Klimaschutz in der Region bislang daran, dass fossile Energie so billig ist. Steuern auf Öl und Gas gibt es kaum, deshalb denken Bevölkerung wie Industrie nicht um. Derzeit produzieren die Ölstaaten etwa sieben Prozent der globalen Treibhausgase, doch ihr Anteil steigt schnell an.
Das genaue Ausmaß liegt im Dunkeln – oder, treffender: hinter Rauchschwaden verborgen. Experten schätzen aber, dass etwa ein Fünftel der globalen Kohlendioxid-Emissionen durch das Abholzen und Abbrennen bislang unberührter Wälder in die Atmosphäre gelangen. Das ist mehr als der Verkehr weltweit an CO2 beiträgt.
Indonesien zeigt, wie illegale Rodung das Klima massiv belastet. Zuletzt wurden in dem Archipel 35 Millionen Kubikmeter Holz pro Jahr geschlagen – ein großer Teil davon ohne Wiederaufforstung. Schätzungen zufolge kommt noch mal die Hälfte an illegalen Einschlägen hinzu. Extrem klimaschädlich sind zudem die illegalen Brandrodungen, vor allem, wenn es sich um Torfböden handelt, auf denen Plantagen (meist für Ölpalmen) entstehen. Im Torf sind hohe Mengen Klimagase gebunden, die dann entweichen. So wurde das arme Indonesien zum drittgrößten Kohlendioxid-Emittenten der Erde.
Ein wenig Druck wird derzeit durch die stärkere Verbreitung von Holz- und Biosprit-Zertifikaten auf Indonesien ausgeübt. Ein neues Weltklimaprotokoll müsste dem Land einen finanziellen Anreiz geben, die Wälder nicht abzuholen. Doch illegale Rodungen lassen sich damit wohl nicht beenden. Vielmehr zeigt die Geschichte, dass die Zerstörung der eigenen Umwelt erst dann wirksam eingeschränkt wird, wenn ein Land ein höheres Wohlstandsniveau erreicht hat. Indonesien ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass Klima- ohn
Tausende Delegierte und Beobachter aus 195 Staaten treffen sich in der Hafenstadt Durban. Zwei Wochen wird verhandelt, wie jedes Jahr im Herbst. Es ist bereits die 17. Weltklimakonferenz. Fast zwei Jahrzehnte sind seit dem legendären Gipfel von Rio 1992 vergangen, bei dem man feierlich beschloss, Entwicklung und Umwelt zu versöhnen – und vor allem den Klimawandel beherrschbar zu halten.
2012 aber läuft das Kyoto-Protokoll, das die Industriestaaten zur CO2-Reduktion um rund fünf Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 verpflichtete, aus. 2009 scheiterte die Staatengemeinschaft auf dramatische Weise damit, in Kopenhagen einen
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