Es ist Sylvester 2080. Man feiert ins neue Jahr. Was gibt es zur trinken? Zu den Schnittchen einen guten Riesling aus den schottischen Highlands. Und um zwölf Uhr zum Anstoßen einen "Bubbly", einen Sekt vom Edelkelterer Louis Roedner, der seine Weinberge in Sussex in Südengland betreibt. Das renommierte Weinland Großbritannien liefert die Spitzentropfen, danach kommen Cuvees von den Südlagen des Harz und aus Südschweden. Der gute Rote aus Italien oder französischem Champagner, den die Großeltern noch tranken, sind ja längst aus den Supermarkt-Regalen verschwunden.
Noch Ende des 20. Jahrhunderts war die grüne Insel als nass, kühl und unbeständig verschrien. Heute wachsen dort - dank des Klimawandels - beste Weine. Der trockene "North Yorkshire" gilt als 1a-Tropfen.
Die Winzer in den Mittelmeerländern dagegen mussten umsatteln. Sie haben ihre Rebflächen längst aufgegeben, sie bauen neu gezüchtete, trockenheitsresistente Weizensorten, Dattelpalmen und Agaven an, wenigstens dort, wo die Felder trotz fortschreitenden "Verwüstung" noch zu retten waren.
Sogar wärmeliebende Sorten wie Merlot und Cabernet Sauvignon verdorrten auf den ehemals besten Lagen. Und das, obwohl der Klimawandel viel weniger zuschlug, als man Anfang des Jahrhunderts in den Horrorszenarien befürchtete.
Yorkshire-Riesling, spanische Datteln, Tequila aus Griechenland. Drei Beispiele, es gibt viele mehr. Die Menschheit musste sich anpassen an das sich wandelnde Klima, das war das A und O. Und ist es heute noch, obwohl Industrie, Verkehr und Haushalte überall in der Welt seit 20 Jahren "CO2-clean" sind. Das Klima ist träge, die Bremsspuren sind lang. Doch das gilt nicht nur für die Landwirtschaft.
750 Milliarden für Deiche
Im Küstenschutz, im Siedlungsbau, in der Gesundheitspolitik - überall mussten alle Länder der Erde riesige Anstrengungen unternehmen, um zurecht zu kommen. Aber es gelang im Großen und Ganzen. Kein Frage: Auch die vergleichsweise milden Auswirkungen der bei zwei Grad plus gestoppten Erderwärmung zu beherrschen, war noch teuer genug. Es kostete zum Beispiel rund 750 Milliarden Euro (nach Geldwert von 2009 gerechnet), die Menschen in Bangladesh, im Nil- und im Ganges-Delta, in New York, London und anderen Küstenzonen vor dem Meer zu schützen - mit höheren Deichen und Umsiedlungen.
Der Meeresspiegel ist nämlich seit 1990 trotz des guten Klimaschutzes um einen Dreiviertelmeter angestiegen. Woher das Geld kam? Alle Länder der Erde haben Jahr für Jahr zwei Prozent ihres Bruttosozialprodukts in die CO2-Bremse und die Anpassung gespeckt. So hatte es der legendäre britische Ökonom Nicholas Stern 2007 empfohlen.
Die Menschen haben umgedacht. Klimagerecht leben ist schon seit 2015 überall Schulfach, so wichtig wie Schreiben, Rechnen und Musik. Kein Europäer jettet mehr zum Shopping-Weekend nach New York. So etwas gab es tatsächlich noch in den Jahren nach 2000. Skifahren ist, was viele bedauern, bis in hohe Lagen nicht mehr möglich. Doch die Menschen haben sich arrangiert.
Die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt heute in grünen, aufgelockerten, dezentralen Solarstädten mit kurzen Wegen ohne Lärm- und Abgas-Terror; man fährt emissionsfrei per Fahrrad, E-Bike, Öko-Bahn oder Sonnenstrom-Auto.
Die Weltgemeinschaft hat es durch kluge, lobbyisten-resistente Energie- und Verkehrspolitik, durchgreifenden Urwald-Schutz und einen freiwilligen persönlichen Bedürfnis-Check geschafft, die von Klimaforschern beschworene Grenze von zwei Grad bei der Erderwärmung einzuhalten.
Anfang des 21. Jahrhunderts schien das noch undenkbar. Doch es geschah. Die neun Milliarden Menschen, die seit 2050 die Erde bevölkern, leben im Durchschnitt sogar etwas besser als Anfang des Jahrhunderts, als Börsencrashs, Erdöl- und Rohstoffspekulationen sowie Weltfinanzkrise die Menschheit beutelten. Die Welt ist, auch dank intelligenter Klimapolitik, gerechter geworden.
Wie kam es dazu? Die große Wende begann im Herbst 2009. Der damalige US-Präsident Barack Obama - der erste Schwarze in dem Amt, damals noch eine Sensation - hatte sich ganz kurz vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen entschlossen, doch dort aufzukreuzen.
Es wäre ja auch zu peinlich gewesen: Der mächtigste Mann der Welt jettet zwar zur Verleihung des ihm zuerkannten Friedensnobelpreises nach Oslo, macht aber einen Bogen um Kopenhagen, wo zur gleichen Zeit sein angebliches Herzensthema Klimaschutz verhandelt wird.
Apollo-Programm für Klimaschutz
Obama riss die 10.000 Delegierten, die sonst vornehmlich Papier und Paragrafen umwälzen, mit einer bewegenden Rede zu Begeisterungsstürmen hin. Er rief das "Klimaschutz-Jahrhundert" aus. Und er tat Sensationelles: Er verschärfte das CO2-Ziel der USA für 2020 von den angekündigten minus 17 auf minus 30 Prozent. "Wir starten ein Apollo-Programm für den Klimaschutz", sagte er.
Das Ziel: Komplettausstieg aus Kohle, Öl und Gas bis 2050. Zudem verkündete der Präsident, die USA würden die UN-Fonds für Technologie- und Anpassungshilfe für die Entwicklungsländer kräftig aufstocken. "Wir haben viele Milliarden in die Rettung der Banken gesteckt", rief Obama aus, "das Weltklima muss uns genau so viel wert sein. Nein. Es muss uns mehr wert sein."
Diese Ankündigung veränderte alles. China, das die USA in den Jahren nach 2000 gerade als CO2-Obereinheizer des Globus überholt hatte, sah sich gezwungen nachzuziehen. Peking kippte seine Motto, das geheißen hatte: Wir wollen auch reich werden, bevor wir "grün" werden.
Chinas Premier Wen Jibao, der auch nach Kopenhagen gekommen war, sagte nun plötzlich: "China nimmt den Wettlauf um die beste, klimafreundlichste Energietechnik auf." Die Europäer, bislang "Klima-Vorreiter", trauten ihren Augen und Ohren nicht. Plötzlich mussten auch sie richtig ernst mit ihren Ankündigungen machen.
In Kopenhagen verabschiedeten die 192 vertreten Länder feierlich die "Zwei Grad-Erklärung". Alle Politik muss seither daraufhin überprüft werden, ob sie dazu beiträgt, diese Klima-"Leitplanke" einzuhalten.
Das war der Durchbruch. Ein Jahr später, auf dem Klimagipfel 2010, einigten sich die Staaten der Welt auf ein globales CO2-Budget: Nur noch 750 Milliarden Tonnen des Treibhausgases durften in die Atmosphäre gepustet werden, damit die zwei Grad gehalten werden können.
Reiche Entwicklungsländer
Das bedeutete: Ab 2015 mussten die globalen Emissionen sinken, bis 2050 halbiert sein und 2080 bei Null liegen. Das Budget wurde auf Pro-Kopf-Basis in nationale Budgets umgerechnet. Damit wurden arme Länder wie Indien plötzlich "reich".
Sie konnten ihre CO2-Zuteilungen, die sie wegen der noch niedrigen CO2-Emissionen nicht brauchten, für viele Dollar- und Euro-Milliarden an die Industrieländer verkaufen. Eine neu gegründete "Weltklimabank" mit Sitz in Mexiko verwaltet seither das Kaufen und Verkaufen der CO2-Lizenzen.
Es entstand eine ganz neue Art von Entwicklungshilfe durch diesen globalen Emissionshandel: Klimaschutz-Dividende statt Almosen der reichen Länder.
Danach ging es Schlag auf Schlag. Der Klimagipfel 2012 in Washington, der erste überhaupt in den USA, erließ ein Neubau-Verbot für Kohlekraftwerke ab 2015, die über keine CO2-Abtrennung verfügen.
2013 einigte sich eine EU-Afrika-Energiekonferenz, gemeinsam das Desertec-Projekt für Solar- und Windstrom aus der Sahara und Nordafrika auszubauen. Es lieferte ab 2020 auch einen Teil des in Europa verbrauchten Stroms, 2050 sogar 20 Prozent. Intelligente Stromnetze, die inzwischen die erneuerbaren Energien kontinentweit verknüpfen, wurden damals Zug um Zug ausgebaut.
2015 führten nach London auch alle anderen wichtigen Großstädte, eine City-Maut ein, die in den Ausbau von Bussen und Bahn floss - darunter New York, Rio de Janeiro, Peking, Neu Delhi, Singapur und Johannesburg. Die Folge: Die Luft wurde sauberer, es gab weniger Lärm, und die Pendler kamen sogar schneller an.
Neue Gebäude dürfen seit 2020 nur noch als Passiv- oder Plusenergie-Häuser gebaut werden. Diese benötigen nur minimale Mengen an Energie für Heizung, Klimatisierung und Warmwasser, oder sie produzieren dank der Solaranlagen auf dem Dach sogar mehr, als sie verbrauchen. Der Althaus-Bestand wurde binnen drei Jahrzenten auf denselben Standard gebracht. Seit 2040 wohnt man weltweit klimaneutral.
Die Klima-Leitplanken haben dadurch gehalten - zum Glück. Die Weltgemeinschaft hat die ärgsten Folgen des Klimawandels verhindert, indem sie die dritte, die "grüne" industrielle Revolution einleitete. Die Welt ist lebenswert geblieben. Sie bietet Chancen für die Generationen, die noch kommen. Und darum ging - und geht - es.
Nachrichten zum Klimawandel, CO2, Treibhauseffekt, saure Meere und Gletscher-Schmelze.
Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.