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Kolumnen

10. Januar 2016

#koelnhbf: Das Coming Out von Hass

 Von Tom Schimmeck
Die Menschen scheinen in ihren Reaktionen auf die Ereignisse von Köln völlig entfesselt.  Foto: dpa

Unsere manchmal scheußlich unterkühlte Gesellschaft wird von brandheißen Stimmungen bedroht. Hierzulande scheinen die Sicherungen durchzubrennen. Die Kolumne.

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Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in diesem Leben noch irgendwann irgendwo reinstürme, „Allah… – oder Merkel oder Batman oder Ritter Sport – …ist groß“ brülle und ein Schlachterbeil zücke, um mich sodann erschießen zu lassen, ist gering. Ich bin ungemein dankbar dafür. Ich bin ein glückliches Kind der Aufklärung, habe ein Auskommen, ein Dach über dem Kopf, gute Bücher und gute Freunde. Ich werde dafür bezahlt, die Welt zu bereisen und besser zu begreifen.

Auf einem großen Haufen Erlebtem sitzend, wird mir immer klarer, wie sehr das Sein das Bewusstsein bestimmt. Und Grenzen der Vorstellungskraft setzt. Die Welt ist weit, aber der Kopf ist eng. Ein Sein, das mich zum Beil greifen lässt, kann ich kaum denken. Ich, der Freund des Rechtsstaates, der Demokratie, der Pressefreiheit, der Sozialversicherung, der Gleichberechtigung von Frau und Mann, Schwarz und Weiß, Arm und Reich, setzte auf des Menschen Herz, seine Vernunft und das Funktionieren der Institutionen.

Umso hilfloser macht mich die anschwellende Ahnung, dass hierzulande gerade die Sicherungen durchbrennen. Dass unsere manchmal scheußlich unterkühlte Gesellschaft sich entzünden könnte, angefacht von miesen, brandheißen Stimmungen. Bis zum Morgengrauen lese ich Worte der vergangenen Woche: Berichte, Kommentare und vor allem die Tiraden darunter. Es war die Woche, in der die CSU in Wildbad Kreuth rumorte und „Mein Kampf“ aus dem Keller geholt wurde, in der Nordkorea angeblich eine Wasserstoffbombe zündete und die Aktienmärkte der Welt, nach ein paar Zuckungen in Shanghai, etwa 2,3 Billionen Dollar auslöschten. Deutschland kannte nur ein Thema: #koelnhbf.

Gefühlte Wahrheiten

Ein massenhafter sexueller Übergriff ist keine Bagatelle. Darüber muss berichtet werden. Dagegen muss gehandelt werden. Unheimlich ist der Ton, mit dem diese Straftaten von höheren Sphären der Politik, vermeintlich seriösen Medien und einem entfesselten Publikum verhandelt werden: giftig, zornig und beißend rechthaberisch. Die Grundmelodie: Siehste! So sind die! Das schaffen wir nie!

Bei der Presseschau zünden die Textbausteine wie verspätete Silvesterböller. „Schonungslos“ und „ohne Tabus“ kommt nun „alles auf den Tisch“, wird „das Übel wird an der Wurzel gepackt“ und „mit der vollen Härte des Gesetzes“ ausgerottet. Die CDU findet zur Marschmusik zurück. „Köln hat alles verändert“, grunzt der Bouffier. „Cicero“ probt den Pegida-Sound: „Was in Köln passiert ist, kann nicht einmal mehr von den linksideologischen Willkommens-Medien und einem sich selbst gleichschaltenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter den Teppich gekehrt werden.“ Auf „focus.de“ erfährt man, „wie die Political Correctness das Land fesselt“.

In den Foren proben Bürger, Familienväter, Patrioten das Coming Out von Hass und Hässlichkeit; ekeln sich vor der „Willkommenskultur“ – ein „Verrat am Volk“; fürchten sich vor Verbrecherhorden, die unsere „heile Welt“ überrennen. „Stoppt die Massenimmigration!“, „Grenzen dicht!“. Sie schimpfen sich die verdunkelte Seele aus dem Leib. Viele klingen, als seien sie ganz stolz auf ihre Angst. „Angst ist dazu da, länger zu leben“, schreibt einer trotzig. „Das wird jeder Biologe bestätigen.“
Nur zum Denken taugt sie nicht.

Tom Schimmeck ist Autor.

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