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Kolumnen

25. Januar 2016

AfD und Pegida: Schmeckt nicht und tut weh - muss aber sein

 Von 
AfD-Anhänger während einer Kundgebung in Hamburg: Ausgrenzen bringt nichts, findet unser Autor.  Foto: dpa

Kein normal tickender Mensch käme auf die Idee, eine Partei wie die AfD zu wählen oder zu Pegida zu gehen. Aber sie nicht mitreden zu lassen, schadet der Demokratie. Die Kolumne.

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Eigentlich verfügt ja jedes Lebewesen über eine gesunde Abneigung gegen alles, was ihm nicht wohltut. So weiß jegliches Viehzeug intuitiv, welche Nahrung es verträgt und welche Beeren und Pilze ihm Unbehagen bereiten. Auch spürt es, mit welchem anderen Getier ein Umgang anzuraten ist und mit welchem bedrohlich. Diese Fähigkeiten vererben sich seit Jahrmillionen von Generation zu Generation und entwickeln sich ständig weiter. Heute könnte man sagen, sie werden upgedatet.

Das funktioniert im Prinzip prächtig, jedoch leider nicht immer. So können diese Sinne durch besondere Umstände negativ beeinflusst werden und ihre natürliche Schutzfunktion verlieren. Deswegen stranden Wale, fliegen Vögel in Triebwerke, klettern Katzen auf zu hohe Bäume, bleiben Kühe im brennenden Stall und essen Menschen bei McDonald’s. Sie alle müssten eigentlich spüren, dass ihnen ihr Tun schadet – und dennoch tun sie es.

Die Anhänger der fremden- und islamfeindlichen Pegida: Nichts Neues in Dresden.  Foto: dpa

Ähnlich in Politik und Gesellschaft. Kein einigermaßen normal tickender Mensch käme von sich aus auf die absurde Idee, eine Partei wie die Alternative für Deutschland zu wählen, zu Pegida zu gehen oder andere Menschen zu beschimpfen, die ihr Hab und Gut verloren haben und bei uns Hilfe suchen. Dennoch geschieht dies alles, und zwar in zunehmendem Maß. Es ist die Folge einer fürchterlichen Fehlleitung. Oder glaubt jemand im Ernst, dass ein AfD-Wähler als fünfjähriges Kind den Lebenswunsch ausgab: Wenn ich groß bin, möchte ich mal ein Menschenhasser werden?

Wodurch solche Verirrungen verursacht werden, kann man zu erklären versuchen. Es mag die Folge jahrzehntelang verfehlter Sozialpolitik sein, die vielen Bürgern das Vertrauen in die Gesellschaft und somit zu sich selbst vergällte. Und natürlich einer neoliberalen Systematik, die gezielt Egoismus fördert und Gemeinsinn schwächt. Für eine Demokratie ist dies natürlich ein denkbar schlechter Nährboden, für altruistisches Handeln sowieso.

Rechte und Pflichten

Was nun tun? Eines gewiss nicht: Ausgrenzen. Auch wenn es unter Umständen dem oben beschriebenen Urtrieb entspräche, müssen wir einmal das einschalten, was wir Menschenkinder uns in Abgrenzung zum Viehzeug seit Jahrtausenden mühsam erschaffen haben, nämlich unsere Vernunft. Auch wenn es abstrus klingt: Wir müssen Unvernünftigen vernünftig begegnen. Dazu gehört zum Beispiel, dass man zur Fernsehdiskussion vor den rheinland-pfälzischen Landtagswahlen auch einen Vertreter der AfD einlädt. Auch wenn es schmerzt, doch alles andere wäre undemokratisch. Genauso darf eine NPD nicht verboten werden, genauso müssen Pegida-Kundgebungen stattfinden dürfen, nötigenfalls auch unter Polizeischutz.

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Wir reden hier von Grundrechten, auf deren Erringen wir zurecht stolz sein dürfen. Doch wir müssen sie konsequent einhalten und sie auch Andersdenkenden zubilligen. Eine starke Demokratie muss das aushalten. Das tut manchmal weh, doch das lässt sich nicht ändern. Andererseits ist es auch des Bürgers Recht (und meines Erachtens gar die Pflicht), in möglichst großer Anzahl zu Gegenveranstaltungen zu erscheinen und möglichst laut jenen entgegenzutreten, die unsere Demokratie zerstören wollen. Und wenn dabei mal das eine oder andere Ei fliegt, kann ich persönlich das nur begrüßen. Nur der Staat darf nicht mit Eiern schmeißen.


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Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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