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Kolumnen

09. Februar 2016

Aschermittwoch: Karneval auf die brutale Art

 Von Volker Heise
In thüringischen Wasungen fanden die Narren den "Balkan-Express" witzig.  Foto: dpa

Leider ist nicht alles vorbei am Aschermittwoch. Und eigentlich läuft Karneval auch schon seit Monaten und geht auf brutale Art einfach weiter. Die Kolumne.

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Karneval ist Dir ein Rätsel. Liegt an einem Trauma. Als Kind hast Du dir das Bein gebrochen und im Bett gelegen. Es war Rosenmontag und Vater hat den Fernseher morgens eingeschaltet. Stundenlang zogen Trecker Anhänger mit seltsamen Aufbauten hinter sich her, stundenlang kommentierten Moderatoren in einem monotonen Singsang, von welchem Karnevalsverein der Trecker sei und warum die Aufbauten mit ihren Figuren witzig wären, was aber nicht der Fall war.

Du konntest nicht aufstehen und den Kasten ausschalten, denn es gab keine Fernbedienung und auch das Smartphone war noch nicht erfunden, um Hilfe zu holen oder wenigstens Oropax. Stattdessen musstest Du weiter im Bett liegen, das Bein in Gips, und der nächste Wagen kam und Erwachsene machten sich vor der Kamera so sehr zum Horst, dass es Dir peinlich war und Du nie wieder älter als zwölf Jahre alt werden wolltest.

Auf der anderen Seite geschahen alle diese Dinge in Köln oder Düsseldorf, wo die Katholiken lebten, und Du konntest immer noch deinen evangelischen Kindergott um Gnade anflehen, während Dir der katholische Gott weiter unheimlich war. Wer weiß schon, hast Du dir damals gedacht, was die Katholiken in ihren Gottesdiensten tun, wenn sie einmal im Jahr gegen jeden Anstand verstoßen? Babys essen? Brunnen vergiften? Mit deutschen Frauen durchbrennen?

Noch schlimmer war Kinderfasching. Für eifrige Mütter war er seit jeher die Gelegenheit, ihre Söhne auf Wochen hinaus dem Gespött der Stadt auszuliefern. Jungen, die einen Auftritt als gefährliches Monster haben wollten, wurden in selbstgeschneiderte Clowns-Kostüme gesteckt mit Perücken aus blonden Zöpfen, was wirklich süß gewesen ist, aber nur bis zum nächsten Schultag.

Gegen die Islamisierung des Wetters

Dir passierte es, in ein Till-Eulenspiegel-Kostüm gesteckt zu werden. Zuhause sah es noch ganz gut aus – das enganliegende Kostüm, grün-schwarz gemustert, die spitz zulaufenden Schuhe mit dem Glöckchen dran, die Mütze mit zwei zylindrischen Ausläufern, wiederum mit Glöckchen. Du hast schlimmer geklimpert als ein Eiswagen am Strand und den ersten Preis für das schönste Kostüm gewonnen.

Natürlich saßen ausschließlich Erwachsene in der Jury, anfangs bist Du auch stolz gewesen, aber dann hast Du – auf dem Podium, mit dem Preis in der Hand – in die Menge hinabgesehen und in den Augen deiner Mitschülerinnen und -schüler jene Bosheit entdeckt, die nur vollkommen verdorbene Kinderseelen haben können. „Glöckchen, Glöckchen“ schallte es Dir nun fürderhin in den Pausen entgegen, „wo hast Du deine Mützchen gelassen?“. Dann flogen die Fäuste.


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Nein. Von Dir aus kann Sturm „Ruzica“ jedes Jahr kommen und dem seltsamen Treiben ein Ende setzen, auch wenn Jan Böhmermann getwittert hat, der ausländische Wind würde den deutschen Karneval kaputt machen, was fast witzig war, aber eben leider nur fast. Denn Du ahnst ja schon, dass jemand von der Alternative für Deutschland oder Pegida das wirklich glaubt und weitertwittert und dann ist es im russischen Fernsehen und vor dem Kanzleramt wird gegen die Islamisierung des Wetters demonstriert. So gesehen ist Karneval schon seit Monaten, nur auf die brutale Art – und Aschermittwoch kommt einfach nicht. Zeit zu fasten.

Volker Heise ist Filmemacher.

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