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Kolumnen

24. September 2015

Bedingungslos existieren

 Von Petra Kohse

Der Aktivist Ralph Boes sitzt am Brandenburger Tor und spricht mit Menschen über Armut und Einkommen.

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Was würden Sie tun, wenn für Ihr Existenzminimum bedingungslos gesorgt wäre? Würden Sie die Stelle wechseln, eine Weltreise machen, Delfine retten oder im Bett bleiben und lesen? Die 1000-Euro-Frage – sie wird in Diskussionen über das Bedingungslose Grundeinkommen immer gestellt. Sofort fallen einem etliche Probleme ein, die dadurch gelöst werden könnten, vom hohen Krankenstand in Behörden bis zur Altersarmut. Eine Sache des Vertrauens, der Freiheit und der gesellschaftlichen Selbstheilung. Denn wer gar nicht arbeiten will, dem gelingt das schon jetzt. Es gibt nichts zu verlieren.

Das sagte sich auch der Berliner Unternehmer Michael Bohmeyer, der 2014 die Initiative „Mein Grundeinkommen“ gründete. Ein crowdfinanzierter, netzbasierter Feldversuch, bei dem jeweils einjährige Grundeinkommen in Höhe der monatlichen 1000 Euro verlost werden. Um „Geschichten zu sammeln“ und zu zeigen, dass es machbar ist. Inzwischen umfasst die Community rund 77 000 Menschen, über 20 000 von ihnen haben fast 200 000 Euro gespendet. Letzten Samstag war es wieder soweit. In einer live gestreamten Veranstaltung wurde die Losnummer des 15. Grundeinkommens ausgewürfelt – es geht von 1. Oktober an an einen Vierjährigen. Als nächstes steht die Doppelvergabe des 16. und 17. an. Einer wird ausgelost und kann eine zweite Person bestimmen, die es ebenfalls bezieht. So soll symbolisch Gleichheit geschaffen werden.

Das ist reizvoll und spielerisch, Gesellschaftsveränderung 2.0. Doch auch die muss man sich leisten können. Wer Hartz IV bezieht, hätte wenig vom gewonnenen Geld, und wem die Bezüge ganz gestrichen wurden, weil er nicht im Callcenter arbeiten will, dem geht auch der Netzzugang verloren. Darum hat Ralph Boes beschlossen, ein Zeichen zu setzen. Der Berliner Aktivist, der seit langem propagiert, dass Hartz IV verfassungswidrig sei, und der selbst „sanktioniert“ wird, nimmt seit 1. Juli weder Lebensmittelmarken noch Hilfe von Freunden in Anspruch. Er hungert. Und zwar öffentlich.

Den Sommer über war er fünf Tage die Woche abends vor dem Brandenburger Tor zu finden, zuletzt am Sonntag. Ein freundlicher Mann Ende fünfzig mit grauen, kinnlangen Haaren, Nickelbrille und dunkelrotem Schal, der in der Mitte eines Kreidekreises an einem Tisch sitzt und Passanten einlädt, sich mit ihm zu unterhalten.

Dudelsacktöne wehen über den Platz, Mädchen halten Schilder mit „You should be here“ in ihre Kameras und der Hartz IV-Hungernde hat Sprechstunde. Eine junge Frau mit Dreadlocks sitzt bei ihm, andere warten. Er sieht gelöst aus, dehnt sich zwischen den Sitzungen und lächelt. Einer, der seinen Weg gefunden hat und ihn jetzt geht. Ein Gothaer Richter teilt die Auffassung von Ralph Boes und hat das Bundesverfassungsgericht eingeschaltet.

Wenn die Geschichte gut ausgeht und Karlsruhe bestätigt, dass Hartz IV-Sanktionen, deren Bezeichnung als „menschenunwürdig“ längst handelsüblich ist, wirklich rechtswidrig sind, hat Ralph Boes für die Gesellschaft mehr erreicht, als alle Sachbearbeiter Berlins zusammen. Wird es dann Arbeit gewesen sein, die er geleistet hat? Oder bloß ein Ehrenamt? Der im Kreidekreis hat sein Schicksal in die Hände der Gesellschaft gelegt. Er will bedingungslos existieren. Und sei es mit einem Minimum.

 Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin und Mitbegründerin des Theaterportals „Nachtkritik.de“.

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