Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

26. Juli 2015

CSU: Bayerisches Gepolter

 Von Tom Schimmeck
In der CSU unterstreicht man den Herrschaftsanspruch gerne mit Gebrüll.  Foto: dpa

Die CSU ist die Konstante des politischen Lärms. Sie hält sich damit schon länger an der Macht als die chinesische KP. Doch selbst in Bayern wird eines Tages das 21. Jahrhundert anbrechen. Die Kolumne.

Drucken per Mail

Ihren Franz-Josef Strauß, dessen 100. Geburtstag wir bald feiern werden, hat die CSU schon zu Lebzeiten heilig gesprochen. Ein Teufelskerl, ein Polit-Urviech, raunen sie bis heute. Dieser gebildete Sohn eines monarchistischen Metzgers, dick, dreist und katholisch, hatte stets einen derben Spruch auf den Lippen, oft einen lateinischen. „Man muss“, lehrte Strauß, „heftige Worte, aber maßvolle Taten gebrauchen.“ So zementierte er die absolute Mehrheit in Bayern.

Seiner Partei gilt er als Vater und „Ausnahmepersönlichkeit“ (Horst S.). Die CSU-Zentrale ist nach Strauß benannt, auch der Münchner Flughafen. Was insofern passt, als der Hobby-Pilot gern in alle Welt jettete, um Diktatoren die Pranke zu schütteln – Chiles Pinochet, Paraguays Stroessner, auch Griechenlands Junta und dem Apartheid-Regime Südafrikas. Bejubelt von der Springer-Presse und angeschlossenen Funkhäusern. Seinen Duzfreund Eyadema, Herrscher von Togo, beglückte er mit dem Kalauer: „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten.“ Schulkinder sagen: „Josef ist der Größte.“ Dann schoss man Antilopen.

Der Teufelskerl Strauß

FJS verstand die Kunst paradoxer Machtausübung: König zu sein und doch den Rebellen zu spielen. Er überstand tausend irre Affären und Skandale. Nur als er 1962 Journalisten einsperren ließ und auch noch log, musste der Verteidigungsminister zurücktreten. Es hat ihm nicht geschadet. Meist schlug er als Erster zu. Ging der Schlag daneben, musste schnell der nächste folgen. Die permanente Offensive ist bis heute Prinzip der CSU.

Im CSU-Shop gibt es den FJS-Anstecker für 2,99 Euro, dazu ein „Damen T-Shirt mit V-Ausschnitt“ in schwarz. Edmund Stoiber hat Strauß die Tasche getragen. Horst Seehofer verbietet jeden Zweifel am „Vater des CSU-Erfolgs“. Der darin besteht, die Auto- und Wurstfabrikanten zu umschmeicheln und den Kleinen gelegentlich ein Trinkgeld zuzustecken; ein Betreuungsgeld etwa. Jeder Bayer soll das Gefühl haben, einen guten Deal zu machen.

Gefühle sind überhaupt zentral. Nach außen beißt und brüllt man, schimpft auf Sozis, Grüne, Griechen und Flüchtlinge, kämpft gegen Zuwanderung „bis zur letzten Patrone“ (Seehofer). Auch nach innen setzt es oft was. Das Parteileben mutet an wie eine routinierte Wirtshausschlägerei. Hernach lächeln alle. Der Unterling preist den Oberen, sammelt selbst emsig Posten, Medaillen und Bewunderer. Bis alle rufen: Kruzifix! Ein ganzer Kerl! Ein Initiationsritus.

Politik als Wechselspiel von Angriff und Unterwerfung, gewürzt mit Machismo und Folklore. Eine Mixtur aus Gottesfurcht, Gefolgschaft und Geschäftemacherei. Vordemokratisch, aber erfolgreich. Seit 1945 herrscht die CSU fast ununterbrochen. Nur in den Anfangsjahren war, unfassbar, ein Sozialdemokrat zweimal kurz Ministerpräsident. Die CSU kommt auf 67 Machtjahre, mehr als die KP Chinas. Selbst die KP der Sowjetunion wird bald übertroffen sein.

Strauß wäre nie – wie „Gutti“ – an einer abgeschriebenen Doktorarbeit gescheitert. Doch Strauß ist tot, seine Ära passé. Wie lange kann solch Gepolter noch wirken? Selbst in Bayern wird eines Tages das 21. Jahrhundert anbrechen, der irrationale Klamauk um die Stromtrassen, um Maut, Herdprämie und andere Schnapsideen auch hier keine Bewunderung mehr auslösen, sondern nur noch Befremden. Wie im Rest der Republik. Jawohl!

Tom Schimmeck ist Autor.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Pressekonferenz

Merkel singt weiter Schlaflieder

Von  |
Verteidigt weiter den Flüchtlingsdeal mit der Türkei: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Angela Merkel für die aktuellen Krisen verantwortlich zu machen, wäre falsch. Allerdings ist sie auch nicht in der Lage, ein Signal des Aufbruchs zu setzen. Der Leitartikel. Mehr...

Terrorangst

Vom Umgang mit der Angst

Von  |
Anspannung statt Angst: Viele Menschen hadern im Umgang mit den sich häufenden Anschlägen.

Die Sehnsucht nach einer Politik, die aufräumt, gleicht einer Übersprungshandlung in einer Situation, in der wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen. Der Leitartikel. Mehr...

Rente

Sorgt Gleichheit für mehr Gerechtigkeit?

Mauer weg, Ungleichheiten nicht: Bezogen auf die Rente herrscht noch immer ein Gefälle zwischen Ost und West.

Bis heute werden die Renten in West und Ost unterschiedlich berechnet. Das will die Bundesregierung jetzt ändern. Aber sorgt sie damit automatisch für mehr Gerechtigkeit? Mehr...

Attentate in Deutschland

Die hypnotische Wirkung des Grauens

Eine Frau sitzt nach dem Amoklauf in München auf den Treppenstufen vor dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ).

Das Grauen ist nach den jüngsten Attentaten in Deutschland kein abstraktes Fernsehbild mehr, sondern schleicht sich in unser Leben. Dennoch dürfen wir nicht in einen Ausnahmezustand ohne Ende verfallen. Der Leitartikel. Mehr...

München und Ansbach

Das Märchen von der Sicherheit

Von  |
Der Amoklauf in München erfordert eine andere Diskussion als ein Terroranschlag des "IS".

Der Wunsch, alle Risiken zu vermeiden, ist menschlich. Aber wenn Politiker selbst nach München, Würzburg oder Ansbach so tun, als wäre das möglich, machen sie uns etwas vor. Der Leitartikel.  Mehr...

Donald Trump

Grand Old Party vor dem Ende

Von  |

Als wären sie von Sinnen, sind die Republikaner Trumps Parolen aufgesessen. Die Partei von Abraham Lincoln ist zum Wahlverein eines Populisten ersten Ranges verkommen. Der Leitartikel. Mehr...

Erdogan

Die Türkei produziert Flüchtlinge

Ein Land droht zu zersplittern: Eine Statue erinnert in Ankara an türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, während die demokratischen Werte in dem Land zunehmende zu verschwinden drohen.

Die Türkei ist kein Land mehr, das Flüchtlinge aufnimmt. Sie ist ein Land, das Flüchtlinge produziert. Wollen wir denen, die zu uns kommen, sagen, die Türkei sei ein sicheres Herkunftsland? Mehr...

Terrorismus

Gefährliche Angst

Anti-Terror-Einsatz in Molenbeek: "Wenn die Angst zur Hysterie wird, haben die Terroristen gewonnen".

Es ist immer noch wahrscheinlicher, in Europa an einer Pilzvergiftung zu sterben als an einem Anschlag. Das eigentlich Bedrohliche ist die gefühlte Gefahr. Der Leitartikel.  Mehr...

Asylpolitik

Die schwarz-grüne Chemie

Der hessische Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU, M), Finanzminister Thomas Schäfer (CDU, l.) und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne, r.).

Die hessische Erfahrung zeigt, dass Union und Grüne zusammen regieren können. Aber ginge das auch im Bund? In der Asylpolitik könnte sich zeigen, ob sie zueinander finden. Der Leitartikel. Mehr...

Leitartikel

Die große Unübersichtlichkeit

Menschen feiern auf einem Panzer der türkischen Streitkräfte das Ende des Putschs.

Die Nato hält sich gegenüber ihrem Mitglied Türkei bisher auffallend zurück. Augenscheinlich brauchen die Bündnispartner Erdogan mehr als er sie. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige