Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

31. Mai 2015

Cyberspace: Digitales Wettrüsten

 Von Tom Schimmeck
Bilder von NSA-Chef Michael Rogers (r.) und Michael Hayden, einst Direktor der CIA, hängen an als Kunstwerk an einer Berliner Hauswand.  Foto: REUTERS

NSA-Chef Michael Rogers kommt nach Europa, um die Zukunft des Internets zu diskutieren. Doch der Cyberkrieger Rogers scheint taub für Kritik zu sein. Die Kolumne.

Drucken per Mail

Er hat tatsächlich nur zwei Augen. Ziemlich kleine sogar. Auch seine Ohren wirken nicht sehr groß. Mike reckt die Lauscher ins Publikum. Fragt freundlich, ob auch die letzte Reihe ihn verstehe. Seine Admirals-Uniform blendet. Blütenweiß die Schuhe, die knapp sitzende Hose, das kurzärmelige Hemd voller Orden. Kein Jackett. Das ist sportlich. Er wirkt beinahe harmlos; nur sein Lächeln ein wenig wölfisch. Das mag daran liegen, dass man weiß, wer Michael Rogers ist: Chef der NSA und oberster Cyberkrieger der USA.

Letzte Woche, auf einer Nato-Konferenz zu Cyber-Konflikten in Estland: Hunderte Militärs, IT-Experten, Forscher, Hacker auf einem Haufen. Rogers will charmant sein. Er wählt warme Worte, redet von Freiheit, von Partnerschaft und „globalem Gemeingut“. Davon, dass nun alle zusammen ein Internet schaffen müssten, das „verlässlich, sicher, offen und belastbar ist“. Für ihn als Mann der Marine, säuselt der Admiral, seien die Ozeane der Welt der Bezugsrahmen – weit offen und von keiner einzelnen Nation beherrscht. Man hört das Meer rauschen, die Wellen schlagen. Man spürt auch: Selbst hier glaubt ihm kein Mensch. Der Cyber-Abwehrexperte eines deutschen Konzerns blickt auf die vielen US-Marineuniformen und murmelt: „Ein weißes Meer voller Bullshit.“

Attackierte Netzwerke und Datenbanken

Vor genau zwei Jahren starteten die Snowden-Enthüllungen. Sie veränderten die Welt. Sie zeigten uns, dass die NSA, ihr britisches Pendant GCHQ, sowie Kanada, Australien und Neuseeland eine Art angelsächsisches Mega-Hacker-Quintett bilden, dessen reale Überwachung alle bis dahin bekannten Verschwörungstheorien in den Schatten stellt. Bis heute wird nahezu jede elektronische Kommunikation weltweit, massenhaft und oft aggressiv ausgespäht. Werden Netzwerke attackiert und Datenbanken geplündert. Von staatlichen Spionen, auch von Räubern und Erpressern.

Seit Snowden spricht die NSA viel von Vertrauen. Weil dies futsch ist. Selbst im US-Kongress toben Schlachten um Überwachungs-Vollmachten, die seit den Anschlägen vom 11. September bislang vollautomatisch verlängert wurden. Auch das Vertrauen zwischen US-Konzernen und dem Sicherheitsapparat ist, wie Rogers selbst einräumte, stark strapaziert. Vermutlich, weil die Dienste bei den Firmen Daten en gros abpumpen. Und sich, so behaupten Experten, bei ihren Attacken gerne mal hinter den digitalen Signaturen bekannter Unternehmen verstecken. Was wiederum das Vertrauen der Kundschaft ruiniert und schlecht fürs Geschäft ist.

Cyberspace, stellt Rogers klar, ist „ist für uns ein Einsatzgebiet wie die See, das Land oder der Weltraum“. Er prophezeit auch hier „eine militärische Evolution“ – hin zur „Anwendung von Fähigkeiten, die bestimmte Wirkungen erzeugen“. Das Wettrüsten ist längst im Gange.

Frage aus dem Publikum: Warum machen Sie das Gegenteil von dem, was Sie sagen? Der Cyberkrieger lächelt. Es ist Teil seines Kampfauftrages, taub für Kritik zu sein. Anfang Mai erklärte ein US-Gericht das massenhafte NSA-Sammelprogramm der US-Telefondaten für illegal. Doch der NSA-Chef sagt: „Wir verletzten nicht das Recht. Das haben wir nicht getan. Das werden wir nicht tun.“ Er wird dabei auch nicht rot. Zum Abschied bekommt der Admiral einen Kaffeebecher überreicht. Statt eines Henkels schmückt das Gefäß ein großes, weißes Ohr.

Tom Schimmeck ist Autor.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Atomwaffen

Worte der Hoffnung

Von  |
Obama: „Aber wir müssen auch den Mut haben, der Logik der Angst zu entkommen und eine Welt anstreben ohne Atomwaffen.“

Barack Obama spricht erneut von einer Welt ohne Atomwaffen. Er weckt damit Erwartungen, die er selbst nicht erfüllen kann. Doch sein Traum könnte ein Ziel für die Menschheit sein. Mehr...

Israel

Netanjahu auf Kollisionskurs

Benjamin Netanjahu hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann.

Israels Regierungschef hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann. Schlechte Aussichten für einen Siedlungsstopp.  Mehr...

Österreich und die Folgen

Mehr Politik wagen

Von Adenauer bis Merkel: In der Politik herrscht das Geschacher und Kleinklein. Es fehlen die Visionen.

Alle suchen nach Mitteln gegen Rechtspopulisten. Das einfachste ist: Probleme benennen, Lösungen erarbeiten und umsetzen. Oder blumiger: Es sind Visionen nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Ein Sieg des letzten Aufgebots

Van der Bellen wurde nicht nur von Grünen gewählt, auch Konservative gingen für ihn an die Urne, um Hofer zu verhindern.

Die Wahl Alexander van der Bellens zum österreichischen Präsidenten hat das Land nicht grundlegend verändert. Der Kampf gegen die Ultrarechten fängt jetzt richtig an. Der Leitartikel. Mehr...

Politische Rechte

Abgrenzung statt Aufbruch

Von  |
Solidarität nur innerhalb des Volkskörpers: Die AfD ist eine rückwärtsgewandte Partei.

Die in Europa erstarkenden national-konservativen Kräfte sind auch ein Ausdruck alternder Gesellschaften. Die Bewegung eint ein pervertiertes Verständnis von Solidarität. Der Leitartikel.  Mehr...

Türkei

In den Fängen des Autokraten

Der von Erdogan gesteuerte Parlamentsbeschluss ist nicht der erste Willkürakt der vergangenen Monate.

Das türkische Parlament hat sich den Plänen von Präsident Erdogan mit Mehrheit gefügt. Und Europa? Raubt seinem Protest durch den schmutzigen Flüchtlingsdeal die Glaubwürdigkeit.  Mehr...

Griechenland

Was die AfD nicht versteht

Der nächste Protest vor dem Parlament: Griechenland kommt nicht zur Ruhe.

Die Griechenland-Kredite retteten nicht das Land. Sie stabilisierten die Euro-Zone, stützten die Banken und sorgten für einen Macht-Zuwachs für Deutschland. Der Leitartikel. Mehr...

Armenien

Die Lüge von der „Tragödie“

Demonstranten protestieren gegen die Türkei, die den Völkermord an den Armeniern leugnet.

Deutschland ist verpflichtet, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen – und damit die deutsche Beteiligung. Es war keine Tragödie, wie die Türkei behauptet. Der Leitartikel. Mehr...

Armut und Wohlstand

Horrorszenarien prägen die Debatte

Die Schere zwischen Arm und reich geht immer weiter auseinander. Trotzdem helfen Horrorszenarien nicht weiter.

Wer sich von verallgemeinernden Negativprognosen etwa bei der Altersarmut treiben lässt, befeuert diffuse Ängste. Damit treibt er unfreiwillig der AfD die Wähler zu. Der Leitartikel. Mehr...

Rechte Hetze

Angst als politisches Programm

Angst schüren in Dresden: Am vergangenen Montag forderten 2800 Menschen die "Festung Europa".

Wer glaubt, er habe die Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit, der hat seine Situation nicht verstanden. Und er unterschätzt, wie sehr Angst mit Aggression zusammenhängt. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige