Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

03. Februar 2016

Deutsch-nationale Parallelsprache: Von der rechten Rechtschreibschwäche

 Von 
Neonazi-Demonstration in Hamburg: "Wer deutsch sein will, muss Deutsch lernen" sollte auch für Rechtsextreme gelten.  Foto: imago

Deutsch ist eine schwere Sprache. Gerade viele Rechtsradikale beherrschen ihre Muttersprache nicht. Ob da ein Schulboykott der richtige Ansatz ist? Die Kolumne.

Drucken per Mail

Wer in den sozialen Netzwerken regelmäßig bei den Stars und Sternchen der braunen Szene vorbeischaut, kann nicht ignorieren, was deutlich ins Auge fällt: die Rechtschreibschwäche überdurchschnittlich vieler Rechtsradikaler. Selbst die grundlegenden Regeln der Orthografie und Zeichensetzung werden konsequent missachtet – vom Satzbau ganz zu schweigen. Eigentlich sollte man meinen, gerade dem Deutsch-Nationalen sei ganz besonders daran gelegen, im Land der Dichter und Denker seine Muttersprache als Akt einer kulturellen Überlegenheit mit stolz geschwellter Brust nach außen zu tragen. Das Gegenteil ist jedoch zu beobachten.

„Ist meine HEIMAT eine Hier über die jeder drüberrutschen darf?“, fragt etwa K.B. auf der Facebook-Seite „Ich bin stolz, deutsch zu sein“, und erweist damit seinem geliebten Deutschland einen Bärendienst. Gegenfrage: Wenn nicht „jeder“, wer soll denn dann über „seine“ Heimat „drüberrutschen“? Sicherlich hat es der K. B. ganz anders gemeint, er kann sich aber nicht so exakt ausdrücken.

Nachhilfe für Menschen wie ihn bieten die „Hooligans Gegen Satzbau“, die der fehlerhaften „Rechts-Schreibung von Bildungsflüchtlingen“ zu Leibe rücken. „Wer deutsch sein will, muss Deutsch lernen“, ist hier kein Slogan, vielmehr liefert die Facebook-Gruppe den Betroffenen einen zeitnahen Korrekturdienst und Hilfestellungen für zukünftige Postings.

Rechts-Schreibung von Bildungsflüchtlingen

Wie dem eifrig Kommentierenden A. B., der aufgrund sprachlicher Defizite kein Gehör finden kann: „Die scheiß ausländer kriegen immer recht und wir nicht das ist so das wir sich nicht mehr entern“, schreibt er, doch was er meint, entschlüsseln „HoGeSatzbau“: „Die [S]cheiß[…]ausländer kriegen immer [R]echt und wir nicht[.] [D]as ist so[,] das wir[d] sich nicht mehr [ä]n[d]ern.“ Ab jetzt wird A. B. verstanden, parallel öffnet sich für Außenstehende ein Zugang zu einer einst verschlossenen Seele.

Ein weiteres Beispiel ist H. S.: „Nach Deutschland komen und dan nur scheiß braun und Geld habn . Aber Angst haben und nach Deutschland komen und fon ihr Land wegen Grig ans haben“ ist wohl ein Härtefall, doch immerhin schreibt der Mann seine Heimat richtig. Auch hier greifen die „Hools“ zum besseren Verständnis ein, doch verweisen solche Fälle auf das eigentlich vielschichtige Problem.

Das radikale Wutvolk ist der Entschlüsselung komplexer Textsorten gar nicht mächtig, weshalb der Ruf über die „Lügenpresse“ an völlig neuer Bedeutung gewinnt. Und Schuld daran hat womöglich nicht gänzlich das deutsche Bildungssystem, vielmehr scheinen rechtsradikale Gruppierungen die von den Bildungsinstituten vermittelte Rechtschreibkompetenz verhindern zu wollen. „Wen ich so recht überlege in der Schule lernt man sowieso nix sinnvolles, von dem her brennt die Anstalten nieder“, findet R.Z. und kommentiert damit auf der Seite „Ich bin Patriot, aber kein Nazi“ einen Aufruf zum Schulboykott. Doch das ist ein zweischneidiges Schwert für die Sache. Denn wenn die lieben Kleinen statt in der Schule künftig zu Hause unterrichtet werden – „Beukottieren ist einer der Wenigen mitteln die der Bürger zur verfügung hat“ (K.R., vermutlich Mutter) –, darf man auf eine deutsch-nationale Parallelsprache gespannt sein.

Katja Thorwarth ist Autorin und Online-Redakteurin der Frankfurter Rundschau.

Anm.der Redaktion: Das Thema scheint uns inzwischen ausdiskutiert, deshalb haben wir die Leserkommentare geschlossen.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Angela Merkel

Merkels sinnloser Appell

Von  |
Kanzlerin  Merkel hat von türkischstämmigen Deutschen Loyalität eingefordert.

Loyalität zum Staat ist notwendig und gut. Aber durch Aufforderungen wie die der Kanzlerin ist sie sicher nicht zu erreichen. Für den Zusammenhalt braucht es viel mehr. Der Leitartikel. Mehr...

Burkini-Urteil

Ein Funken Vernunft im emotionalen Dunkel

Von  |
Teilnehmerinnen einer Protestveranstaltung vor der französischen Botschaft in London. 

Das begrüßenswerte Burkini-Urteil bringt Frankreich keinen Rechtsfrieden. Dazu müssten Politiker die wahren Probleme lösen, statt auf Nebenkriegsschauplätze auszuweichen.  Mehr...

Südafrika

Das Ende einer Ära

ANC-Parteichef Jakob Zuma.

Wahlniederlagen des ANC haben die Partei Nelson Mandelas geschockt. Nun steht Südafrika vor stürmischen Zeiten. Der ANC wird mit allen Mitteln die verbliebene Macht verteidigen. Der Leitartikel.  Mehr...

Zivilschutz

Von Angstpolitik profitieren die Populisten

Erstaunlich, dass ein paar nicht mal ganz neue Tipps zur Vorratshaltung eine solche  mediale Erregungsspirale  auslösen können.

Demokraten müssen aufhören, die rechte Politik der Angst zu imitieren. Die Gesellschaft kann sich nicht gegen jedes Risiko schützen, sie kann aber Schwächen erkennen und beseitigen. Der Leitartikel.  Mehr...

Volkswagen

Falsche Unterstützung

Die Bänder rollen wieder: Volkswagen hat sich mit dem Zulieferer Prevent geeinigt.

Politiker haben sich im Streit zwischen Volkswagen und Prevent einseitig aufi die Seite des Konzerns geschlagen. Dieses Fehlverhalten gefährdet das Projekt VW. Der Leitartikel.  Mehr...

AfD-Erfolge

Gegen die AfD hilft Geduld

Einfach Antworten: Die AfD geizt nicht mit populistischen Slogans auf ihren Wahlplakaten.

Unbeeindruckt von innerparteilichen Streitereien feiert die AfD Erfolge. Panischer Antipopulismus von anderen Parteien hilft dagegen nicht. Besser ist geduldiges Argumentieren. Der Leitartikel. Mehr...

Olympia

Die Schatten von Rio

Abschied von Rio.

Die Olympischen Spiele in Rio verdeutlichen: Das IOC ist genauso reformbedürftig wie das Gastgeberland Brasilien. Für saubere Wettkämpfe muss sich viel ändern.  Mehr...

Flüchtlinge

Volksabstimmung eigener Art

Geflüchtete 2015 in Wegscheid (Bayern).

Die Aufnahme von mehr als einer Million Geflüchteten ist mühsam, aber dank der Hilfe von Freiwilligen zeichnet sich ab: Deutschland schafft das. Der Leitartikel.  Mehr...

Russland

Der Schwan der Freiheit

August 1991: Der russische Präsident Boris Jelzin (l.) erlebt während des Putsches gegen Gorbatschow seine große Stunde.

Vor 25 Jahren vereiteln Boris Jelzin und seine Mitstreiter in Russland einen Putsch. Doch an diesen Sieg der Demokratie erinnert sich heute kaum noch jemand.  Mehr...

Extremismus in der Türkei

Notwendiger Partner Türkei

Von  |
Die Frage, ob die türkische Regierung eine aktive Rolle bei Islamisierung der türkischen Innen- und Außenpolitik spielt oder das Land eher zufällig zum Durchzugs- und Nachschubgebiet für Kampfkader aller Art geworden ist, bleibt offen.

Neu ist die Erkenntnis des Innenministeriums nicht, wonach die türkische Politik islamisiert ist. Dennoch wird das deutsch-türkische Verhältnis weiter belastet. Die Affäre um die parlamentarische Anfrage wirf einmal mehr die Frage nach der Zukunft des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei auf. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige