Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

14. Juni 2015

Flüchtlinge: Ein Herz für die Oberschicht

 Von 
Flüchtlinge im Luxusviertel: Das ist der Hamburger Oberschicht ein Dorn im Auge.  Foto: imago/Hoch Zwei Stock/Angerer

Im reichen Hamburg-Harvestehude sollen Flüchtlinge einquartiert werden. Das passt einigen Topanwohnern nicht. Sie befürchten eine Wertminderung ihrer Immobilien. Die Kolumne.

Drucken per Mail

Viele sind auf der Flucht, weil sie hungern, weil rundum geschossen wird, weil sie die falschen Ideen, das falsche Geschlecht, die falsche Nase und schlicht die falsche Adresse haben. Und es gibt die mit der richtigen Adresse. In Hamburg-Harvestehude zum Beispiel. Hier sieht man Männer mit Halstuch und Halbglatze in polierten Cabrios. Und Designer-Damen in Geländewagen mit eingebautem Golden Retriever.

Manchmal ist die Welt wirklich simpel: oben, unten, Schluss. Bewegung kommt in diese Ordnung, wenn die in Schlechtlage, in Syrien oder Eritrea oder Libyen, mobil werden. Sich anschicken, die Adresse zu wechseln. Und nach langer Odyssee im piekfeinen Hamburg an der extra-feinen Alster auftauchen.

Mehr dazu

Mein Geld ist noch jung und viel zu klein für Harvestehude. Doch durfte ich dort zur Schule gehen. Und im Haus an der Sophienterrasse, um das es gleich gehen wird, stand ich einst vor einer Kommission, die wissen wollte, ob ich meine Freundin im dunklen Park mit Gewalt verteidigen würde. Das Gebäude diente als Kreiswehrersatzamt. Dies nur zum Beleg, dass ich die Gegend kenne.

"Selbst wenn's Ärger gibt, das machen wir"

Das Wehramt wird nicht mehr gebraucht. Weshalb die Stadt auf die Idee kam, dort 220 Flüchtlinge einzuquartieren. In Hamburg werden dieses Jahr etwa 10 000 Menschen aus Schlechtlagen erwartet. Sozialdemokraten, die hier seit gefühlt dem Pleistozän regieren, fanden es nach kurzer Rückbesinnung auf ihre Ideale angemessen, die Neuankömmlinge nicht nur in den üblichen Problembezirken oder irgendwo hinter der Müllverbrennungsanlage unterzubringen. Selbst SPD-Bürgermeister Olaf Scholz soll deklamiert haben: „Auch wenn’s Ärger gibt, das machen wir!“

Doch einigen Topanwohnern passt das nicht. Sie befürchten eine Wertminderung ihrer Immobilien durch die Nähe schlecht angezogener Menschen aus schlechten Lagen, die womöglich viel Nachwuchs, aber keinen einzigen Golden Retriever haben. Also ließen sie ihre Topjuristen los. In einem der Schriftsätze hieß es: Durch „Kinder mit großem Bewegungsdrang“ drohe dem Viertel „erhebliche Unruhe“. Zumal die Nachbarschaft gerade in die Gegenrichtung strebt – noch höher ins Premiumsegment. Auf dem Exmilitärgelände an der Sophienterrasse wächst eine 350-Millionen-Investition: Wohnungen mit bis zu 448 Quadratmetern Fläche, unverbaubarem Seeblick und Hundedusche in der Tiefgarage.

Das Hamburger Verwaltungsgericht zeigte viel Herz für die Oberschicht und befand, in diesem „besonders geschützten Wohngebiet“ sei eine „soziale Einrichtung“ dieser Größe nicht genehmigungsfähig. Auch stelle eine Flüchtlingsunterbringung kein Wohnen dar. Das Oberverwaltungsgericht blieb Anfang Juni dieser Linie treu. Wahrscheinlich golfen alle im selben Club. Der Amtsleiter des Bezirks will jetzt den Bebauungsplan ändern. Das kann Jahre dauern. Mich macht das dreifach zornig. Einmal aus Prinzip. Dann, weil man hier quasi am Klischee durch die Manege gezogen wird. Und drittens, weil die Hundeduscher zu siegen drohen.

Zur Ehrenrettung meiner stinkreichen Vaterstadt: Eine Menge Leute sind stinksauer, sogar in Harvestehude. Einer rief seinen Topmitbürgern online zu: „Möge euch euer Kaviar im Halse stecken bleiben. Ihr kotzt mich an.“

Tom Schimmeck ist Autor.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Donald Trump

Grand Old Party vor dem Ende

Von  |

Als wären sie von Sinnen, sind die Republikaner Trumps Parolen aufgesessen. Die Partei von Abraham Lincoln ist zum Wahlverein eines Populisten ersten Ranges verkommen. Der Leitartikel. Mehr...

Erdogan

Die Türkei produziert Flüchtlinge

Ein Land droht zu zersplittern: Eine Statue erinnert in Ankara an türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, während die demokratischen Werte in dem Land zunehmende zu verschwinden drohen.

Die Türkei ist kein Land mehr, das Flüchtlinge aufnimmt. Sie ist ein Land, das Flüchtlinge produziert. Wollen wir denen, die zu uns kommen, sagen, die Türkei sei ein sicheres Herkunftsland? Mehr...

Terrorismus

Gefährliche Angst

Anti-Terror-Einsatz in Molenbeek: "Wenn die Angst zur Hysterie wird, haben die Terroristen gewonnen".

Es ist immer noch wahrscheinlicher, in Europa an einer Pilzvergiftung zu sterben als an einem Anschlag. Das eigentlich Bedrohliche ist die gefühlte Gefahr. Der Leitartikel.  Mehr...

Asylpolitik

Die schwarz-grüne Chemie

Der hessische Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU, M), Finanzminister Thomas Schäfer (CDU, l.) und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne, r.).

Die hessische Erfahrung zeigt, dass Union und Grüne zusammen regieren können. Aber ginge das auch im Bund? In der Asylpolitik könnte sich zeigen, ob sie zueinander finden. Der Leitartikel. Mehr...

Leitartikel

Die große Unübersichtlichkeit

Menschen feiern auf einem Panzer der türkischen Streitkräfte das Ende des Putschs.

Die Nato hält sich gegenüber ihrem Mitglied Türkei bisher auffallend zurück. Augenscheinlich brauchen die Bündnispartner Erdogan mehr als er sie. Der Leitartikel. Mehr...

Putschversuch

Ein „Geschenk Allahs“

Polizeieinheiten bewachen die wichtigsten Knotenpunkte in Istanbul.

Das türkische Volk hat die Putschisten davongejagt. Doch sein Präsident Erdogan nutzt den Militärstreich zum Rundumschlag gegen unliebsame Kritiker in Justiz und Medien. Der Leitartikel. Mehr...

Attentat in Nizza

Terror in Reinform

Das Einzige, was der Terrorist der Gegenwart neben der Waffe benötigt, ist der Hass auf die Welt.

Allgegenwärtig und unberechenbar ist der Schrecken, den Anschläge wie der in Nizza verbreiten. Gegen den Terror hilft nur eines: Das Bekenntnis zur Freiheit. Der Leitartikel.  Mehr...

Supermarkt-Urteil

Gabriels Fehlgriff

Sigmar Gabriel.

Der SPD-Chef hat 2013 bewusst das Wirtschaftsressort übernommen, um dort sozialdemokratische Kompetenz zu beweisen. Diese Strategie ist spätestens mit dem Supermarkt-Urteil gescheitert. Mehr...

Bankenkrise

Italiens europäische Krise

Endlager für faule Papiere: Italienische Banken wie Monte dei Paschi haben viele faule Kredite angesammelt.

Der drohende Bankencrash zwingt die Regierung in Rom, frühere Fehler zu korrigieren. Aber wenn die EU dabei nicht hilft, kann schnell ein gefährlicher Teufelskreis entstehen. Der Leitartikel. Mehr...

Weißbuch

Die Bündnisverteidigung ist zurück

Das von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vorgelegte Weißbuch ist eine Rolle rückwärts.

Verteidigungsministerin von der Leyen findet im Weißbuch viele schicke Formulierungen. Sie können kaum verschleiern, dass ihre Strategie gegen Bedrohungen nicht ausgereift ist. Der Leitartikel.  Mehr...

Anzeige