Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

18. Januar 2016

Flüchtlinge: Schluss mit der Kindergarten-Debatte

 Von Anetta Kahane
Teilnehmer eines Flashmobs gegen rassistische Gewalt halten vor dem Dom in Köln ein Plakat: "Kein Veedel (Stadtviertel) für Rassismus".  Foto: dpa

Über Flüchtlinge zu streiten, ist richtig und notwendig. Doch den Sexismus nur bei Migranten zu sehen, den eigenen jedoch für eine Tugend zu halten, vergiftet jede Moral. Die Kolumne.

Drucken per Mail

Die Stimmung dieser Tage ist aufgeheizt. Seit den Ereignissen von Köln hat man den Eindruck, als zerplatze das Land in tausend Stücke. Im Osten werden die Angriffe auf Flüchtlinge schlimmer, der Hass heißer, die Nazis frecher und die Rassisten von der AfD dreister. Im Westen schrillen alle Alarmglocken ob der hartumkämpften Frauenrechte. Die Flüchtlinge sind an allem schuld oder „solche wie sie“. Hysterisches Verteidigen, bissiges Um-sich-Schlagen.

Die Linke Sahra Wagenknecht spricht wie eine Kolonialherrin von „verwirktem Gastrecht“. Der Rechtsstaat solle, geht es nach anderen Politikern, außer Funktion gesetzt werden, wenn es um „Ausländer“ geht. Einige Feministinnen sehen in den Kerlen von Köln vor allem Opfer von Rassismus und Kapitalismus, die irgendwie nichts für ihre Sexualstraftaten können.

Waren die Täter Migranten oder Flüchtlinge? Ja. Ist es schlimm, was dort geschah? Ja klar! Hat das mit den Herkunftskulturen zu tun? Ja. Mit der „nordafrikanischen“? Auch in Bayern, Kuba oder Japan kann die Fahrt in einem voll besetzten Bus für Frauen unangenehm werden. Köln hat ein Problem aufgeworfen, aber sind alle Flüchtlinge so? Nein! Sind die Biodeutschen frei von Sexismus? Nein. Ist die Aufregung über Köln mit Rassismus unterlegt? Aber ja!

Aushalten, dass Dinge gleichzeitig passieren

Deutschland hat sich schon immer mit Konflikten schwergetan: auszuhalten, dass Dinge gleichzeitig passieren, dass es Erfolgsgeschichten gibt und Versagen. Dass es nur selten generelle Antworten gibt, sondern konkrete Situationen, zu denen man sich jeweils verhalten kann.

Und dass Heuchelei durch nichts gerechtfertigt ist. Die Flüchtlinge bringen diese alte Krankheit wieder ans Tageslicht.

Die eigenen Vorurteile auf andere zu übertragen, ist immer feige und verlogen. Sexismus bei Migranten zu sehen, den eigenen jedoch für eine Tugend zu halten, vergiftet jede Moral. Frauen in Deutschland werden vor allem von Deutschen bedrängt, geschlagen und diskriminiert.

Eine Frau aus Syrien protestiert in Köln bei einer Demonstration "Syrische Flüchtlinge sagen Nein zu den Übergriffen von Köln!"  Foto: dpa

Ähnlich ist es beim Antisemitismus: Muslime können in ihrem Antisemitismus sehr harsch sein. Vom importierten Antisemitismus zu sprechen, selbst jedoch Nazigewalt zu verharmlosen, Israelhasser zu hofieren oder antisemitische Drohungen zu belächeln, das ist perfide. Ein Landrat karrt Menschen nach Berlin, um ihnen klar zu machen, dass sie unerwünscht sind, und um es der Merkel mal richtig zu zeigen. Dieses Niveau der Diskussion nenne ich „Kindergarten, mittlere Gruppe“. Das tut man nicht, wenn man schon groß ist und sich die Schuhe alleine zubinden kann.

Konfliktunfähigkeit schränkt die Freiheit ein, weil so hinter jeder Auseinandersetzung der Schrei nach einer totalen Lösung lauert. Die gibt es aber in der Demokratie nicht. Generalisieren zwingt in ideologische Bindungen, die niemals auf alle Lebenslagen zutreffen können. Wer gegen Nazis ist, muss die Straftäter von Köln noch lange nicht entschuldigen. Wer sich über die Vorgänge in Köln empört, muss nicht gleich alle Flüchtlinge zu Kriminellen erklären. Streiten ist wichtig, und es ist besser, als Konflikte unter der Decke zu halten.

Erwachsen streiten, mit Konflikten leben, auch wenn sie nicht gleich gelöst werden können, das braucht Deutschland. Sich zoffen geht klar, aber dabei – wie der Kölner sagt – „Mensch bleiben“.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


US-Wahl

Welches Amerika?

Von  |
Hätte als erste Frau das Präsidentenamt inne: Hillary Clinton.

Mit den Präsidentschaftskandidaten Trump und Clinton stehen die USA vor einer Richtungswahl, die einen zittern lässt. Obsiegen Hass und Angstmache oder setzt sich der Optimismus durch?  Mehr...

Pressekonferenz

Merkel singt weiter Schlaflieder

Verteidigt weiter den Flüchtlingsdeal mit der Türkei: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Angela Merkel für die aktuellen Krisen verantwortlich zu machen, wäre falsch. Allerdings ist sie auch nicht in der Lage, ein Signal des Aufbruchs zu setzen. Der Leitartikel. Mehr...

Terrorangst

Vom Umgang mit der Angst

Von  |
Anspannung statt Angst: Viele Menschen hadern im Umgang mit den sich häufenden Anschlägen.

Die Sehnsucht nach einer Politik, die aufräumt, gleicht einer Übersprungshandlung in einer Situation, in der wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen. Der Leitartikel. Mehr...

Rente

Sorgt Gleichheit für mehr Gerechtigkeit?

Mauer weg, Ungleichheiten nicht: Bezogen auf die Rente herrscht noch immer ein Gefälle zwischen Ost und West.

Bis heute werden die Renten in West und Ost unterschiedlich berechnet. Das will die Bundesregierung jetzt ändern. Aber sorgt sie damit automatisch für mehr Gerechtigkeit? Mehr...

Attentate in Deutschland

Die hypnotische Wirkung des Grauens

Eine Frau sitzt nach dem Amoklauf in München auf den Treppenstufen vor dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ).

Das Grauen ist nach den jüngsten Attentaten in Deutschland kein abstraktes Fernsehbild mehr, sondern schleicht sich in unser Leben. Dennoch dürfen wir nicht in einen Ausnahmezustand ohne Ende verfallen. Der Leitartikel. Mehr...

München und Ansbach

Das Märchen von der Sicherheit

Von  |
Der Amoklauf in München erfordert eine andere Diskussion als ein Terroranschlag des "IS".

Der Wunsch, alle Risiken zu vermeiden, ist menschlich. Aber wenn Politiker selbst nach München, Würzburg oder Ansbach so tun, als wäre das möglich, machen sie uns etwas vor. Der Leitartikel.  Mehr...

Donald Trump

Grand Old Party vor dem Ende

Von  |

Als wären sie von Sinnen, sind die Republikaner Trumps Parolen aufgesessen. Die Partei von Abraham Lincoln ist zum Wahlverein eines Populisten ersten Ranges verkommen. Der Leitartikel. Mehr...

Erdogan

Die Türkei produziert Flüchtlinge

Ein Land droht zu zersplittern: Eine Statue erinnert in Ankara an türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, während die demokratischen Werte in dem Land zunehmende zu verschwinden drohen.

Die Türkei ist kein Land mehr, das Flüchtlinge aufnimmt. Sie ist ein Land, das Flüchtlinge produziert. Wollen wir denen, die zu uns kommen, sagen, die Türkei sei ein sicheres Herkunftsland? Mehr...

Terrorismus

Gefährliche Angst

Anti-Terror-Einsatz in Molenbeek: "Wenn die Angst zur Hysterie wird, haben die Terroristen gewonnen".

Es ist immer noch wahrscheinlicher, in Europa an einer Pilzvergiftung zu sterben als an einem Anschlag. Das eigentlich Bedrohliche ist die gefühlte Gefahr. Der Leitartikel.  Mehr...

Asylpolitik

Die schwarz-grüne Chemie

Der hessische Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU, M), Finanzminister Thomas Schäfer (CDU, l.) und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne, r.).

Die hessische Erfahrung zeigt, dass Union und Grüne zusammen regieren können. Aber ginge das auch im Bund? In der Asylpolitik könnte sich zeigen, ob sie zueinander finden. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige