Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

31. Januar 2016

Flüchtlingsdebatte: Hysterischer Defätismus

 Von Anetta Kahane
Willkommensschilder am Eingang einer Flüchtlingsunterkunft. Unsere Autorin plädiert dafür, denen zuzuhören, die handeln.  Foto: dpa

Mythen und Propaganda, Verleumdungen, argumentative Fallen und Hetze - nichts bleibt ungesagt. Redet leiser, hört denen zu, die handeln und nicht nur schreien. Die Kolumne.

Drucken per Mail

Gibt es einen Weg hinaus aus der Hysterie? Flüchtlinge, Grenzen, Obergrenzen, Vergewaltigung, Betrug, Lüge, Schwindler, Frauen, Männer, Islam, RTL, Spaltung der Gesellschaft – hysterischer Defätismus überall. Das Kippen wird herbeigeredet, Mythen und Propaganda, Verleumdungen, argumentative Fallen und Hetze, nichts bleibt ungesagt. Es ist wie in einer Kneipe, deren Akustik schlecht ist. Also müssen die Gäste laut reden, weswegen der Geräuschpegel so steigt, dass man noch lauter reden muss. Und dann macht der Wirt auch noch Musik an! Dieser eskalierende Krach ist sich selbst genug und nun reden alle darüber, wie schrecklich laut doch das ganze Leben geworden ist.

Das Café Central ist ganz neu. Es sind noch wenig Gäste da. Von dort hat man bei heißer Schokolade einen schönen Blick auf eine der großen Lutherkirchen. Die Serviererin kommt öfter vorbei. Ob alles in Ordnung ist, möchte sie wissen. Ja, alles gut soweit. Prenzlau ist eine Stadt im ländlichen Raum. Schöne Landschaft, wenig Menschen, Dörfer drumrum. Die Stadt wurde in den letzten Kriegstagen vollkommen zerbombt. Jemand hatte zuvor noch genug Fanatismus aufgebracht, jene sowjetischen Unterhändler zu erschießen, die über eine friedlich Kapitulation verhandeln wollten.

Die Stadt hat sich davon nie richtig erholt. Lehre Flächen im Zentrum, Wiederaufbauverbot vom sowjetischen Standortkommandanten. Eine Ort, geprägt vom DDR Lebens- und Baustil von Barack und Neo-Barack. Nach der Wende war die Gegend das Synonym für Strukturschwäche. Das wird sie auf absehbare Zeit bleiben. Doch es bewegt sich etwas in dieser Stadt.

Es gibt viel zu tun

Flüchtlinge leben hier schon lange. Es sind mehr geworden, eine Notunterkunft und eine Einrichtung für minderjährige Unbegleitete kamen hinzu. Die Kinder gehen in die Schule, manches funktioniert, anderes weniger. Der Bürgermeister will mehr, als der Landrat zu unterstützen bereit ist, die Helfer arbeiten gut und viel. Es gibt Konflikte, Streit und eine pegidaähnliche Gruppe, etwas klein und bissig. Doch dafür leuchten einige Graffiti gegen dumpfen Nationalismus vor dem Café Central.

Dort treffen sich Leute, um über nächste, praktische Schritte zu reden. Die Flüchtlinge sind dabei. Mehr Engagierte als früher, bisher versteckt in den individuellen Ecken ihrer Lebenskultur, kommen aus der Umgebung nach Prenzlau. Es gibt viel zu tun. An der Haltung zu den Flüchtlingen scheiden sich die Geister, und manche Harmonie einer postmodernen Gewissheit geht verloren. Dafür entsteht Neues. Nicht alles was alternativ ist, erweist sich auch als menschenfreundlich. Und nicht alle Alteingesessenen sympathisieren mit der Naziszene. Die Dinge des Lebens und die Werte des Alltags rütteln sich neu zurecht.

Mehr dazu

Parallel zu dem ganzen Lärm, den hysterischen Schlachten in der Öffentlichkeit, ist längst eine Realität entstanden, die all dem widersteht. Bei der Frage, wie wir in Deutschland leben wollen, was uns Freiheit und Individualrechte in der Demokratie wert sind, hilft diese Praxis weit mehr als hohle Worte. Aber bitte, redet doch etwas leiser, hört denen zu, die handeln und nicht nur schreien. Ein Pegel zwischen Kneipe und Café Central mit einer Prise Prenzlauer Realität – das wäre schon hilfreich gegen Hysterie.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Österreich und die Folgen

Mehr Politik wagen

Von  |
Von Adenauer bis Merkel: In der Politik herrscht das Geschacher und Kleinklein. Es fehlen die Visionen.

Alle suchen nach Mitteln gegen Rechtspopulisten. Das einfachste ist: Probleme benennen, Lösungen erarbeiten und umsetzen. Oder blumiger: Es sind Visionen nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Ein Sieg des letzten Aufgebots

Van der Bellen wurde nicht nur von Grünen gewählt, auch Konservative gingen für ihn an die Urne, um Hofer zu verhindern.

Die Wahl Alexander van der Bellens zum österreichischen Präsidenten hat das Land nicht grundlegend verändert. Der Kampf gegen die Ultrarechten fängt jetzt richtig an. Der Leitartikel. Mehr...

Politische Rechte

Abgrenzung statt Aufbruch

Von  |
Solidarität nur innerhalb des Volkskörpers: Die AfD ist eine rückwärtsgewandte Partei.

Die in Europa erstarkenden national-konservativen Kräfte sind auch ein Ausdruck alternder Gesellschaften. Die Bewegung eint ein pervertiertes Verständnis von Solidarität. Der Leitartikel.  Mehr...

Türkei

In den Fängen des Autokraten

Der von Erdogan gesteuerte Parlamentsbeschluss ist nicht der erste Willkürakt der vergangenen Monate.

Das türkische Parlament hat sich den Plänen von Präsident Erdogan mit Mehrheit gefügt. Und Europa? Raubt seinem Protest durch den schmutzigen Flüchtlingsdeal die Glaubwürdigkeit.  Mehr...

Griechenland

Was die AfD nicht versteht

Der nächste Protest vor dem Parlament: Griechenland kommt nicht zur Ruhe.

Die Griechenland-Kredite retteten nicht das Land. Sie stabilisierten die Euro-Zone, stützten die Banken und sorgten für einen Macht-Zuwachs für Deutschland. Der Leitartikel. Mehr...

Armenien

Die Lüge von der „Tragödie“

Demonstranten protestieren gegen die Türkei, die den Völkermord an den Armeniern leugnet.

Deutschland ist verpflichtet, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen – und damit die deutsche Beteiligung. Es war keine Tragödie, wie die Türkei behauptet. Der Leitartikel. Mehr...

Armut und Wohlstand

Horrorszenarien prägen die Debatte

Die Schere zwischen Arm und reich geht immer weiter auseinander. Trotzdem helfen Horrorszenarien nicht weiter.

Wer sich von verallgemeinernden Negativprognosen etwa bei der Altersarmut treiben lässt, befeuert diffuse Ängste. Damit treibt er unfreiwillig der AfD die Wähler zu. Der Leitartikel. Mehr...

Rechte Hetze

Angst als politisches Programm

Angst schüren in Dresden: Am vergangenen Montag forderten 2800 Menschen die "Festung Europa".

Wer glaubt, er habe die Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit, der hat seine Situation nicht verstanden. Und er unterschätzt, wie sehr Angst mit Aggression zusammenhängt. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Volk ohne Traum

Hat bereits aufgegeben: SPÖ-Kanzler Werner Faymann.

Der Überdruss der Österreicher gegen die alten Regierungsparteien hat viele Gesichter, reaktionäre und liberale. Aber Strategien haben auch die Gegner von ÖVP und SPÖ nicht. Der Leitartikel.  Mehr...

Baden-Württemberg

Kretschmanns Politik des Stillstands

Warum muss sich etwas ändern, wenn doch alles gut ist? Genau das ist die Botschaft, für die Winfried Kretschmann mit seiner sorgsam gepflegten, bräsigen Zufriedenheit steht.

In Baden-Württemberg hat das schwarz-grüne Bürgertum, das im Weiter so seine Zukunft sieht, jetzt die passende Regierung. Aber die Politik des Stillstands ist hochgefährlich und beschert der AfD weiteren Zulauf. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige