Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

07. Februar 2016

Flüchtlingspolitik : Woher der Wind weht

 Von 
Moderator Plasberg in der Sendung "Angezählt - wie viel Zeit bleibt Merkel noch?"  Foto: screenshot

Viele Journalisten wirken eifrig mit an der aufgeregten Stimmung im Land. Und sägen an Kanzlerin Angela Merkels Stuhl. Die Kolumne.

Drucken per Mail

Eine Tatsache wird gerade von Journalisten gerne ignoriert: Dass kaum ein Bundesbürger Frau Merkel persönlich kennt. Die allermeisten Menschen wissen über die Kanzlerin nur, was Medien ihnen erzählen. Sind also den Betrachtungen und Bewertungen der Medienmacher ähnlich ausgeliefert sind wie anderen Moden. Ob etwa Petrol oder womöglich Senfgelb gerade „in“ ist, ob Mann Bart trägt oder wie lang Frau den Rock.

In Berlin-Mitte trägt man Merkel meist hoch. Politische Beweggründe hierfür sind selten zu erkennen. Öfter dürften Launen, Beziehungen und der berüchtigte Herdentrieb im Spiel sein. Auch Langeweile: Hoch war schon ewig, also ist mal tief dran. Weshalb jetzt merkwürdige Magazine mit Merkel-Titeln erscheinen, die bohrend fragen: „Ist sie noch zu retten?“ Oder: „Wie lange noch?“

Wenn Sie in den letzten Wochen Talkshows eingeschaltet haben, wird ihnen ein Grundton aufgefallen sein, der noch penetranter dauererregt daherkommt als üblich. „Schaffen wir das!?!“, ruft der Chor der üblichen Verdächtigen mit schreckstarrem Blick: „Ober-Grenzen-Dicht!“ Bei Plasberg bereite ich mich innerlich auf den Moment vor, da sein Hemd verrutscht und das Frauke-Petry-Tattoo sichtbar wird.

Ich hocke hier in sicherer Distanz: in einer Bar etwa 2000 Kilometer entfernt von Berlin. Deutsche Erregung flirrt über den Computerschirm. Mein Kopf ist dankbar für jeden einzelnen dieser Kilometer. Doch alle zusammen mindern nicht meine Fassungslosigkeit. Ich bin sehr gerne Journalist. Aber was viele Leute, die sich genauso nennen, aktuell darunter verstehen, finde ich, mit Verlaub, zum Kotzen.

Viele spüren, woher der Wind weht

Nein es ist keine Verschwörung. Ich glaube nicht, dass Büroleiter und Chefredakteure sich in einer geschlossenen Facebook-Gruppe „Alpha-Journalisten“ verabredeen: „Jetzt kippen wir Merkel!“ Es ist viel trauriger: Einige machen mächtig Wind. Viele spüren sehr schnell, woher er weht. Und tun plötzlich ungewöhnlich mutig.

Auf Radiosendern, die sonst der Information dienen, dürfen christsoziale Sirenen der Baureihe Seehofer gleichklingend Daueralarm geben. Julia Klöckners „Plan A2“ stieg in der Mediengunst zeitweilig zum zweitwichtigsten Text nach dem Evangelium auf. Gern nehmen die Nachrichten auch den Preußendarsteller de Maizière. Der Mann ist ein Phänomen: Je langsamer er spricht, desto beunruhigender wirkt er.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Neue Deutschdenker vom Schlage Strauß, Safranski und – schade! – auch Sloterdijk nehmen auf dem Oberdeck des Pegida-Dampfers Platz. Unten werden schon Waffen ausgegeben, zur Verteidigung der Grenzen. „Es formiert sich ein intellektuelles Freikorps“, gruselt es selbst die brave Wochenzeitung „Zeit“. Eines, das sich wenig um Europa und noch weniger um die Krisen der Welt schert.

Nachdem solche Bewortung und Beschallung einige Zeit breitengewirkt hat, strömen die Demoskopen aus. Kurz darauf melden die Nachrichtenagenturen – Überraschung! –, Merkels Beliebtheit stürze um zwölf Punkte, ihre Regierung verliere „dramatisch an Rückhalt“ und habe die Lage „nicht im Griff“ (81 Prozent). Der „Deutschlandtrend“ der ARD sieht die AfD bei 12 Prozent. Wäre ich weniger gemäßigt, würde ich sagen: Wie man ins Volk hineinrülpst, so furzt es heraus.

Tom Schimmeck ist Autor.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Leitartikel

Holt euch das Spiel zurück

Von Paul Linke |

Das Hochglanzprodukt Fußball ist nur zu retten, wenn es wie ein Unternehmen funktionieren würde. Dafür müsste der Weltverband Fifa eine Aktiengesellschaft werden. Mehr...

Mordfall in Freiburg

Sprechverbote helfen nicht

Von  |
Trauer in Freiburg um die ermordete Studentin.

Die Debatte über den Mordfall in Freiburg zeigt: Straftaten können in diesen Zeiten schnell zu einem Politikum werden. Weglassen und Ausblenden ist keine Option. Der Leitartikel.  Mehr...

Bildungssystem

Deutschland braucht Nachhilfe

Nach wie vor hängt die Leistung in der Schule vom sozialen Status ab.

Das Bildungssystem stagniert nach ersten Fortschritten nach dem Pisa-Schock. Vor allem Bildungserfolg ist noch zu eng an soziale Herkunft gekoppelt. Der Leitartikel.  Mehr...

Referendum

Italiens Wähler nutzten ihre Chance

Matteo Renzi hat zu hoch gepokert.

Italienerinnen und Italiener haben gegen Renzis Referendum gestimmt, weil sie dem Ministerpräsidenten keine Vollmacht zum Durchregieren erteilen wollten. Der Leitartikel. Mehr...

Angela Merkel

Zum Weitermachen gezwungen

Elf Jahre sitzt Angela Merkel nun schon im Kanzleramt. Werden es vier weitere?

Angela Merkel hat immer wieder über ein Ende als Kanzlerin gesprochen. Aufhören konnte sie jedoch nicht - ein Wechsel in der Regierungsspitze ist eben nicht so einfach wie eine Kabinettsumbildung. Ein taktischer Rückzug ist dennoch möglich. Der Leitartikel. Mehr...

Italien und Österreich

Steht die EU nicht zusammen, droht ihr Ende

Kein EU-Freund: In Österreich greift der Rechtspopulist Norbert Hofer nach der Macht.

Die Europäische Union hat nur eine Zukunft, wenn Österreich, Italien und Frankreich dem Populismus widerstehen. Der Leitartikel.  Mehr...

Cyberangriff Telekom

Freude am Systemabsturz

Von  |
Sicherheitskongress der Telekom in Frankfurt.

Das Gefühl der permanenten Bedrohungslage hat die Normalität abgelöst. Und die Frage, wie wollen wir leben, wird ersetzt durch den Ausruf: So kann es nicht weitergehen. Der Leitartikel.  Mehr...

Medien

Der Deutsche Presserat als Hygienestation

Den Vorwurf der "Lügenpresse" kann auch der Presserat nicht entkräften.

Der Presserat hat die undankbare Aufgabe, die Medien daran zu hindern, so zu werden, wie Kritiker sie ohnehin sehen. Für die sozialen Medien gibt es solch eine Institution nicht. Der Leitartikel.  Mehr...

Leitartikel

Eine Männerfreundschaft wird das kaum

Von Frank Herold |
Russlands Präsident Wladimir Putin wird Donald Trump schnell auf die Probe stellen. Und der US-Präsident wird rasch reagieren müssen.

Donald Trump mag als einer der russlandfreundlichsten US-Präsidenten gelten. Doch das täuscht. Auf dem Wege zu einer russisch-amerikanischen Annäherung liegen auf beiden Seiten Fallstricke.  Mehr...

Leitartikel zu François Fillon

Großbaustelle Frankreich

Von  |
Klare Kante: Francois Fillon.

Mit der Wahl von François Fillon zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner wird klar: Das Land ist im Umbruch. Worauf der hinausläuft, ist aber nicht erkennbar. Mehr...

Anzeige