Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

15. Februar 2016

Flüchtlingspolitik: Das Buhlen um Rassistensympathie

 Von 
Neonazis und Wutbürger nehmen an einem Fackelmarsch teil, um gegen eine Flüchtlingsunterkunft zu demonstrieren. Deutschland rückt nach Rechtsaußen, findet unser Autor.  Foto: imago stock&people

Unsere Gesellschaft driftet im Eiltempo nach rechts, menschenfeindliches Gedankengut arbeitet sich vor in die Mitte: Ein Deutscher ist ein Deutscher ist ein Deutscher. Die Kolumne.

Drucken per Mail

Eigentlich wohnt es dem Wesen des Menschen inne, dass er immer wieder die gleichen Fehler macht. Geschäftsleute fallen immer wieder auf die Schnauze, weil sie sich immer wieder mit den gleichen zwielichtigen Partnern einlassen. Genau so wie Liebende, die sich immer wieder in den gleichen Typus Mensch verknallen, Schluckspechte, die immer wieder der Meinung sind, nach sieben Bier noch fahren zu können und Heimwerker, die immer wieder denken, man könne die Deckenlampe auch reparieren, ohne vorher den Strom abzuschalten. Der Mensch ist unbelehrbar.

Das wusste auch Helmut Kohl, der ständig aufs Neue mahnte: „Gechichde wiederholt sisch immer“. Im Gegensatz zu Norbert Blüms „Die Renden sind sischer“ war dies eine weise und wahre Aussage. Bedauerlicherweise. Denn wie Recht Kohl hatte, müssen wir im Moment erleben. Und jetzt ist leider Schluss mit lustig.

Die Lage ist ernst. So ernst wie noch nie seit unserer Zwangsentnazifizierung nach 1945. Ich wollte es lange nicht wahr haben, doch es ist wahr: Ein Deutscher ist ein Deutscher ist ein Deutscher. Und dem Deutschen wohnt Fremdenhass inne, Rassedenken, Eigennutz und Chauvinismus. Da können wir noch so viele Kriege verlieren, noch so viele Völker ausrotten und noch so viele „Andersartige“ vergasen – wir lernen nichts daraus.

Mit Waffengewalt gegen Menschlichkeit

Man wird mich nun der Schwarzmalerei bezichtigen, von mir aus. Doch ich möchte nicht zu denen gehören, denen hinterher vorgeworfen wird, nichts getan zu haben, nicht gemahnt, nicht gewarnt. Unsere Gesellschaft driftet im Eiltempo nach rechts, menschenfeindliches Gedankengut arbeitet sich vor in die Mitte der Gesellschaft. Oder wie anders ist es zu deuten, wenn sogar ein grüner Oberbürgermeister (wie Boris Palmer in Tübingen) um Rassistensympathie buhlt, indem er fordert, Menschlichkeit zu kontingentieren und die Grenzen Europas mit Waffengewalt zu sichern? Wenn Flüchtlingen bei der Einreise nach Deutschland fast ihr gesamtes Geld abgenommen wird, so wie damals den Juden an der Rampe? Wenn vernünftige mahnende Stimmen vom (großteils noch virtuellen) Mob niedergebrüllt und der Lügen bezichtigt werden? Wenn ernstzunehmende und eigentlich neutrale Politologen im Fernsehen behaupten, die AfD sei keine rechtsradikale Partei, sie habe lediglich einen tiefbraunen Rand? Was soll das denn sein, bitteschön? So etwas wie ein Kinderschänder, der keiner ist, sondern lediglich ab und an pädophile Exzesse auslebt? Wie eine Schwangere, die nicht schwanger ist, sondern nur eine befruchtete Eizelle in der Gebärmutter trägt? Ein bisschen braun gibt es nicht.

Lange hieß es, den Deutschen sei das böse Handwerk gelegt, denn sie seien eingebunden in ein vereintes Europa. Letzteres stimmt. Doch es geschieht, was niemand für möglich hielt: Die Anderen machen mit. Europa einig Vaterland. Europa über alles. Ohne die lästigen Griechen und andere Parasiten, versteht sich. Aber mit Dänen, Schweden, Österreichern, Polen, Ungarn, Franzosen, Italienern und vielen mehr. Und in diesem Punkt irrte Helmut Kohl. Denn das gab es in der Geschichte noch nie: Europa wächst zusammen zu einem rassistischen Konsortium. Und mittendrin als immer mehr treibende Kraft die Deutschen. Wenn das der Adolf noch hätte erleben dürfen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Anm.der Redaktion: Das Thema scheint uns inzwischen ausdiskutiert, deshalb haben wir die Leserkommentare geschlossen.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Labour-Partei in Großbritannien

Der Kampf des Jeremy Corbyn

Von Sebastian Borger |
Freut sich über seinen Wahlsieg: Jeremy Corbyn.

Die Labour-Partei macht es sich unter dem in seinem Amt bestätigten Vorsitzenden Corbyn in der linksradikalen Nische bequem. Dabei wäre wirksame Opposition bitter nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Erbschaftssteuer

Unternehmer-Lobby leistet gute Arbeit

Wenn es ums Erben geht, sind manche ein bisschen gleicher als andere.

Die „Reform“ der Erbschaftssteuer steht. Sie wird einige wenige Unternehmen stärker belasten, die meisten nicht. Was für ein Verständnis von gleichen Pflichten für alle steckt dahinter? Der Leitartikel.  Mehr...

Russland

Darf Putin sich freuen?

Noch ist offen, ob Wladimir Putin einen Sieg oder einen Pyrrhussieg errungen hat.

Einiges Russland siegt bei der Dumawahl. Doch kaum ein Oppositioneller schafft es ins Parlament. Das beschädigt die Legitimität des Systems. Der Leitartikel. Mehr...

CDU/CSU

Preiswürdige Sandkastenpolitik

Kanzlerin Merkel (CDU) und Seehofer (CSU) in trauter Uneinigkeit.

Die CSU mag nach der Entschuldigung der Kanzlerin Genugtuung verspüren, Merkel den Vorgang als notwendiges Übel abbuchen. Aber preiswürdig ist all das nicht. Im Gegenteil. Der Leitartikel.  Mehr...

Berlin-Wahl

Merkels Konzept ist erledigt

Hat Kanzlerin Merkel der AfD den Zünder für ihren Aufstieg geliefert?

Das Wahlergebnis von Berlin beendet Kanzlerin Merkels Strategie. Nun wird wieder gestritten über Themen, deren Lösung nicht mehr alternativlos ist. Der Leitartikel.  Mehr...

Berlin-Wahl

Deutschland rückt nach rechts

Zur Wahlparty gibt es die AfD - ganz aus Mett.

Auch in der Hauptstadt hat sich die AfD als feste Größe im Parteiensystem erwiesen. Auf der anderen Seite steht Rot-Rot-Grün vor der Tür. Was heißt das für den Bund? Der Leitartikel.  Mehr...

Krawalle in Sachsen

Von Hoyerswerda nach Bautzen

In den vergangenen fünf Monaten musste die Polizei zu mehr als 70 Einsätzen ausrücken.

Der Fremdenhass befindet sich in Deutschland auf dem Vormarsch. Zu diesem ernüchternden Urteil kommt, wer sich die Entwicklung der vergangenen 25 Jahre anschaut. Der Leitartikel. Mehr...

Gipfel in Bratislava

Die EU braucht Hilfe

In Bratislava soll vor allem geklärt werden, wie Europa nach dem Brexit-Votum der Briten wieder näher an die Menschen gebracht werden kann.

Die Bundestagswahl im 2017 sollte den Charakter eines Plebiszits für Europa annehmen. Jeder Kandidat sollte sagen, ob er in einem weltoffenen Europa leben möchten – oder nicht. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Beckenbauer

Des Kaisers neue Kleider

Verantwortlich für das Sommermärchen 2006: Franz Beckenbauer.

Die Enthüllungen im Fall Beckenbauer lassen den Fußballer und Organisator der Fußball-WM 2006 in neuem Licht erscheinen. Sie belegen auch, mit wie vielen Tricks der DFB arbeitete. Der Leitartikel. Mehr...

Nationalismus

Es gibt keinen deutschen Volkscharakter

Ist die Frau ohne Kopftuch deutscher als die andere?

Bei der Debatte über das Deutschsein geht es nicht darum, deutsch zu sein. Vielmehr soll anderen abgesprochen werden, deutsch zu sein. Dagegen müssen wir uns wehren. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige