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Kolumnen

14. April 2015

Front National: Seifenoper aus dem Hause Le Pen

 Von Martina Meister
Jean-Marie Le Pen mit seiner Tochter Marine (Archivbild).  Foto: REUTERS

In seiner Partei steht Jean-Marie Le Pen völlig isoliert da, zwei seiner drei Töchter haben mit ihm gebrochen. Dass sein Hass gegen jeden, der anders ist, vor der eigenen Familie nicht haltmacht, hat eine Logik. Am Ende wendet er ihn sogar gegen sich selbst. Die Kolumne.

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Manchmal denke ich, es ist gut, dass es den Front National (FN) gibt. Man hat das Gefühl, die Fremdenfeinde versammeln sich alle in einer Partei, einer Ecke. Man muss nichts mit ihnen zu tun haben, man kann sie verteufeln, sogar über sie lachen. Es sind die anderen. Das Gefühl trügt natürlich. Vor einigen Tagen las ich etwas über eine Studie zur Fremdenfeindlichkeit der Franzosen. Sieben von zehn finden, es gebe deutlich zu viele Einwanderer im Land. Bei den Befragungen ging es um Fremdenhass, Rassismus, Antisemitismus, Antiislamismus, you name it. Im Artikel dazu stand auch: „Niemand mag die Roma. Alle Befragten geben das umstandslos zu.“ Die Rede war nicht mehr von Zahlen und Prozenten, es ging um eine Art Konsens.

In Montpellier hat ein Busfahrer kürzlich vorgeschlagen, einen Ersatzdienst auf der Linie 9 einzurichten, die einen Vorort mit der südfranzösischen Stadt verbindet. Einen Sonderbus für Roma. Es geht nicht um Segregation wie damals in Amerika, als die Schwarzen in den hinteren Teil des Busses verbannt waren. Der Busfahrer, der auch Gewerkschafter ist, begründet das anders: „Die Geruchsbelästigung ist unerträglich.“ Man hat sogar überlegt, die Haltestellen zwischen dem Roma-Camp und der Stadt abzuschaffen.

Es wird im Augenblick viel über die Seifenoper aus dem Hause Le Pen gelacht. Es hat etwas Befreiendes und ein wenig Schadenfreude ist natürlich auch dabei: Das Haus des Patriarchen Jean-Marie Le Pen ist abgebrannt, in seiner Partei steht er völlig isoliert da, zwei seiner drei Töchter haben mit ihm gebrochen. In einer Satiresendung zeigen sie ihn als senilen Fremdenhasser im Altersheim, der seine Provokation nur noch heraussabbert.

Niemand mag Le Pen - nicht mal er selbst

Auch darüber herrscht jetzt Konsens: Die Fremdenfeindlichkeit eines Le Pen ist nicht mehr à la mode. Der Alte hat’s nur noch nicht mitbekommen. Er ist jetzt 86 Jahre alt. Er lässt sich im Garten seines Geburtshauses fotografieren, wie er den Stamm des Baumes umarmt, der in seinem Geburtsjahr 1928 gepflanzt wurde. Er spürt, dass sich das Leben dem Ende zuneigt. Der Tod ist jetzt allgegenwärtig.

Als er letzten Sommer sagte, man müsse den Sänger Patrick Bruel, der ständig den FN kritisiere, einfach in den „Ofen schieben“, war selbst seine Tochter Marine erbost. Le Pen verteidigte sich, man würde Bruel schließlich nicht an der Nase ansehen, dass er Jude sei. Als die Ebola-Epidemie ausbrach, rieb er sich die Hände und sagte, „Montsignore Ebola“ werde nun das Problem der Überbevölkerung in Afrika lösen. Seine Tochter spricht von „politischem Selbstmord“. Er zwingt sie zum Bruch und scheint alle menschlichen Beziehungen zerschlagen zu wollen. Als würde er Abschied nehmen wollen. Dass sein Hass gegen jeden, der anders ist, vor der eigenen Familie nicht haltmacht, hat eine Logik.

Am Ende wendet er ihn sogar gegen sich selbst. Als wären die Gewaltfantasien in Wahrheit seine eigenen Todesfantasien, als sei der Fremdenhass eigentlich Selbsthass. Niemand mag Le Pen. Nicht einmal er selbst.

Es ist verflixt mit dem Fremdenhass. Wir würden ihn gern auf Abstand halten, ihn als einen Virus begreifen, der uns nicht erwischt. Der FN hat uns lange diesen Gefallen getan. Dabei ist er mitten unter uns. Und plötzlich sind die anderen wir selbst.

Martina Meister lebt als Autorin in Paris.

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