Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

25. Oktober 2015

Gewalt gegen Flüchtlinge : Muss erst einer sterben?

 Von 
Ausgebrannt: eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Baden-Württemberg. (Symbolbild)  Foto: dpa

Wer Flüchtlinge absichtlich schlecht behandelt, erzeugt erst recht mehr Gewalt. Wenn erst der Hass die Politik diktiert, droht eine vorhersehbare Katastrophe. Ein Meinungsbeitrag.

Drucken per Mail

Wenn Dinge vorhersehbar laufen, ist das literarisch gesehen nicht besonders interessant. Im Gegenteil: Literatur lebt davon, das Vorhersehbare zu vermeiden. Es sei denn, genau das ist das Thema. Gabriel García Márquez hat in einem Roman die Dynamik einer Situation, ihre Eskalation und ihr vorhergesagtes Ende beschrieben.

Er erzählt darin, wie unaufhaltsam jene Kräfte aus Tradition und Emotionen wirken, die am Ende zum Mord an dem jungen Mann führen. In dem Drama geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um das Ritual. Der Leser hofft und bangt, und das bringt die Spannung in den Roman: Vielleicht geschieht etwas und dann muss die Geschichte nicht mit dem angekündigten Tod enden.

Nun sitzen wir vor einem Szenario im realen Leben und vor uns wie im Roman die Chronik eines angekündigten Todes. Tradition, Rituale, Gefühle made in Germany und die Rollen sind verteilt: besorgte Bürger, Nazis, rechts gelähmte Polizei. Dazu jene Dynamik in der Politik, die meint, durch Zugeständnisse an den Mob, Einschränkungen des Asylrechts und bewusst verschlechterte Bedingungen für Flüchtlinge, einer Krise Herr zu werden, die gar keine ist. Krisen sind existenziell, sie verheeren, vernichten, zerstören.

Das tun die Flüchtlinge in Deutschland nicht. Auch die Opfer stehen bereits fest, wenn die Lage eskaliert. Flüchtlinge schlecht zu behandeln, damit nicht noch mehr kommen, ist das Zuckerbrot für alle Hasser, ist der Antrieb für mehr Gewalt. Ganz gleich, weshalb sie fliehen mussten – alles, was Flüchtlinge in den Augen dieser Leute ausmacht, ist die Tatsache, dass sie nicht weiß genug sind.

Verbrannt, erschlagen, vom Dach gestoßen?

Angriffe, der Mob auf der Straße, Feuer, Drohungen. Und zu viele Politiker, die das missbrauchen. Was soll das werden? Geht es um die Schließung der Grenzen? Oder am Ende doch um die Verteidigung des Abendlandes? Wie wird der Name des ersten Toten lauten? Wird es ein Kind sein? Wird er oder sie verbrannt, erschlagen oder vom Dach gestoßen?

Braucht die Dynamik in Deutschland dieses Opfer, um die Flüchtlinge aufzuhalten, als wären sie eine Naturkatastrophe? Statt denen Einhalt zu gebieten, die für Mord bereitstehen? Muss dies geschehen wie in García Márquez’ Roman, um Tradition und Ordnung der deutschen Art aufrecht zu erhalten?

Mehr dazu

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Landschaften können schön sein. Menschen können schön sein, wenn sie ihre Menschlichkeit zeigen. Trauer, Freude, sogar Zorn – jede Lebendigkeit macht Menschen schön. Schöne Landschaft ohne schöne Menschen gibt es nicht. Die Hässlichkeit der einen verdirbt die Anmut des anderen.

Heute ist mehr Schönheit überall in Deutschland als je zuvor. Das macht die Hässlichen in ihren düsteren Orten nur noch abscheulicher. Die deutsche Politik muss jetzt kreativ sein und entscheiden, ob sie auf die Schönheit baut oder der Chronik eines angekündigten Todes folgt. Sollten die Demokratie und die Menschenrechte der Hässlichkeit geopfert werden, dann wird am Ende nichts mehr dem Untergang im Wege stehen.

So wie die demokratischen Staaten heute die Flüchtlinge behandeln, so wird die Welt aussehen. Es reicht nicht, nur zu hoffen, dass der angekündigte Tod vermieden werden kann. Wir sind nicht nur Leser. Und das Leben ist auch kein Roman.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Zivilschutz

Von Angstpolitik profitieren die Populisten

Von  |
Erstaunlich, dass ein paar nicht mal ganz neue Tipps zur Vorratshaltung eine solche  mediale Erregungsspirale  auslösen können.

Demokraten müssen aufhören, die rechte Politik der Angst zu imitieren. Die Gesellschaft kann sich nicht gegen jedes Risiko schützen, sie kann aber Schwächen erkennen und beseitigen. Der Leitartikel.  Mehr...

Volkswagen

Falsche Unterstützung

Die Bänder rollen wieder: Volkswagen hat sich mit dem Zulieferer Prevent geeinigt.

Politiker haben sich im Streit zwischen Volkswagen und Prevent einseitig aufi die Seite des Konzerns geschlagen. Dieses Fehlverhalten gefährdet das Projekt VW. Der Leitartikel.  Mehr...

AfD-Erfolge

Gegen die AfD hilft Geduld

Einfach Antworten: Die AfD geizt nicht mit populistischen Slogans auf ihren Wahlplakaten.

Unbeeindruckt von innerparteilichen Streitereien feiert die AfD Erfolge. Panischer Antipopulismus von anderen Parteien hilft dagegen nicht. Besser ist geduldiges Argumentieren. Der Leitartikel. Mehr...

Olympia

Die Schatten von Rio

Abschied von Rio.

Die Olympischen Spiele in Rio verdeutlichen: Das IOC ist genauso reformbedürftig wie das Gastgeberland Brasilien. Für saubere Wettkämpfe muss sich viel ändern.  Mehr...

Flüchtlinge

Volksabstimmung eigener Art

Geflüchtete 2015 in Wegscheid (Bayern).

Die Aufnahme von mehr als einer Million Geflüchteten ist mühsam, aber dank der Hilfe von Freiwilligen zeichnet sich ab: Deutschland schafft das. Der Leitartikel.  Mehr...

Russland

Der Schwan der Freiheit

August 1991: Der russische Präsident Boris Jelzin (l.) erlebt während des Putsches gegen Gorbatschow seine große Stunde.

Vor 25 Jahren vereiteln Boris Jelzin und seine Mitstreiter in Russland einen Putsch. Doch an diesen Sieg der Demokratie erinnert sich heute kaum noch jemand.  Mehr...

Extremismus in der Türkei

Notwendiger Partner Türkei

Von  |
Die Frage, ob die türkische Regierung eine aktive Rolle bei Islamisierung der türkischen Innen- und Außenpolitik spielt oder das Land eher zufällig zum Durchzugs- und Nachschubgebiet für Kampfkader aller Art geworden ist, bleibt offen.

Neu ist die Erkenntnis des Innenministeriums nicht, wonach die türkische Politik islamisiert ist. Dennoch wird das deutsch-türkische Verhältnis weiter belastet. Die Affäre um die parlamentarische Anfrage wirf einmal mehr die Frage nach der Zukunft des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei auf. Der Leitartikel. Mehr...

Grün-Schwarz in BaWü

Es grünt so schwarz

In Baden-Württemberg regiert seit 100 Tagen das Bündnis aus Grünen (Winfried Kretschmann, r) und CDU (Thomas Strobl).

In Baden-Württemberg regiert seit 100 Tagen das Bündnis aus Grünen und CDU. Spektakuläres ist bisher aus Stuttgart nicht zu hören. Aber genügt das? Der Leitartikel. Mehr...

Burka-Verbot

Kein Mittel gegen Terrorismus

Traditionelle Burka in Afghanistan.

Die Burka-Propagandisten wissen, was sie nicht wollen: die Begegnung freier Menschen auf freiem Grund. Trotzdem wäre ein Verbot überflüssig. Der Leitartikel. Mehr...

Polen

Polens positiver Wirtschafts- und Sozialplan

Von Jan Opielka |
Jaroslaw Kaczynski, Chef der PiS-Partei, bei einer Rede.

Polens nationalkonservative Regierung treibt eine Wirtschaftspolitik voran, die sozialdemokratische Züge trägt. Kritiker verkennen, dass eine falsche Regierung auch Richtiges tun kann. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige