Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flucht und Zuwanderung | USA nach der Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

12. Juli 2015

Im reißenden Mainstream der Medien

 Von Tom Schimmeck

Griechen-Bashing und kein Ende. Das mediale Versagen schreit nach Konsequenzen. Beginnen wir mit A wie ARD.

Drucken per Mail

Viele fallen gerade aus der Rolle, viele zeigen ihr wahres Gesicht“, notierte neulich „Spiegel“-Kolumnist Georg Diez nach einer weiteren Katastrophen-Woche im „Dschungelcamp der deutschen Medien“. Ich war froh, fühlte mich weniger alleine in meiner Fassungslosigkeit über die Strudel und Schaumkronen im reißenden Mainstream deutscher Medien. Über die Pöbelei und Beckmesserei, die wir seit einem halben Jahr in Sachen Griechenland erleben. Angeführt vom Boulevard. In einem Gleichschritt, der zunehmend zum Stechschritt wird. Das große Blasorchester der Meldungsschreiber, Leitartikler, Talkmaster, Korrespondenten, Wirtschaftsexperten lärmt wie lange nicht mehr.

Nicht alle machen mit. Aber viel zu viele. Meinungsdeutschland scheint sich so total einig wie zuletzt bei Ypsilanti. Sie erinnern sich? Diese brandgefährliche linke Hexe, die 2008 in Hessen einen SPD-Überraschungserfolg gegen Roland Koch einfuhr, mit ihrem Genossen Hermann Scheer. Woraufhin Deutschlands Vordenker plus die eigenen Obersozis sich an beiden die Stiefel abputzten und so taten, als käme der Russe nun doch noch. Wir Journalisten fahren dauernd auf Tagungen, um über Fehlentwicklungen unserer Zunft zu reden. Leider völlig folgenlos. Sehr selten nur gibt es Sekunden der Besinnung. Etwa nach dem letzten Finanzcrash, als selbst hartleibige Wirtschaftsjournalisten, die ein Bild von Margaret Thatcher über ihrem Hausaltar hängen haben, vom Zweifel angefasst wurden. Kurz, sehr kurz. Bald hatten sich alle wieder eingereiht. Es muss wohl eine Lust sein, laut mitzuträllern im ganz großen Chor.

Kurz bevor der letzte Leser/Hörer/Zuschauer seinen Glauben an Pluralität und Tiefgang der Medien verloren hat, wird es Zeit, konkrete Vorschläge zu machen. Fangen wir bei A wie ARD an. Erstens: Teil der griechischen Tragödie Griechenlands ist, dass dieses arme Land in den Zuständigkeitsbereich des Bayerischen Rundfunks fällt. Wir alle sind nur noch einen Sigmund-Gottlieb-„Brennpunkt“ von der finalen Gebührenverweigerung entfernt. Hier muss etwas geschehen.

Zweitens, liebe ARD-Direktoren: Bei großen Medien ist es eherne Regel, Korrespondenten regelmäßig auszutauschen. Bevor sie betriebsblind werden oder sich als heimliche Regenten aufführen. Drittens, ein Dauerproblem: das Börsenstudio. Das fällt seit langem durch rituellen Irrsinn auf. Von Frankfurt aus jodelt man auf allen Radio- und TV-Kanälen der ARD tagtäglich den Dax rauf und runter, zittert mit im Zickzack der Kurven und Kurse, vermeldet schnell noch Dollar, Gold und die Umlaufrendite und liefert Sätze wie: „Die Zitterpartie um Hellas geht weiter.“ So kurzatmig, so hautnah dran an Händlern, Bankern und diesen meist erschreckend schlichten „Analysten“, dass oft jede kritische Distanz flöten geht. Ein Chef dieses Studios wurde 2011 folgerichtig Kommunikationschef der Bundesbank.

Zudem ist das Börsenstudio ein Potemkinscher Witz: Die Börse selbst wanderte schon 2008 ins nahe Eschborn ab – um Gewerbesteuer zu sparen. Der Frankfurter Saal ist pure Kulisse, nur dazu da, den Börsenmeldern Bilder und Töne zu liefern. Eine Dauerwerbesendung für die Logik der Märkte.

Mein Krisen-Reformvorschlag: schließen. Stattdessen könnte die ARD eine Redaktion schaffen, die Distanz hält zu Dax & Co. Die aufklärt und Zusammenhänge herstellt. Es wäre ein Anfang.

Tom Schimmeck ist Autor.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


EU-Parlamentspräsident

Ausgerechnet Tajani

Von  |
Im EU-Parlament umstritten: Antonio Tajani

Ließ sich unter den 751 Europaabgeordneten kein besserer Kandidat finden? Das ist traurig. Ebenso wie die Aussicht, dass das Straßburger Plenum in Selbstreflexion zu versinken droht. Der Leitartikel. Mehr...

Leitartikel

Angriff auf den Wohlstand

BMW-Produktion in Dingolfing (Bayern).

Mit ihrer Abschottungspolitik gefährden Theresa May und Donald Trump die internationale Kooperation und den wirtschaftlichen Erfolg hiesiger Firmen. Mehr...

Donald Trump

Jenseits jeglicher Moral

Donald Trump stellt sich über das Gesetz.

Für Donald Trump steht der US-Präsident über dem Gesetz. Das ist falsch. Diese Haltung könnte sich für den Multimilliardär in seinem künftigen Amt rächen. Der Leitartikel.  Mehr...

Handball-WM in Frankreich

Jeder streamt für sich allein

Von  |
Wer streamt, konnte sie jubeln sehen: Deutschlands Torhüter Silvio Heinevetter (l-r), Uwe Gensheimer und Paul Drux.

Kein herkömmlicher Fernsehsender überträgt die Handball-WM in Frankreich. Bilder gibt es nur in einem Livestream – ein Paradigmenwechsel in der Verbindung von TV und Sport. Mehr...

Subventionen des Bundes

Was Hamburg kann - und Berlin nicht

Von Nikolaus Bernau |
Die Elbphilharmonie in Hamburg wurde zwar teurer als zunächst angekündigt - jedoch hat die Stadt den Bau alleine gestemmt.

Hamburg ist froh, dass die Elbphilharmonie endlich eröffnet hat. Damit verschwindet ein Bauskandal - und Hamburg schafft etwas, was Berlin so nicht gelingt. Der Leitartikel.  Mehr...

USA

Obamas größte Niederlage

Obamas historische Amtszeit geht zu Ende.

Mit Barack Obama verlässt ein überzeugter Demokrat das Weiße Haus. Mit Donald Trump zieht dort ein demokratisch gewählter Präsident ein, der alles ändern will. Der Leitartikel.  Mehr...

Potenzielle Terroristen

Vom Umgang mit tickenden Zeitbomben

Auch Flüchtlinge abzuschieben, die als Gefährder eingestuft werden, löst das Problem nicht.

Gefährder gelten als unberechenbar. Sie abzuschieben oder Herkunftsländern die Entwicklungshilfe zu kürzen, ist nicht zielführend. Vielmehr sollte Ländern wie Tunesien geholfen werden. Der Leitartikel.  Mehr...

Fake News

Die Trolle sind unter uns

Von  |
Das Internet bietet jedem die Möglichkeit, auf großer Bühne zu schwindeln.

Gefälschte Nachrichten hat es immer gegeben. Mit den digitalen Medien aber haben sich die Möglichkeiten zu Fälschung demokratisiert. Man tut es, weil man es kann. Der Leitartikel.  Mehr...

Leitartikel

Jetzt entscheidet sich die Zukunft der Türkei

Demonstranten versuchen, zum türkischen Parlament durchzukommen.

Das türkische Parlament berät über Verfassungsänderungen, mit denen es sich selbst entmachten soll. Nutznießer wäre Erdogan - als mächtiger Präsident könnte er bis 2029 im Amt bleiben.  Mehr...

Leitartikel

Gegen die Koalition der Billigen

Trump-Ramsch in einem Touristenladen in New York: Den Antidemokraten die Stirn bieten.

Europa ist schwer erschüttert. Nach innen durch rechte Populisten und den Brexit. Außen droht das Dreigestirn Putin, Erdogan und Trump. Was kann die EU noch zusammenhalten?  Mehr...

Anzeige