Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

15. November 2015

Kolumne: Der Horror in der Hosentasche

 Von Tom Schimmeck

Im Hagel der Infopartikel ergreift das Verstehen die Flucht. Je mehr Freunde wir horten, desto weniger kennen wir sie.

Drucken per Mail

Natürlich: Trauer, Mitgefühl, auch Zorn. Klar. Kommt einfach hoch. Man ist permanent so bewegt, betroffen, bestürzt, dass einem ständig alles hochkommt. Schmidt ist tot, Flugzeuge explodieren am Himmel, Züge stürzen von Brücken. Der Trump hat wieder was gerotzt und Lady Gaga auch. Obendrein werden überall Tiere gequält. Was wird Frau Zschäpe sagen? Und immer noch kommen diese Flüchtlinge. Der Schäuble sieht Lawinen rollen und bekommt ein goldiges Bambi. Noch mehr Unterkünfte brennen. Nein, hier besteht gewiss kein Zusammenhang.

Mein Hirn versucht den Gefühlen hinterherzuhecheln. Es sind zu viele. Sie werden immer schneller. Mein Verstand keucht, er strauchelt, oh nein, er stürzt! Bevor er ohnmächtig wird, wirft er einen letzten Blick auf all die galloppierenden Gefühle. Und tschüss!

Alles hält mich in Atem. Suchmaschinenoptimierte Schlagzeilen prügeln auf mich ein. Und jeder klickt, liket, shart und retweetet sie wie besoffen. Der Horror piept in meiner Hosentasche. Alert! Flash! Breaking News! Hast Du schon gehört? OMG! Jede Äußerung, jedes Event schreit nach dem passenden Gefühl, das in Echtzeit entwickelt werden will. Gerade kommt wieder ein Tweet rein: “#Merkel #Rücktritt sofort! #Hochverrat!“

Wir reden kaum noch miteinander, sind uns aber einig. Verspritzen im irren Takt der „trending topics“ unsere Regungen und Geistesblitzchen. Das bietet uns ultimative Zerstreuung. Stille wirkt bedrohlich. Schweigen ist verpönt. Alle Augen kleben auf Monitoren und Smartphones. Daumen trommeln aufs Display. Schwarmintelligenz mutiert zu Schwarmignoranz. Der kollektive Gefühlsstau mündet in der emotionalen Massenkarambolage. Wir kultivieren ein hyperaktives Aufmerksamkeitsdefizit. Spätestens nach 140 Zeichen werden wir noch nervöser.

Weil es normal ist, 1000 Freunde zu haben und 500 Follower und selbst wiederum 500 anderen zu „folgen“. Freund befiehl, ich folge Dir. Wenn jeder täglich nur einmal twittert, ergibt das jeden Tag ein Buch. Dass die Welt enger zusamenrückt, ist zu 90 Prozent Fiktion. Weil wir sie nie zur Gänze fassen, im Kopf behalten und verarbeiten können. Weil wir uns auf maximal drei Themen konzentrieren – und zu den meisten Menschen, Orten und Entwicklungen niemals ein Verhältnis entwickeln werden, weder intellektuell noch emotional. Wir wissen nicht, was gerade in Belgien, Burundi oder Brunei geschieht, nicht einmal in der Wohnung nebenan. Im Hagel der Infopartikel nimmt das Verstehen Reißaus. Je mehr Freunde wir horten, desto weniger kennen wir sie.

Weshalb es zur Tugend wird, innezuhalten, öfter mal denkend zu schweigen. Sich regelmäßig fernzuhalten von Newsfeeds und Bilderstrecken, vom Top-Ranking der Top-Aufreger. Sich ganz bewusst in ein Thema zu vertiefen. Gar ein Buch ganz zu lesen. Und sich etwa zu erinnern, wer wann zuletzt Bomben auf wen gefordert hat.

Nun Terror in Paris. Wir, ruft ein irrlichternder Kommentator, sind „traurig, zornig, ratlos und entschlossen“. Das kann nicht gutgehen. Schon twittert der Matussek mit dem Söder um die Wette. Plasberg talkt. Gauck mahnt. Döpfner bellt die „Staatskrise“ herbei. Das Haus Saud schweigt. Alle fünf Minuten eröffnet jetzt irgendwer den #Weltkrieg.

Tom Schimmeck ist Autor.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Österreich und die Folgen

Mehr Politik wagen

Von  |
Von Adenauer bis Merkel: In der Politik herrscht das Geschacher und Kleinklein. Es fehlen die Visionen.

Alle suchen nach Mitteln gegen Rechtspopulisten. Das einfachste ist: Probleme benennen, Lösungen erarbeiten und umsetzen. Oder blumiger: Es sind Visionen nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Ein Sieg des letzten Aufgebots

Van der Bellen wurde nicht nur von Grünen gewählt, auch Konservative gingen für ihn an die Urne, um Hofer zu verhindern.

Die Wahl Alexander van der Bellens zum österreichischen Präsidenten hat das Land nicht grundlegend verändert. Der Kampf gegen die Ultrarechten fängt jetzt richtig an. Der Leitartikel. Mehr...

Politische Rechte

Abgrenzung statt Aufbruch

Von  |
Solidarität nur innerhalb des Volkskörpers: Die AfD ist eine rückwärtsgewandte Partei.

Die in Europa erstarkenden national-konservativen Kräfte sind auch ein Ausdruck alternder Gesellschaften. Die Bewegung eint ein pervertiertes Verständnis von Solidarität. Der Leitartikel.  Mehr...

Türkei

In den Fängen des Autokraten

Der von Erdogan gesteuerte Parlamentsbeschluss ist nicht der erste Willkürakt der vergangenen Monate.

Das türkische Parlament hat sich den Plänen von Präsident Erdogan mit Mehrheit gefügt. Und Europa? Raubt seinem Protest durch den schmutzigen Flüchtlingsdeal die Glaubwürdigkeit.  Mehr...

Griechenland

Was die AfD nicht versteht

Der nächste Protest vor dem Parlament: Griechenland kommt nicht zur Ruhe.

Die Griechenland-Kredite retteten nicht das Land. Sie stabilisierten die Euro-Zone, stützten die Banken und sorgten für einen Macht-Zuwachs für Deutschland. Der Leitartikel. Mehr...

Armenien

Die Lüge von der „Tragödie“

Demonstranten protestieren gegen die Türkei, die den Völkermord an den Armeniern leugnet.

Deutschland ist verpflichtet, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen – und damit die deutsche Beteiligung. Es war keine Tragödie, wie die Türkei behauptet. Der Leitartikel. Mehr...

Armut und Wohlstand

Horrorszenarien prägen die Debatte

Die Schere zwischen Arm und reich geht immer weiter auseinander. Trotzdem helfen Horrorszenarien nicht weiter.

Wer sich von verallgemeinernden Negativprognosen etwa bei der Altersarmut treiben lässt, befeuert diffuse Ängste. Damit treibt er unfreiwillig der AfD die Wähler zu. Der Leitartikel. Mehr...

Rechte Hetze

Angst als politisches Programm

Angst schüren in Dresden: Am vergangenen Montag forderten 2800 Menschen die "Festung Europa".

Wer glaubt, er habe die Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit, der hat seine Situation nicht verstanden. Und er unterschätzt, wie sehr Angst mit Aggression zusammenhängt. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Volk ohne Traum

Hat bereits aufgegeben: SPÖ-Kanzler Werner Faymann.

Der Überdruss der Österreicher gegen die alten Regierungsparteien hat viele Gesichter, reaktionäre und liberale. Aber Strategien haben auch die Gegner von ÖVP und SPÖ nicht. Der Leitartikel.  Mehr...

Baden-Württemberg

Kretschmanns Politik des Stillstands

Warum muss sich etwas ändern, wenn doch alles gut ist? Genau das ist die Botschaft, für die Winfried Kretschmann mit seiner sorgsam gepflegten, bräsigen Zufriedenheit steht.

In Baden-Württemberg hat das schwarz-grüne Bürgertum, das im Weiter so seine Zukunft sieht, jetzt die passende Regierung. Aber die Politik des Stillstands ist hochgefährlich und beschert der AfD weiteren Zulauf. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige