Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

22. März 2015

Kolumne: Furchtbares Comeback

 Von Tom Schimmeck

Aufklärung, Fortschritt und Demokratie sollten sie lindern: die Angst. Doch jetzt herrscht allenthalben Finsternis.

Drucken per Mail

Es ist normal, sogar ganz gesund, ein bisschen Angst zu spüren. Die schützt uns davor, zu nah an den steilen, bröckelnden Abhang zu treten. Oder schenkt uns diesen süßen Kitzel, wenn wir es dennoch tun. Zu viel Angst aber lähmt, macht fatalistisch und dumm. Hier waren Fortschritt, Aufklärung und Demokratie hilfreich. Sie konnten uns diverse Ängste nehmen: die Angst vor der Finsternis, vor der Pest, vor dem Pfaffen und seiner Dauerdrohung mit dem Höllenfeuer, vor der nackten Willkür des brutalen Herrschers.

Das hindert manchen nicht daran, weiterhin Angst zu verspüren. Auch mich nicht. Besonders verwundbar bin ich morgens so gegen halb fünf, aus einem irren Traum erwachend. Dann denke ich an die Kinder, die Arbeit, das Finanzamt, an meine verdammte, kilometerlange To-Do-Liste, die mit jeder Hirndrehung länger wird.

Später, wenn es hell ist, lache ich über mich. Denke: „Herrje, Du Spinner. Sitzt da warm, satt und trocken auf Deiner Wohlstandsinsel. Dir fehlt es an gar nichts. Du lebst in einem funktionierenden Gemeinwesen, hast tolle Freunde, nette Nachbarn, fließend Warmwasser. So what?“

Also nochmal: Die Moderne hat uns in vielerlei Hinsicht mehr Licht gebracht. Mehr Wissen, Freiheit, Wohlstand, Freude. Doch leider ist dies kein linearer Prozess. Angst ist ein Herrschaftsinstrument geblieben. Sie ist auch Nebenprodukt wachsender Verwirrung. Sie kommt zurück.

Ich will damit nicht, wie es bei manch flottem Kommentator Mode ist, „German Angst“ denunzieren, jene hierzulande angeblich so verbreitete Furcht vor Katastrophen-Technologien wie der Atomkraft, vor miesem Industriefraß, Totalüberwachung und „Frei“handelsverträgen, die nur das Kapital von weiterer Verantwortung befreien. Wobei Zorn hier oft adäquater wäre.

Was ich meine: Wenn ich heute am helllichten Tag die Zeitung aufschlage, das Radio anknipse, den Browser anwerfe, springt mir Angst wieder überall entgegen. Die Angst vor der Geldschwemme der EZB, vor Putins hirnverdrehender Propaganda, vor Ebola, „den Griechen“, den vielen Flüchtlingen aus dem Morgenland, dem anschwellenden Irrsinn der CSU und den Kopfabhackern des neuen Kalifen. Eben habe ich bei „Google News“ „Angst“ eingetippt. Und 5 690 000 Ergebnisse bekommen. Wow.

Da wabert tiefste Finsternis. Ätzt sich tief in die Magengrube. Weil die Welt wirbelt und der Kopf nicht mehr nachkommt. Weil Angst ein Comeback erlebt. Nicht nur bei den Islamisten von Boko Haram, IS und Co. Nicht nur in Nordkorea und Eritrea, in Russland oder China, wo Willkür und Schikane eh uralte Bekannte sind. In den USA etwa hat G.W. Bush die „politics of fear“ weit getrieben (und Obama sie nicht vertrieben, wiewohl das einst sein Hauptanliegen war). Just konnte Benjamin Netanjahu mit einer Angstkampagne die Wahl in Israel gewinnen. Fast überall kann man studieren, wie wirkungsvoll die Angst und die Hysterie, ihre zeternde Schwester, Gesellschaften ins Dunkel treiben. Wie Mächtige, Fanatiker, Rattenfänger – und ja: Journalisten mit ihr spielen. Sie schüren. Um dann, in der Pose des Retters, reiche Ernte einzufahren.

Dagegen hilft nicht: Thomas de Maizières neue Anti-Terror-Einheit. Dagegen hilft nur: Besser hingucken, noch mehr verstehen. Und Nerven bewahren. Fürchtet Euch nicht!

Tom Schimmeck ist Autor.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Parteitag

Darum bleibt „Die Linke“ saft-und kraftlos

Von  |
Der Tortenwerfer ersparte Linke-Politikerin Wagenknecht eine heikle Debatte.

Linker Populismus ist rechtem Populismus zuweilen gefährlich nahe - darüber beim Linke-Parteitag offen zu reden, hätte sich gelohnt. Doch dazu kam es nicht. Der Leitartikel. Mehr...

Atomwaffen

Worte der Hoffnung

Obama: „Aber wir müssen auch den Mut haben, der Logik der Angst zu entkommen und eine Welt anstreben ohne Atomwaffen.“

Barack Obama spricht erneut von einer Welt ohne Atomwaffen. Er weckt damit Erwartungen, die er selbst nicht erfüllen kann. Doch sein Traum könnte ein Ziel für die Menschheit sein. Mehr...

Israel

Netanjahu auf Kollisionskurs

Benjamin Netanjahu hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann.

Israels Regierungschef hat sich mit latent antidemokratischen Kräften verbündet, die er kaum kontrollieren kann. Schlechte Aussichten für einen Siedlungsstopp.  Mehr...

Österreich und die Folgen

Mehr Politik wagen

Von Adenauer bis Merkel: In der Politik herrscht das Geschacher und Kleinklein. Es fehlen die Visionen.

Alle suchen nach Mitteln gegen Rechtspopulisten. Das einfachste ist: Probleme benennen, Lösungen erarbeiten und umsetzen. Oder blumiger: Es sind Visionen nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Ein Sieg des letzten Aufgebots

Van der Bellen wurde nicht nur von Grünen gewählt, auch Konservative gingen für ihn an die Urne, um Hofer zu verhindern.

Die Wahl Alexander van der Bellens zum österreichischen Präsidenten hat das Land nicht grundlegend verändert. Der Kampf gegen die Ultrarechten fängt jetzt richtig an. Der Leitartikel. Mehr...

Politische Rechte

Abgrenzung statt Aufbruch

Von  |
Solidarität nur innerhalb des Volkskörpers: Die AfD ist eine rückwärtsgewandte Partei.

Die in Europa erstarkenden national-konservativen Kräfte sind auch ein Ausdruck alternder Gesellschaften. Die Bewegung eint ein pervertiertes Verständnis von Solidarität. Der Leitartikel.  Mehr...

Türkei

In den Fängen des Autokraten

Der von Erdogan gesteuerte Parlamentsbeschluss ist nicht der erste Willkürakt der vergangenen Monate.

Das türkische Parlament hat sich den Plänen von Präsident Erdogan mit Mehrheit gefügt. Und Europa? Raubt seinem Protest durch den schmutzigen Flüchtlingsdeal die Glaubwürdigkeit.  Mehr...

Griechenland

Was die AfD nicht versteht

Der nächste Protest vor dem Parlament: Griechenland kommt nicht zur Ruhe.

Die Griechenland-Kredite retteten nicht das Land. Sie stabilisierten die Euro-Zone, stützten die Banken und sorgten für einen Macht-Zuwachs für Deutschland. Der Leitartikel. Mehr...

Armenien

Die Lüge von der „Tragödie“

Demonstranten protestieren gegen die Türkei, die den Völkermord an den Armeniern leugnet.

Deutschland ist verpflichtet, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen – und damit die deutsche Beteiligung. Es war keine Tragödie, wie die Türkei behauptet. Der Leitartikel. Mehr...

Armut und Wohlstand

Horrorszenarien prägen die Debatte

Die Schere zwischen Arm und reich geht immer weiter auseinander. Trotzdem helfen Horrorszenarien nicht weiter.

Wer sich von verallgemeinernden Negativprognosen etwa bei der Altersarmut treiben lässt, befeuert diffuse Ängste. Damit treibt er unfreiwillig der AfD die Wähler zu. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige