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Kolumnen

23. August 2015

Kolumne: Opus delicti

 Von Tom Schimmeck

Ein Papst-Porträt aus Parisern. In einem Museum in Milwaukee. Die katholische Geistlichkeit grollt.

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Letzte Woche stand ich in der Kunsthalle von Milwaukee, Wisconsin. Mich lockte nicht das elegante Gebäude, lockten nicht die Klassiker. Sondern ein „Skandal“. Er hängt ganz am Ende eines langen Flurs, bewacht von einer finster blickenden Dame, neben der ein Schild mahnt: „Elterliche Vorschau wird empfohlen. Zeitgenössische Kunst erkundet oft große Fragen“. Man ahnt schon: Das gab richtig Ärger.

Hinter einer Stellwand, endlich, das Werk: „Eggs Benedict“, ein Portrait unseres deutschen Papstes Benedikt XVI alias Ratzinger. Auf den ersten Blick ein Kitschbild aus dem Pilgershop. Das Material macht den Unterschied: Das Bildnis ist gewoben aus 17 000 bunten Latex-Kondomen. So wird die Botschaft ziemlich eindeutig: Fuck you!

Niki Johnson, die Künstlerin aus Milwaukee, hatte 2010 in der Zeitung gelesen, Papst Benedikt habe im Flugzeug nach Afrika unfehlbar verkündet, man könne „das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Kondomen regeln“, ihre Nutzung verschlimmere es vielmehr. Da schwang sich Johnson an ihren Kondom-Webstuhl, um den Botschafter im Gegenstand seiner Botschaft abzubilden. Und so eine neue zu schaffen. Der Ururenkel eines deutschstämmigen Brauereibesitzers, er heißt ausgerechnet Pabst, kaufte den Latex-Benedikt für das Museum, damit dieser dort „seine Arbeit macht“. Schön gesagt.

Es verwundert kaum, dass Milwaukees Erzbischof erbost war ob der Blasphemie im Kunsthaus. Erstaunlicher ist die Freude, die das Gummiwerk auslöst. Neben dem Opus delicti haben viele Besucher, vom Museum ermutigt, Kommentare auf Klebzettelchen befestigt: Lob und Bravos, Zeugnisse von Stolz und Dankbarkeit. Statements wie „Mehr davon!“ oder, ganz handfest: „Don’t be silly, wrap your Willy!“

Die Künstlerin erklärte, nicht Hass habe sie bewegt, sondern der Wunsch, das Kondom zu „entstigmatisieren“. Der Museumsvorstand versicherte, seine Absichten seien „weder verächtlich, spöttisch noch respektlos“. Das ist echt lieb, aber natürlich Blödsinn. Kunst, die mehr sein will als Deko, muss Macht entblößen. Das weiß seit Hans Christians Andersens Märchen vom Kaiser und den neuen Kleidern jedes Kind. 2012 zeigte eine Johannesburger Galerie „Der Speer“ – ein Werk, das Südafrikas Präsident Jacob Zuma in leninesker Pose präsentierte – mit heraushängendem Schwanz. Der ANC schäumte, Getreue marschierten. Doch Macho Zuma, verheiratet mit vier Frauen, Vater von 22 Kindern, hatte sich das Bild hart erarbeitet. Im gleichen Jahr erwischte es Kanadas Premier Stephen Harper. Das Gemälde „Emperor Haute Couture“ zeigt ihn splitternackt auf einer Chaiselongue, vor einer Schar gesichtsloser Anzugmenschen, zu seinen Füßen ein Hund.

Übrigens: Die Erzdiözese Milwaukee trat 2011 vor den Konkursrichter, weil sie sich nicht in der Lage sah, Kosten und Entschädigungen für Hunderte Fälle von Kindermissbrauch zu tragen. Der Rechtsstreit mit den Opfern dauert an. Verhandelt wird über eine Summe von rund 29 Millionen Dollar. 14 US-Erzdiözesen zwischen Alaska und Delaware haben sich seit 2004 wegen einer Unzahl von Missbrauchsfällen für bankrott erklärt.

Und doch schafft es diese Kirche, sich über kritische Kunst zu echauffieren. Über ein Bild, das mir, in diesem Licht, plötzlich sehr artig vorkommt. Kruzifix!

Tom Schimmeck ist Autor.

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