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Kolumnen

06. September 2015

Meinungsumfragen: Triumph der Anti-Politik

 Von 
Sogar die Grünen-Wähler mögen Angela Merkel.  Foto: dpa

Der Unterschied zwischen dem Handeln und den Meinungen der Deutschen ist riesig. Nur so ist der politische Erfolg von von Kanzlerin Angela Merkel zu erklären. Die Kolumne.

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Der Müllmann ist, laut einer aktuellen Umfrage des Beamtenbundes, der Image-Sieger des Jahres: plus 14 Prozent! An der Spitze öffentlicher Zuneigung behauptet sich weiterhin der Feuerwehrmann (95 Prozent), dicht gefolgt von ärztlichem, pflegendem und kinderhütendem Personal. Der Pilot ist im Sinkflug. Lokführer stehen nun – das schmerzt – gleichauf mit Anwälten (57 Prozent). Nur knapp hinter dem Studienrat paradiert wacker der Journalist – mit 47 Prozent. Dann geht es steil bergab in der deutschen Gunst: Manager liegen bei 29, Politiker bei 24 Prozent. Noch tiefer vegetieren nur Mitarbeiter von Telefongesellschaften (19) und Werbeagenturen (15) sowie der gemeine Versicherungsvertreter (12 Prozent).

Andererseits hat jeder Deutsche gefühlt ein Dutzend Versicherungen, mindestens drei Telefonanschlüsse und kauft jeden Mist, den Werber ihm diktieren. Auch seine Begeisterung für Frau Merkel scheint ungebrochen. Selbst 44 Prozent aller Grünen-Wähler sind laut ARD-Deutschlandtrend mit der Bundesregierung zufrieden. Wahrscheinlich hat sich in ihren Hirnen schon ein mittelgroßer Bouffier ausgebildet. Bitte mal Fieber messen.

Überhaupt beschleicht einen der Eindruck, dass sehr viele Leute sehr wenig darüber nachdenken, was sie eigentlich so meinen. Dass sie eine Art politischer Schizophrenie kultivieren. So heißt es ja oft, das Volk hätte die Politik total satt. Rufe stets: Alles Dreck! Alle korrupt! Alsdann wählt es zu aktuell 42 Prozent CDU, juchu!

Politische Schizophrenie

Ist Anti-Politik also nur Attitüde? Anderswo lässt sich mit der Behauptung, kein Politiker zu sein, prima Politik machen. Silvio Berlusconi gewann drei Wahlen mit der Masche. Marine Le Pen wurde bei der letzten Europawahl mit lauter Anti-Politik stärkste Kraft. Ich bin kein Politiker! deklamieren auch Viktor Orbán, Vladimir Putin und – neu im Zirkus – Donald Trump. Der sagt, die in Washington seien „alle dumm. Nicht böse, aber dumm.“ Und die USA schreien: „Hurra!“

Eigentlich, so zeigen Untersuchungen, ist das Vertrauen ins System hierzulande hoch. Wie viel aber lässt sich daraus ableiten? In Skandinavien ist das Systemvertrauen noch größer. Und doch grassiert hier jetzt die Anti-Politik. Norwegens ultrarechte „Fortschrittspartei“ hat ein Comeback erlebt und regiert mit. Wie auch die „wahren Finnen“ und die dänische Volkspartei. Selbst die „Schwedendemokraten“ liegen in Umfragen bei 20 Prozent.

Rund um Deutschland feiern unterschiedliche Varianten der Anti-Politik Triumphe. Rechtspopulisten haben das Gesicht der netten Niederlande verzerrt, auch in Polen, Tschechien und der Schweiz gedeihen erfolgreiche Spielarten. In Österreich taumeln die Haider-Erben mit Sprüchen wie „Mehr Wohnungen statt mehr Moscheen“ von Erfolg zu Erfolg. Im Burgenland koalieren seit Juni sogar die Sozis 2015 mit der FPÖ.


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Sind nur wir immun gegen solchen Quatsch? Oder hat Angela Merkel längst ihre ganz eigene, flüsterleise Spielart der Anti-Politik entwickelt? Womöglich nimmt eine Mehrheit Merkel gar nicht mehr als Politikerin wahr. Weil sie die postdemokratische Müllfrau spielt, die den Menschen zuraunt: „Ich mach’ das schon weg.“

Übrigens haben 60 Prozent wenig bis gar kein Vertrauen in „die Medien“. Und konsumieren sie doch täglich. Was sonst?

Tom Schimmeck ist Autor.

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