Aktuell: Peter Tauber | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

02. März 2016

Nationalismus: Dann seid halt das Volk

 Von 
Wer ist denn jetzt das Volk? Diese Teilnehmer einer Demonstration der rechtsextremen Pegida-Bewegung scheinen sich der Sache sicher zu sein.  Foto: dpa

Das eine „Volk“ kommt nicht ohne das andere aus. Das Wort ist zum rechten Kampfbegriff geworden und dient nur noch der Ab- und Ausgrenzung. Weg damit. Die Kolumne.

Drucken per Mail

„Wir sind das Volk“ schmettert es in Ost und West immer häufiger aus deutschen Kehlen, als gäbe es dafür einen Einkaufsgutschein bei einem Lebensmittelhändler. Was zusammenschweißt, ist das identitätsstiftende Moment der Herkunft, das mit einer kollektiv heraufbeschworenen Bedrohung ein „Wir“ konstruiert, das sich gegen den modernen Internationalismus in Stellung bringt und die eigene Wertigkeit an das Vaterland koppelt. Alleine auf Facebook lassen sich einige Duzend Führer unter dem „Wir sind das Volk“-Label ihre eigene kleine Welt „liken“, in der die aufrechten Volksdeutschen gegen die „Abschaffung ihrer Heimat“ und eine Politik zu Felde ziehen, die ihr geliebtes Land angeblich an Afrika verschenkt.

Mehr dazu

Ohne ausgrenzende Feindbilder kommt der Volksbegriff nicht aus. „Wir sind das Volk“ ist somit auch nicht als Standortbestimmung zu verstehen, sondern als eine ernsthafte Drohung in Richtung all jener, die aus dem völkischen Blut-und Boden-Gedanken entweder per se oder ideologisch ausgeklammert sind. So doziert eine „Wir sind das Volk“-Gruppe („WsdV“) mit immerhin aktuell 8912 „Likes“ von demokratisch gewählten „Volksverrätern“, die in Folge eines „Umerziehungsprogramms nach dem Zweiten Weltkrieg“ dem gemeinen Deutschen zunächst an den Kragen wollten, um ihn zugunsten einer „Asylindustrie“ dann gänzlich abzuschaffen.

Eine andere „WsdV“-Seite (3815 „Likes“) legt sich gar mit der Sudentendeutschen Landsmannschaft an, die in ihrer jüngsten Satzung den „Rechtsanspruch auf die Heimat“ gegen die EU-Grundrechtecharta „in allen ihren Teilen“ ersetzt. „Verzicht ist Verrat! Hier ist Deutschland nicht zu Ende!“, wettert des Wir-Volkes-Stimme und träumt parallel von einem Deutschland in den Grenzen von 1937.

Warnung vor der BRD GmbH

Beinahe verkannt mit 248 „Likes“ ist eine Gruppe, die friedensbewegt anmutet, den Volksgedanken als einzige konsequent zu Ende denkt. „Solange wir Träume haben, leben wir“, heißt es zart-blau untermalt und ästhetisch angelehnt an die Seiten, die mit einer Esoterik-Folklore ihren Nationalismus verschleiern. Verschleiert wird hier jedoch nichts: „Warnung vor allen Parteien der BRD GmbH, alle diese Parteien dienen einem dämonischen System, dieses wird Demokratie genannt“, meint Thomas P., Hauptautor und seines Zeichens König des „Königreich Preußen“.

Preußen als Teil des Deutschen Reiches passt soweit noch ins Konzept; dass Thomas P. sich mittlerweile auch zum amtierenden Kaiser des „Staatenbundes Königreich Wedenland / Deutsches Reich“ ernannt hat, stößt zumindest der völkischen Gemeinde Neuhaus übel auf. Neuhaus selbst hat sich bereits 2013 von der „BRD als Besatzungskonstrukt“ verabschiedet und beruft sich seither auf die Verfassung Preußens von 1850. Den Emporkömmling Thomas P. erkennen sie als Kaiser nicht an, kategorisieren ihn mitsamt seines Reiches lediglich als „Verein im Handelsrecht“.

Der wiederum zeigt den „Verrätern gegenüber denjenigen, die vorneweg gegangen sind, um das deutsche Volk zu retten“, die klare Kante: An der Tafelrunde des Deutschen Reiches könne nur Platz haben, wer sich an den guten Sitten orientiert. Soweit ein Konflikt, der nach ärztlicher Betreuung verlangt, jedoch offenbart, wo die „Wir sind das Volk“-Parole hingehört: auf die Müllhalde der Geschichte.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Katja Thorwarth ist Autorin und Redakteurin der Online-Redaktion der FR.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Deutsche Banken

Wenn die Deutsche Bank wankt

Von  |
Nicht mehr die Macht der Deutschen Bank bedroht die Gesellschaft, sondern ihre Schwäche.

Heute bedroht nicht die Macht der Finanzkonzerne die Gesellschaft, sondern ihre Schwäche. Ihr Fall könnte die gesamte Volkswirtschaft mit in die Tiefe reißen. Der Leitartikel.  Mehr...

Fremdenfeinde

Die Hassgesänge werden lauter

AfD-Plakat: "Jeder kann sich mal im Ton vergreifen".

Immer hörbarer werden die Stimmen der gesellschaftlichen Klimavergifter, immer brutaler die Angriffe ihrer Anhänger. Doch noch sind die Storchs, Kudlas, Broders nicht die Mehrheit. Der Leitartikel.  Mehr...

US-Wahl

Washington wird künftig mehr verlangen

Nach der ersten Redeschlacht hat Hilary Clinton den Vorteil auf ihrer Seite.

Clinton hat das TV-Duell, aber nicht die Wahl für sich entschieden. Sie wäre für Deutschland und die anderen EU-Staaten der bessere Partner. Die US-Politik wird sich ohnehin ändern. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Jenna Behrends

Überfällige Sexismus-Debatte in der CDU

Der Berliner CDU-Landesparteichef Frank Henkel weiß, wie er mit seinen Parteikolleginnen umzugehen hat.

Sexismus ist nichts, was die Berliner CDU exklusiv für sich beansprucht. Er findet sich in Parteien, Unternehmen und Verbänden. Eine breite Debatte darüber ist lange überfällig. Der Leitartikel. Mehr...

Koalition

Kaum Hoffnung für Rot-Rot-Grün

Etwas rot und etwas grün. Das gibt eine scharfe Mischung.

Rot-Rot-Grün könnte im Bund eine Machtalternative sein. Doch noch sind die Differenzen der drei Parteien zu groß. Das lässt die Chancen einer erneuten großen Koalition wachsen. Der Leitartikel. Mehr...

Labour-Partei in Großbritannien

Der Kampf des Jeremy Corbyn

Von Sebastian Borger |
Freut sich über seinen Wahlsieg: Jeremy Corbyn.

Die Labour-Partei macht es sich unter dem in seinem Amt bestätigten Vorsitzenden Corbyn in der linksradikalen Nische bequem. Dabei wäre wirksame Opposition bitter nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Erbschaftssteuer

Unternehmer-Lobby leistet gute Arbeit

Wenn es ums Erben geht, sind manche ein bisschen gleicher als andere.

Die „Reform“ der Erbschaftssteuer steht. Sie wird einige wenige Unternehmen stärker belasten, die meisten nicht. Was für ein Verständnis von gleichen Pflichten für alle steckt dahinter? Der Leitartikel.  Mehr...

Russland

Darf Putin sich freuen?

Noch ist offen, ob Wladimir Putin einen Sieg oder einen Pyrrhussieg errungen hat.

Einiges Russland siegt bei der Dumawahl. Doch kaum ein Oppositioneller schafft es ins Parlament. Das beschädigt die Legitimität des Systems. Der Leitartikel. Mehr...

CDU/CSU

Preiswürdige Sandkastenpolitik

Kanzlerin Merkel (CDU) und Seehofer (CSU) in trauter Uneinigkeit.

Die CSU mag nach der Entschuldigung der Kanzlerin Genugtuung verspüren, Merkel den Vorgang als notwendiges Übel abbuchen. Aber preiswürdig ist all das nicht. Im Gegenteil. Der Leitartikel.  Mehr...

Berlin-Wahl

Merkels Konzept ist erledigt

Hat Kanzlerin Merkel der AfD den Zünder für ihren Aufstieg geliefert?

Das Wahlergebnis von Berlin beendet Kanzlerin Merkels Strategie. Nun wird wieder gestritten über Themen, deren Lösung nicht mehr alternativlos ist. Der Leitartikel.  Mehr...

Anzeige