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Kolumnen

02. März 2016

Nationalismus: Dann seid halt das Volk

 Von 
Wer ist denn jetzt das Volk? Diese Teilnehmer einer Demonstration der rechtsextremen Pegida-Bewegung scheinen sich der Sache sicher zu sein.  Foto: dpa

Das eine „Volk“ kommt nicht ohne das andere aus. Das Wort ist zum rechten Kampfbegriff geworden und dient nur noch der Ab- und Ausgrenzung. Weg damit. Die Kolumne.

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„Wir sind das Volk“ schmettert es in Ost und West immer häufiger aus deutschen Kehlen, als gäbe es dafür einen Einkaufsgutschein bei einem Lebensmittelhändler. Was zusammenschweißt, ist das identitätsstiftende Moment der Herkunft, das mit einer kollektiv heraufbeschworenen Bedrohung ein „Wir“ konstruiert, das sich gegen den modernen Internationalismus in Stellung bringt und die eigene Wertigkeit an das Vaterland koppelt. Alleine auf Facebook lassen sich einige Duzend Führer unter dem „Wir sind das Volk“-Label ihre eigene kleine Welt „liken“, in der die aufrechten Volksdeutschen gegen die „Abschaffung ihrer Heimat“ und eine Politik zu Felde ziehen, die ihr geliebtes Land angeblich an Afrika verschenkt.

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Ohne ausgrenzende Feindbilder kommt der Volksbegriff nicht aus. „Wir sind das Volk“ ist somit auch nicht als Standortbestimmung zu verstehen, sondern als eine ernsthafte Drohung in Richtung all jener, die aus dem völkischen Blut-und Boden-Gedanken entweder per se oder ideologisch ausgeklammert sind. So doziert eine „Wir sind das Volk“-Gruppe („WsdV“) mit immerhin aktuell 8912 „Likes“ von demokratisch gewählten „Volksverrätern“, die in Folge eines „Umerziehungsprogramms nach dem Zweiten Weltkrieg“ dem gemeinen Deutschen zunächst an den Kragen wollten, um ihn zugunsten einer „Asylindustrie“ dann gänzlich abzuschaffen.

Eine andere „WsdV“-Seite (3815 „Likes“) legt sich gar mit der Sudentendeutschen Landsmannschaft an, die in ihrer jüngsten Satzung den „Rechtsanspruch auf die Heimat“ gegen die EU-Grundrechtecharta „in allen ihren Teilen“ ersetzt. „Verzicht ist Verrat! Hier ist Deutschland nicht zu Ende!“, wettert des Wir-Volkes-Stimme und träumt parallel von einem Deutschland in den Grenzen von 1937.

Warnung vor der BRD GmbH

Beinahe verkannt mit 248 „Likes“ ist eine Gruppe, die friedensbewegt anmutet, den Volksgedanken als einzige konsequent zu Ende denkt. „Solange wir Träume haben, leben wir“, heißt es zart-blau untermalt und ästhetisch angelehnt an die Seiten, die mit einer Esoterik-Folklore ihren Nationalismus verschleiern. Verschleiert wird hier jedoch nichts: „Warnung vor allen Parteien der BRD GmbH, alle diese Parteien dienen einem dämonischen System, dieses wird Demokratie genannt“, meint Thomas P., Hauptautor und seines Zeichens König des „Königreich Preußen“.

Preußen als Teil des Deutschen Reiches passt soweit noch ins Konzept; dass Thomas P. sich mittlerweile auch zum amtierenden Kaiser des „Staatenbundes Königreich Wedenland / Deutsches Reich“ ernannt hat, stößt zumindest der völkischen Gemeinde Neuhaus übel auf. Neuhaus selbst hat sich bereits 2013 von der „BRD als Besatzungskonstrukt“ verabschiedet und beruft sich seither auf die Verfassung Preußens von 1850. Den Emporkömmling Thomas P. erkennen sie als Kaiser nicht an, kategorisieren ihn mitsamt seines Reiches lediglich als „Verein im Handelsrecht“.

Der wiederum zeigt den „Verrätern gegenüber denjenigen, die vorneweg gegangen sind, um das deutsche Volk zu retten“, die klare Kante: An der Tafelrunde des Deutschen Reiches könne nur Platz haben, wer sich an den guten Sitten orientiert. Soweit ein Konflikt, der nach ärztlicher Betreuung verlangt, jedoch offenbart, wo die „Wir sind das Volk“-Parole hingehört: auf die Müllhalde der Geschichte.

Katja Thorwarth ist Autorin und Redakteurin der Online-Redaktion der FR.

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