Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

17. Februar 2016

Religion: Die Vergöttlichung des Patriarchats

 Von 
Paulus sagt zur Frau: "Ordne dich deinem Mann unter. Tu es."  Foto: imago/Eibner

Es sollte nicht unterschätzt werden, wie weit die Indoktrination des christlichen Abendlandes geht. Aufschluss gibt ein Eheseminar auf Bibel.tv zur Rolle der Frau. Die Kolumne.

Drucken per Mail

Zwei Halbwüchsige unterhalten sich in einem Frankfurter Stehimbiss: „Jetzt glaub’s mir, Alter. Die Frau ist aus einer Rippe vom Mann entstanden.“ „Echt jetzt?“ „Ja, echt Mann, aus einer Rippe – das ist doch voll krass.“ Das ist in der Tat voll krass. Noch krasser ist allerdings, dass es die Indoktrination des christlichen Abendlandes in den Kopf eines Jungen schaffte, der eine Kirche vermutlich noch nie von innen gesehen hat.

Aber vielleicht hat er stattdessen Bibel.tv geschaut. Dort erläutert Pastor Cochlovius im Kontext eines Eheseminars die göttlich zugewiesenen Unterschiede von Mann und Frau. Seine Darstellung einer „wundervollen, gottgewollten Ergänzung“ reichert er mit einer Typologie an, die die geschlechtsspezifischen „Befähigungen und Begrenzungen“ verständlich an alle transportiert, denen in ihrem Ehekrieg die Argumente ausgegangen sind.

Eckpfeiler des Patriarchats

„‚Siehe, es war sehr gut‘ – nachdem die Frau erschaffen war, nennt Gott die Schöpfung sehr gut. Das ist doch schön, ein Kompliment für die Frauen“, befindet der Pastor, um mit der „Aneignung von Wirklichkeit“ in männlich-weibliche Begabungen einzuführen: „Männer nähern sich der Wirklichkeit gedanklich, …, sie leben nicht im Hier und Heute“, während der Frau mit ihrem „intuitiven Zugang“ ein stärkerer Realismus inne sei: „Sie kommt mit den Alltagsherausforderungen viel besser zu Recht, …, sie kann Probleme erriechen.“ Für die Fragen des Alltags sei die Frau hingegen nicht gemacht. Alles fließe ganzheitlich und so unmittelbar in ihre Seele, dass ihr Chaos-Köpfchen keine passende Antwort parat, hoffentlich jedoch einen Mann an ihrer Seite habe, der sie linear durch die Tücken des Alltags führt.

Sogar einen wie den Pastor Cochlovius, der über die vermeintlichen Unterschiede der Geschlechter die Eckpfeiler des Patriarchats vergöttlicht. So unterscheidet er nicht ungeschickt zwischen Alltagsfragen- und Herausforderungen, wobei erstem intellektuell, zweitem intuitiv beizukommen sei, sich also Erdenken und Erriechen als Handlungsmodelle gegenüberstehen. Doch mögen sich die Damen nicht auf den Schlips getreten fühlen, immerhin ist eine der stärksten weiblichen Befähigungen die Gleichzeitigkeit ihrer Aktionen: Multitasking als Gottesgeschenk, selten wurde so charmant der Status quo in der Rollenverteilung zementiert. Die Eigenstabilität der Frau ist eine weitere Gabe des Schöpfers, freut sich Cochlovius: „Dem Mann wurde etwas weggenommen, als Gott die Frau erschuf. Sie ist (als Rippe des Mannes) unverletzt“ – und ergo der Mann „von Gott hilfsbedürftig gemacht“. Als Rippe könnte die Frau das schlechte Gewissen plagen, dämmerte ihr nicht mit der Kraft des Erriechens, worauf der Pastor hinaus will.

Die Frau hat den Mann in seiner Verletzlichkeit als empathisches Korrektiv zu ergänzen, obwohl sie sich selbst vor lauter ganzheitlicher Emotionalität nicht zu schützen vermag. Das übernimmt ihr Held: „Wir können eine Sachlichkeit ausstrahlen, die für Frauen sehr wohltuend ist“, sagt der Pastor, um noch klarzustellen, was das Weib am Herd nicht immer wahrhaben will. „Paulus sagt: ‚Ordne dich deinem Mann unter‘. So, dass du auf ein Beherrschen wollen gegenüber ihm verzichtest.“ Diese sachliche Handlungsanweisung ist tatsächlich wohltuend: Die Jungs sollten aber besser bei Youtube bleiben.

Katja Thorwarth ist Autorin und Redakteurin der Online-Redaktion der FR.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


US-Wahl

Welches Amerika?

Von  |
Hätte als erste Frau das Präsidentenamt inne: Hillary Clinton.

Mit den Präsidentschaftskandidaten Trump und Clinton stehen die USA vor einer Richtungswahl, die einen zittern lässt. Obsiegen Hass und Angstmache oder setzt sich der Optimismus durch?  Mehr...

Pressekonferenz

Merkel singt weiter Schlaflieder

Verteidigt weiter den Flüchtlingsdeal mit der Türkei: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Angela Merkel für die aktuellen Krisen verantwortlich zu machen, wäre falsch. Allerdings ist sie auch nicht in der Lage, ein Signal des Aufbruchs zu setzen. Der Leitartikel. Mehr...

Terrorangst

Vom Umgang mit der Angst

Von  |
Anspannung statt Angst: Viele Menschen hadern im Umgang mit den sich häufenden Anschlägen.

Die Sehnsucht nach einer Politik, die aufräumt, gleicht einer Übersprungshandlung in einer Situation, in der wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen. Der Leitartikel. Mehr...

Rente

Sorgt Gleichheit für mehr Gerechtigkeit?

Mauer weg, Ungleichheiten nicht: Bezogen auf die Rente herrscht noch immer ein Gefälle zwischen Ost und West.

Bis heute werden die Renten in West und Ost unterschiedlich berechnet. Das will die Bundesregierung jetzt ändern. Aber sorgt sie damit automatisch für mehr Gerechtigkeit? Mehr...

Attentate in Deutschland

Die hypnotische Wirkung des Grauens

Eine Frau sitzt nach dem Amoklauf in München auf den Treppenstufen vor dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ).

Das Grauen ist nach den jüngsten Attentaten in Deutschland kein abstraktes Fernsehbild mehr, sondern schleicht sich in unser Leben. Dennoch dürfen wir nicht in einen Ausnahmezustand ohne Ende verfallen. Der Leitartikel. Mehr...

München und Ansbach

Das Märchen von der Sicherheit

Von  |
Der Amoklauf in München erfordert eine andere Diskussion als ein Terroranschlag des "IS".

Der Wunsch, alle Risiken zu vermeiden, ist menschlich. Aber wenn Politiker selbst nach München, Würzburg oder Ansbach so tun, als wäre das möglich, machen sie uns etwas vor. Der Leitartikel.  Mehr...

Donald Trump

Grand Old Party vor dem Ende

Von  |

Als wären sie von Sinnen, sind die Republikaner Trumps Parolen aufgesessen. Die Partei von Abraham Lincoln ist zum Wahlverein eines Populisten ersten Ranges verkommen. Der Leitartikel. Mehr...

Erdogan

Die Türkei produziert Flüchtlinge

Ein Land droht zu zersplittern: Eine Statue erinnert in Ankara an türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, während die demokratischen Werte in dem Land zunehmende zu verschwinden drohen.

Die Türkei ist kein Land mehr, das Flüchtlinge aufnimmt. Sie ist ein Land, das Flüchtlinge produziert. Wollen wir denen, die zu uns kommen, sagen, die Türkei sei ein sicheres Herkunftsland? Mehr...

Terrorismus

Gefährliche Angst

Anti-Terror-Einsatz in Molenbeek: "Wenn die Angst zur Hysterie wird, haben die Terroristen gewonnen".

Es ist immer noch wahrscheinlicher, in Europa an einer Pilzvergiftung zu sterben als an einem Anschlag. Das eigentlich Bedrohliche ist die gefühlte Gefahr. Der Leitartikel.  Mehr...

Asylpolitik

Die schwarz-grüne Chemie

Der hessische Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU, M), Finanzminister Thomas Schäfer (CDU, l.) und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne, r.).

Die hessische Erfahrung zeigt, dass Union und Grüne zusammen regieren können. Aber ginge das auch im Bund? In der Asylpolitik könnte sich zeigen, ob sie zueinander finden. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige