Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

18. Januar 2016

Solidaritätszuschlag: Flüchtlinge fördern statt rechte Dumpfbacken

 Von 
Unser Autor fordert ein Umdenken: Solidaritätszuschlag für Flüchtlinge statt für die Dumpfbacken in den Pegida-Hochburgen.  Foto: dpa

Der Solidaritätszuschlag sollte Flüchtlingen helfen, statt Dumpfbacken, die "Deutschland den Deutschen" grölend durch blühende Landschaften ziehen. Mit irgendwelchen Drecksgidas bin ich nicht solidarisch. Die Kolumne.

Drucken per Mail

Eigentlich bedeutet mir Geld nicht viel. Ich bin sogar ein ziemlich freigiebiger Mensch. Unlängst bemerkte ich das wieder, als eine Schwäbin schlagartig blass wurde und dann sofort rote Pusteln bekam, nur weil ich nach einem Essen der Tischrunde vorgeschlagen hatte, jeder solle doch einfach Geld auf den Tisch legen, am Ende werde das schon irgendwie passen. Die Schwäbin schnaufte wie eine kleine dicke Dampflokomotive und bestand mit bebenden Lippen auf getrennte Rechnungen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie so mehr bezahlte, doch sie hatte Klarheit. Das war ihr wichtig.

Klarheit! Ich geh’ doch nicht in die Kneipe, um hinterher klar zu sein! Manchmal jedoch werde auch ich zum Kleinkrämer. Und zwar immer, wenn Post vom Finanzamt kommt. Ich zahle prinzipiell gerne Steuern, denn ich weiß, dass ein Staat eine Menschengemeinschaft ist und jeder Einzelne dafür bezahlen muss. Zur großen dicken Dampflok werde allerdings ich, und zwar beim Anblick der Ziffern 5,5. Sie kennen das, das ist der Prozentsatz des „Solidaritätszuschlags“. Seit der sogenannten Wiedervereinigung muss ich 5,5 von Hundert meines Einkommens zwangslatzen. Ich wollte das noch nie, zumal ich nie wiedervereinigt werden wollte. Aber was soll man machen.

Suche nach Perlen im Scheißhaufen

Doch in letzter Zeit rumort es immer mehr in mir. Solidaritätszuschlag! Mit wem soll ich denn solidarisch sein? Mit den Dumpfbacken, die durch von mir finanzierte blühende Landschaften ziehen und „Deutschland den Deutschen“ grölen? Mit Pegida, Legida und all den anderen Drecksgidas? Es ist höchste Zeit, diesen Schwachsinn zu überdenken. Ja, ich weiß, es gibt auch andere in der ehemaligen DDR. Aber wo sind sie? Immer, wenn ich in Dresden bin, muss ich sie suchen. Das fällt mir nicht schwer, denn ich weiß, wo sie wohnen und in welche Kneipen sie gehen. Aber ich muss sie suchen. Wie Perlen in einem national befreiten Scheißhaufen. Im Westen ist es umgekehrt. Ich weiß, man soll die armen Wutbürger nicht beschimpfen. Aber ich bin wütend auf dieses Pack.

Ich bin gerne solidarisch. Aber nicht mit Menschen in Gegenden, in die sich dunkelhäutige Freunde nicht mehr zu reisen trauen. Aber mit solchen, die mein Geld dringend benötigen. Deswegen mein Vorschlag: Solizuschlag umwidmen. 5,5 Prozent unser aller Einkommen an Flüchtlinge und Asylsuchende. Zu verwenden für menschenwürdige Unterkünfte, für Deutschkurse, für Bildung, für Ausbildung. Um diesen Menschen nicht nur ein dürftiges Dach über dem Kopf zu bieten, sondern eine neue Perspektive für ihr Leben. Hier bei uns, mitten unter uns, mit uns. Womöglich, ziemlich sicher sogar, würden sich damit viele andere Probleme wie von selbst erledigen.

Arbeitsplätze würden geschaffen, für Zugezogene wie für Alteingesessene. Stigmatisierungen aufgehoben, Städte belebt und schreiende Pegidamäuler gestopft. Widerstand durch Wohlstand. Und womöglich würde auch durch leergefegte Landstriche wie Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Wind wehen. Weil kluge Köpfe dort blieben und ihre Heimat nicht den Hohlbirnen überließen. Und weil vielleicht auch für die ein Quäntchen Bildung abfiele – und damit Toleranz. Und: Zögen dann noch tausend Frustrierte zum Kölner Hauptbahnhof, um dort ihr Unwesen zu treiben? Ich bezweifle es.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Bundeswehrsoldaten in Incirlik

Erdogan schlägt zurück

Von  |
Der türkischen Präsidenten Tayyip Recep Erdogan deutschen Politkern weiter einen Besuch der Bundeswehrsoldaten in Incirlik.

Berlin und Ankara mühen sich, den Streit über den Besuch von Abgeordneten bei Bundeswehrsoldaten in Incirlik beizulegen. Das ist nicht einfach, sollte aber möglich sein. Der Leitartikel. Mehr...

Angela Merkel

Merkels sinnloser Appell

Von  |
Kanzlerin  Merkel hat von türkischstämmigen Deutschen Loyalität eingefordert.

Loyalität zum Staat ist notwendig und gut. Aber durch Aufforderungen wie die der Kanzlerin ist sie sicher nicht zu erreichen. Für den Zusammenhalt braucht es viel mehr. Der Leitartikel. Mehr...

Burkini-Urteil

Ein Funken Vernunft im emotionalen Dunkel

Von  |
Teilnehmerinnen einer Protestveranstaltung vor der französischen Botschaft in London. 

Das begrüßenswerte Burkini-Urteil bringt Frankreich keinen Rechtsfrieden. Dazu müssten Politiker die wahren Probleme lösen, statt auf Nebenkriegsschauplätze auszuweichen.  Mehr...

Südafrika

Das Ende einer Ära

ANC-Parteichef Jakob Zuma.

Wahlniederlagen des ANC haben die Partei Nelson Mandelas geschockt. Nun steht Südafrika vor stürmischen Zeiten. Der ANC wird mit allen Mitteln die verbliebene Macht verteidigen. Der Leitartikel.  Mehr...

Zivilschutz

Von Angstpolitik profitieren die Populisten

Erstaunlich, dass ein paar nicht mal ganz neue Tipps zur Vorratshaltung eine solche  mediale Erregungsspirale  auslösen können.

Demokraten müssen aufhören, die rechte Politik der Angst zu imitieren. Die Gesellschaft kann sich nicht gegen jedes Risiko schützen, sie kann aber Schwächen erkennen und beseitigen. Der Leitartikel.  Mehr...

Volkswagen

Falsche Unterstützung

Die Bänder rollen wieder: Volkswagen hat sich mit dem Zulieferer Prevent geeinigt.

Politiker haben sich im Streit zwischen Volkswagen und Prevent einseitig aufi die Seite des Konzerns geschlagen. Dieses Fehlverhalten gefährdet das Projekt VW. Der Leitartikel.  Mehr...

AfD-Erfolge

Gegen die AfD hilft Geduld

Einfach Antworten: Die AfD geizt nicht mit populistischen Slogans auf ihren Wahlplakaten.

Unbeeindruckt von innerparteilichen Streitereien feiert die AfD Erfolge. Panischer Antipopulismus von anderen Parteien hilft dagegen nicht. Besser ist geduldiges Argumentieren. Der Leitartikel. Mehr...

Olympia

Die Schatten von Rio

Abschied von Rio.

Die Olympischen Spiele in Rio verdeutlichen: Das IOC ist genauso reformbedürftig wie das Gastgeberland Brasilien. Für saubere Wettkämpfe muss sich viel ändern.  Mehr...

Flüchtlinge

Volksabstimmung eigener Art

Geflüchtete 2015 in Wegscheid (Bayern).

Die Aufnahme von mehr als einer Million Geflüchteten ist mühsam, aber dank der Hilfe von Freiwilligen zeichnet sich ab: Deutschland schafft das. Der Leitartikel.  Mehr...

Russland

Der Schwan der Freiheit

August 1991: Der russische Präsident Boris Jelzin (l.) erlebt während des Putsches gegen Gorbatschow seine große Stunde.

Vor 25 Jahren vereiteln Boris Jelzin und seine Mitstreiter in Russland einen Putsch. Doch an diesen Sieg der Demokratie erinnert sich heute kaum noch jemand.  Mehr...

Anzeige