Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kolumnen

09. August 2015

USA : Zurück in Amerika

 Von 
Szene aus dem Eastwood-Film "American Sniper".  Foto: dpa

Ich mag die USA. Obschon sie mich wahnsinnig machen. Und fürchte den Zorn, der alles vergiftet. Eine Kolumne.

Drucken per Mail

So viel Gefühl. Ein mir völlig unbekannter Jimmy singt „I will always love you.“ Die Karaoke-Bar bebt. Gänsehaut. Gestern gab es hier das Kontrastprogramm: ein blasser Bursche quälte sich durch „American Soldier“, einen Song über Pflicht, Stolz, Ehre und Tod. Klebriger Kitsch, der ungewollt offenbart, was falsch läuft hier. Und klingt wie die Kriegs-Sprüche in meinem Lateinbuch: „Süß und ehrenhaft ist es, fürs Vaterland zu sterben.“ Jetzt heißt es: „Cause freedom don’t come free.“ Draußen sind 42 Grad.

Willkommen in den USA. Vor knapp 30 Jahren kam ich zum ersten Mal nach Las Vegas. Die Roulette-Kugeln rollen noch immer, die einarmigen Banditen rattern, an jeder Ecke das unverändert kommerzielle Konzept von Spaß: Alk, Spiel, Show und Sex. In meinem gemütlich verschrammten Hotelcasino verkleidet sich manchmal ein Croupier als Elvis.

Damals war Ronald Reagan Präsident. Und hier, auf dem Dach eines Parkhauses, feierten Freunde aus aller Welt: „Contras“ aus Nicaragua, afrikanische Schlächter, afghanische Mudschahedin. Einer stand bei einer Waffenschau in der Wüste neben mir, in weißen Pluderhosen, und stöhnte bei jeder Explosion vor Glück. Wahrscheinlich hat er später mit Bin Laden Tee getrunken. Man soll keine Weltpolitik machen, wenn man die Welt so gar nicht versteht. Nun bellt Donald Trump auf allen Kanälen und testet die nationalen Reflexe. Er will Präsident werden – unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar. Das Kandidatengedrängel bei den Republikanern spiegelt ihre Konfusion: Gottesanbeter, Geschäftsleute, Superpatrioten und Libertäre sind aus unterschiedlichen Motiven rechts.

XXL dominiert das Straßenbild

Alles Routine? Im Flieger endlich „American Sniper“ geguckt, Clint Eastwoods deprimierendes Machwerk über einen Scharfschützen im Irak. Das aber, genauer betrachtet, doch auch die Verrohung der Volksseele zeigt. Auf den Monitoren über der Einreise-Schlange laufen Breaking News vom neuesten Amoklauf. XXL dominiert das Straßenbild. Am Frühstücksbuffet meines Billighotels gibt es nichts ohne Zucker. Doch: einen Apfel. Der Teller aus Styropor knistert wie Bauschaum.

Was sich geändert hat? Politik scheint käuflicher denn je, die politische Kultur ersäuft in Onkel Dagoberts Geldspeicher. George Washington (1757) soll in seine Wahlkampagne 195 Dollar investiert haben. John F. Kennedy (1960) setzte 9,8 Millionen ein, Bill Clinton (1992) 92,9 Millionen; die Wiederwahl des Barack Obama (2012) kostete etwa eine Milliarde Dollar. „Ein kleiner Kader superreicher Amerikaner dominiert die Spendensammlung“, meldet mit Blick auf das Wahljahr 2016 – nein, nicht „Russia Today“, sondern die „Washington Post“.

Zweitens: Der Tonfall. Er verschärft sich weiter. Trump ist nur Symptom. Man schreit sich schon sehr lange an. Während der Glaube an den amerikanischen Traum schwindet. Weil seit Jahrzehnten nur eine winzige Minderheit Kasse macht. Die Masse wirkt eher traumatisiert – von den Kriegen in aller Welt und den hasserfüllten Grabenkämpfen daheim. Die USA haben PTSD, die posttraumatische Stress-Krankheit. Obama konnte sie nicht lindern. Es ist der Zorn, der alles vergiftet.

Um mich herum aber lachen sie. Würfel fallen, Trümpfe stechen, das Glücksrad rotiert. „Noch ein Bier?“, fragt der Kellner. Es schmeckt köstlich.

Tom Schimmeck ist Autor.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Brexit

Letzte Chance für die Europäische Union

Von  |

Der Brexit könnte der Anfang vom Ende der EU sein. Um das zu verhindern, müssen die Verantwortlichen die Politik radikal ändern und endlich ein demokratisches und gerechtes Europa schaffen. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Niels H

„Es handelt sich um keinen Einzelfall“

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. muss sich wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs vor dem Oldenburger Landgericht verantworten.

Der Fall Niels H. zeigt: Klinische Leichenschauen sind in Deutschland rar. Weil die Kosten dafür niemand tragen will, bezahlen die Patienten von Fall zu Fall mit ihrem Leben. Mehr...

Leitartikel

Das Ende der Volksbühne

Von Ulrich Seidler |

Theaterchef Frank Castorf soll gehen. Das ist in Ordnung. Nachfolger Chris Dercon wird das bisherige Gesamtkunstwerk verändern. Das ist schade.  Mehr...

EZB

Der Frust der Sparer bleibt

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).

Das Bundesverfassungsgericht stärkt mit seiner bemerkenswerten Zurückhaltung die Währungsunion. Was bleibt, ist der Frust der Sparer über die dürren Zinsen. Der Leitartikel. Mehr...

SPD

Überlebenskampf der Sozialdemokratie

Oft scheint bei SPD-Chef Gabriel derzeit die Symbolik im Vordergrund zu stehen.

SPD-Chef Gabriel nährt Spekulationen über eine linke Machtoption. Nur auf die Frage, wozu die SPD wirklich gebraucht wird, gibt ihr Vorsitzender keine Antwort. Der Leitartikel. Mehr...

Brexit-Debatte

Die Insel-Tragödie

Von Barbara Klimke |
Auf dem Spiel stehen Austausch, Ausgleich und Aussöhnung auf dem Kontinent.

Großbritannien läuft Gefahr, sich vom Kontinent nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich und intellektuell zu entkoppeln. Mehr...

Spanien

Das Ende der Siesta

Pablo Iglesias übt sich schon in der Rolle des Staatschefs.

So geht es nicht weiter. Spaniens Politiker haben sich ein halbes Jahr Pause gegönnt. Nach den Neuwahlen am 26. Juni müssen sie sich endlich an die Arbeit machen. Der Leitartikel.  Mehr...

Syrien

Assads blutiger Plan

Der syrische Diktator nutzt im Bürgerkrieg die Zurückhaltung der USA und die Ohnmacht der EU. Iran und Russland unterstützen ihn. Die Folge: Der blutige Konflikt geht weiter. Der Leitartikel.  Mehr...

Wirtschaftskrise

Warnsignal vom Finanzmarkt

Wirtschaftsstandort London. Die Weltwirtschaft steckt in einer tiefen Krise.

Dass Sparer draufzahlen und der Staat für das Schuldenmachen Geld bekommt, hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Die Entwicklung zeigt eine tiefe Krise der Weltwirtschaft. Der Leitartikel. Mehr...

Sexualstrafrecht

Nein heißt Nein

Gina-Lisa Lohfink sollte eine Geldstrafe wegen Falschaussage zahlen. Dagegen hat das Modell Berufung eingelegt.

Der Fall Gina-Lisa Lohfink zeigt: Das deutsche Sexualstrafrecht muss endlich reformiert werden. Dann ist jeder nicht-einvernehmliche Sex strafbar. Der Leitartikel.  Mehr...

Anzeige