Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kommunalwahl in Hessen
Die Kommunalwahl am 6. März 2016: Berichte, Interviews, Ergebnisse

13. März 2016

Rechtsradikale: Wut im Hinterland

 Von 
Büdingen.  Foto: peter-juelich.com

In Altenstadt und Büdingen hat die NPD viele Wähler gewonnen. Vor Ort äußern viele Ratlosigkeit, aber auch rechte Parolen.

Drucken per Mail

Der alte Mann sagt, angefangen habe das doch alles schon vor Jahren. Mit dem Euro. Damals habe sich auf einen Schlag seine Rente halbiert, weil alles in Euro genauso viel gekostet habe wie vorher in D-Mark. „Und so ging das laufend weiter.“ Der alte Mann trägt Baseballcap und Schnurrbart, Kältetränen rinnen aus seinen geröteten Augen. Er redet schneller, schimpft auf die „Scheißpolitik“, die nie das Volk nach seiner Meinung frage, auch jetzt nicht, wo die Flüchtlinge kämen. „Es wird alles von oben entschieden, und wir werden immer weiter beschissen.“ Er selbst würde nie NPD wählen, sagt er dann. „Aber als Warnschuss ist das mal ganz manierlich. Jetzt sind sie alle wach.“ Und sonst wären ja wohl auch kaum Reporter aus Frankfurt in Altenstadt, um mal mit den Leuten zu sprechen.

Mit dem letzten Punkt hat der alte Mann ohne Frage recht. Altenstadt und Büdingen, die ländliche Gemeinde und die mittelalterliche Kleinstadt in der Wetterau, machen gerade Schlagzeilen, weil die rechtsextreme NPD hier bei der Kommunalwahl sagenhafte Erfolge erzielt hat. Zehn Prozent der rund 4500 Wähler in Altenstadt und 10,2 Prozent der 8500 Wähler in Büdingen haben ihr Kreuz bei den Rechtsextremen gemacht. Bei der Wahl vor fünf Jahren waren es jeweils unter zwei Prozent, obwohl es immer rechte Strukturen gab in der Wetterau. Die rechtspopulistische AfD ist in beiden Gemeinden nicht angetreten. In manchen Stadtteilen von Büdingen kommt die NPD dafür annähernd auf 20 Prozent der Stimmen. Fast möchte man sagen: Sie ist Volkspartei im hessischen Hinterland.

Auf den ersten Blick liegt Altenstadt an diesem Vormittag dennoch harmlos in der Vorfrühlingssonne. In der Mitte des Kreisverkehrs auf der Hauptstraße werden hölzerne Osterhasen aufgestellt, die sanierten Fachwerkhäuser könnten jeden Hochglanz-Katalog schmücken. Beim Schlachter verkaufen sie Fleischkäse, in der Apotheke lässt eine Frau sich Hustenbonbons empfehlen. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich: Das Wahlergebnis lässt Altenstadt nicht kalt. „Ich kann’s mir nicht erklären und bin total entsetzt“, sagt Erika Weickert, die mit einem Einkaufskorb in der Hand die Hauptstraße entlanggeht. Seit Sonntag werde Altenstadt im Fernsehen rechte Hochburg genannt, furchtbar sei das. Sie selber, sagt Weickert, unterstütze die CDU. Sie schüttelt ratlos den Kopf. Eine ältere Passantin wundert sich dagegen kein bisschen. Das sei alles „wegen der Flüchtlinge“, schimpft sie laut. „Auf Dauer geht das ja nicht, denen kann man nicht allen eine Wohnung geben.“ Und wenn so viele kämen, sei das auch „nicht gut für Deutschland“.

In Michelau leben gerade einmal 350 Menschen.  Foto: peter-juelich.com

Am Ortsrand von Altenstadt, im Neubaugebiet Waldsiedlung, könnte neben solchen Einstellungen ein weiterer Grund für das Abschneiden der NPD zu finden sein. In einem weißgetünchten Mehrfamilienhaus, lauschig am Waldrand gelegen, wohnt Stefan Jagsch, lokaler Spitzenkandidat und ehemaliger Landesvorsitzender der rechtsextremen Partei. Jagsch, der in der letzten Zeit an Neonazi-Aufmärschen ebenso teilgenommen hat wie an Pegida-Kundgebungen in Frankfurt, ist in Altenstadt aufgewachsen. Man kennt ihn. Jagsch selbst ist an diesem Morgen nicht zu Hause, aber ein Anwohner hält ihn für den eigentlichen Grund des NPD-Wahlerfolges. „Wenn der nicht mehr hier wohnen würde, wäre das schnell vorbei“, sagt der Mann mit dem Haarkranz und der derben Lederjacke. Die Leute hätten Protest wählen wollen, glaubt er, „und dann wählt man halt den, der gerade da ist“.

Eins wird deutlich, wenn man sich im Viertel umhört: Hier in der Waldsiedlung, zwischen Vorgärten mit Bambus-Deko und Neubauten mit Solarzellen auf dem Dach, ist Jagsch nicht isoliert. Er fällt nicht einmal besonders auf. Ein Nachbar schildert als Erstes, dass der immer freundlich grüße, eine alte Anwohnerin meint, sie erinnere ihn noch als Kleinkind. Bei den Ortsbeiratswahlen für die Waldsiedlung hat die NPD 14,4 Prozent der Stimmen erhalten.

Gut 15 Kilometer weiter östlich, im Konferenzraum im dritten Stock des Rathauses, hat man einen herrlichen Blick auf die bebauten Hügel im Südteil von Büdingen. Erich Spamer, direkt gewählter Bürgermeister, kann sich wegen der NPD vor Medienanfragen kaum retten in diesen Tagen. Und der Lokalpolitiker der Freien Wähler redet, nachdem er Mineralwasser auf den Tisch gestellt hat, erst einmal von Japan. Von Fukushima. Wenige Tage nach dem Super-GAU im dortigen Atomkraftwerk hätten die Grünen ihr Ergebnis in Büdingen auf 12,7 Prozent mehr als verdoppelt, sagt er. Jetzt stehe die Partei wieder bei 6,4 Prozent. „Der Wähler wird in seiner Entscheidung auch beeinflusst durch momentane Ereignisse“, folgert Spamer. Und bei dieser Wahl hätten die Leute eben die neue Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in der Stadt im Kopf gehabt – und die „Ereignisse von Köln an Silvester“.

Natürlich, räumt Spamer ein, es gebe „Stammtischgeschwätze“ in Büdingen, manche Bürger äußerten sich auch negativ über die rund 350 Flüchtlinge, die aktuell in der leerstehenden US-Kaserne am Rand der Kernstadt untergebracht sind. Überhaupt gebe es einen politischen Rechtsruck in der ganzen Wetterau. Aber im Großen und Ganzen wollten die etwa 800 Büdinger, die für die NPD gestimmt hätten, sicherlich eher diffusen Protest ausdrücken als eine echte rassistische Gesinnung. Vielleicht, sagt Spamer, habe die Politik auch „viel zu wenig versucht, die Leute mitzunehmen“. Das wolle er jetzt nachholen. Es sei zum Beispiel zu wenig bekannt, dass es bisher keine Probleme mit den Flüchtlingen in Büdingen gebe – und auch keine gestiegene Kriminalität.

Auch Gerhard Bennemann bereitet die NPD Kopfzerbrechen. Der Leiter des Haupt- und Personalamts muss damit umgehen, dass die Rechtsextremen unter ihrem lokalen Spitzenkandidaten Daniel Lachmann jetzt Anspruch auf einen von acht ehrenamtlichen Posten in der Stadtregierung haben. „Der sitzt dann in jeder Magistratssitzung und hat Zugriff auf alle Unterlagen“, sagt Bennemann. Lachmann ist wie sein Kamerad Stefan Jagsch ein radikaler Rechtsaußen, erst Ende Januar war der Büdinger mit 150 aggressiven Neonazis durch die Stadt gezogen. Mit unverhohlenen Naziparolen wie „Nationaler Sozialismus jetzt“ oder „Alles für Volk, Rasse und Nation“.

Sollte Lachmann ehrenamtliches Magistratsmitglied werden, könnte Stadtpolitik in Büdingen wesentlich anstrengender werden, befürchtet Bennemann. „Und wir sind auch nicht begeistert, wenn jemand mit diesem Hintergrund bei Personalentscheidungen mitredet.“ Bennemann und Spamer sind sich noch nicht sicher, wie sie mit dem Problem umgehen sollen. Die Verwaltung könnte es auf einen Rechtsstreit ankommen lassen und die Ernennung eines NPD-Magistratsmitglieds zunächst verweigern. Wie so ein Fall vor Gericht entschieden werde, solange das Bundesverfassungsgericht das NPD-Verbot berät, sei völlig offen, sagt Bennemann.

 Foto: FR

Auch in Büdingen ist es eher schwierig, Menschen zu finden, die offen dazu stehen, NPD zu wählen. Aber rechte Parolen bekommt man schnell zu hören. „So wie die Merkel das macht, geht es nicht“, doziert ein älterer Passant in breitem Hessisch. „Die ganze Zeit war kein Geld da, und jetzt auf einmal, für die Flüchtlinge, ist massenweise Geld da.“ Er könne jedenfalls verstehen, dass die Leute NPD wählten. „Wir sagen immer, die Merkel soll sich in den Europarat wählen lassen und einfach wegbleiben.“

Feierabendzeit. In Michelau, einem dörflichen Stadtteil von Büdingen oben in den Hügeln, bekommen sie aktuell viel Besuch von Reportern und Kamerateams. Knapp 350 Menschen leben hier, von 128 Wählern haben rund 25 für die NPD gestimmt. Rechnerisch macht das einen Stimmanteil von 19,5 Prozent im ländlichen Idyll mit Fachwerk und Dorfbrunnen. „Da sage ich Ihnen gar nichts zu“, blafft ein Anwohner, der gerade in seinem Hof ein Auto auslädt. Es gehe den Medien doch sowieso nur darum, die Bewohner Michelaus als „die Schlimmsten“ darzustellen.

Seine Frau, schwarze Jogginghose, violett lackierte Fingernägel, ist etwas gesprächiger. Es gebe eben viel Unmut, sagt sie, „weil man von hinten bis vorne verarscht wird“. Und dann lässt sie genau das vom Stapel, was man seit Monaten landauf, landab von den Wutbürgern aller Couleur hört: Ihr Vater bekomme viel zu wenig Rente, die Kita ihres Sohnes werde demnächst geschlossen, sie müsse viel arbeiten und für die Flüchtlinge werde alles getan. „Wir sind kein rechtes Dorf“, sagt sie. „Das ist allgemeine Unzufriedenheit. Das ist die Wut der Bürger.“

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Kommunalwahl

Die Städte und Gemeinden haben ausgezählt: Vorläufige Ergebnisse aus zahlreichen hessischen Städten.

Dossier

Kandidaten, Parteien und Programme: Alles zur Kommunalwahl 2016.

Dossier
Rathaus Offenbach

Kandidaten, Parteien und Programme: Alles zur Kommunalwahl in der Stadt Offenbach.

Dossier

Kandidaten, Parteien und Programme: Alles zur Kommunalwahl im Kreis Offenbach.

Dossier
Rathaus Wiesbaden.

Kandidaten, Parteien, Programme: Alles zur Kommunalwahl in Wiesbaden.

Anzeige

Dossier
Kreishaus in Hofheim

Kandidaten, Parteien und Programme: Alles zur Kommunalwahl.

Dossier
Landratsamt in Bad Homburg

Kandidaten, Parteien und Programme: Alles zur Kommunalwahl in Bad Homburg und dem Hochtaunuskreis.

Dossier
Rathaus Hanau

Kandidaten, Parteien und Programme: Alles zur Kommunalwahl in Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis.

Dossier
Kreishaus in Friedberg

Kandidaten, Parteien, Programme: Alles zur Kommunalwahl im Wetteraukreis.

Dossier

Kandidaten, Parteien, Programme: Alles zur Kommunalwahl in Darmstadt.

Dossier

Kandidaten, Parteien, Programme: Alles zur Kommunalwahl im Kreis Groß-Gerau.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.