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09. Januar 2013

Antisemitismus-Vorwürfe : Darum liegen die Augstein-Kritiker falsch

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Ob wir wollen oder nicht, ist uns Israel wegen der Verbrechen unserer Großeltern nah.  Foto: dpa

Nach den absurden Anschuldigungen des Wiesenthal-Zentrums wird die Kritik an Jakob Augstein sachlicher. Augstein sei kein Antisemit, bediene aber anti-jüdische Ressentiments, sagt der Präsident des Zentralrats der Juden. Er liegt falsch.

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Nach den absurden Anschuldigungen des Wiesenthal-Zentrums wird die Kritik an Jakob Augstein sachlicher. Augstein sei kein Antisemit, bediene aber anti-jüdische Ressentiments, sagt der Präsident des Zentralrats der Juden. Er liegt falsch.

Der Journalist Jakob Augstein hat laut Simon Wiesenthal Zentrum einige der schlimmsten antisemitischen Äußerungen von sich gegeben, was für ein Treppenwitz der Geschichte. Wenn ihn im Begleitwort noch der Wortverdreher Henryk M. Broder ohne nähere Begründung als „lupenreinen Antisemiten“ denunzieren darf, dann ist die Realsatire perfekt. Und was seine ruhige Reaktion betrifft: Es spricht für Augstein, dass er auf den Schlag in die Magengrube nicht ebenso billig antwortet.

Aktuell äußert sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, zu dem Thema. Einerseits, sagt er, passe Augstein nicht in die Gesellschaft von Leuten wie den Holocaust-Leugner und iranischen Machthaber Mahmud Ahmadinedschad. Andererseits bediene Augstein „zu oft zu fahrlässig anti-jüdische Ressentiments“. Überhaupt, sagt Graumann, werde in Deutschland kein anderes Land so heftig kritisiert wie Israel.

Anders als die Vorwürfe von Broder ist diese Kritik ernst zu nehmen. Zutreffend ist sie trotzdem nicht.

Augstein beschäftigt sich in seiner Spiegel Online - Kolumne „Im Zweifel links“ regelmäßig mit Israel, und er ist gewiss kein Freund der israelischen Regierung. Unter anderem stützte er die These von Günter Grass, die Atommacht Israel gefährde den Weltfrieden. Augstein kritisiert auch den Einfluss der jüdischen Lobby in den USA, und er zieht Parallelen zwischen palästinensischen Islamisten und radikalen Juden.

Auch Antisemiten benutzen manche von Augsteins Schlüsselbegriffen, genauso wie manche Nazis Bio-Lebensmittel toll finden. Keiner würde aber im Umkehrschluss behaupten, dass Bio-Fans automatisch Nazis sind, ergo gilt diese Logik auch nicht für Augstein.

Der Begriff Antisemitismus führt in die falsche Richtung

Ressentiments im Sinne eines „heimlichen Grolls“ bedient nur einer, der wie Broder einseitig und unklar argumentiert, statt die eigenen Thesen mit Argumenten zu untermauern ("Little Streicher"). Augstein hingegen kritisiert die Israelis mit offenem Visier; trotz der ein oder anderen unglücklichen Formulierung kann er seine Kritik in der Regel gut belegen. Wenn er Israel als Gefahr für den Weltfrieden anprangert, dann tut er das vor dem Hintergrund von Israels glaubhafter Drohung, den Iran anzugreifen, und dass es auch in Israel einige Fundamentalisten gibt, bezweifelt außer Broder ja wohl niemand.


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Ohnehin führt das Wort "Antisemitismus" in die falsche Ecke, weil es weder einen Staat noch eine Religion bezeichnet. Es ist ein rassistischer Begriff aus einer Zeit, in der Juden in Zeitschriften noch mit Hakennasen dargestellt wurden. Der heutige sogenannte linke Antisemitismus richtet sich eher gegen einen vermeintlich imperialistischen Staat, weniger gegen den Einzelnen.

Mag sein, dass wir deutschen Journalisten uns besonders gerne mit Israel beschäftigen. Ob wir wollen oder nicht, haben viele von uns durch die Verbrechen unserer Eltern und Großeltern nun einmal eine besonders enge Beziehung zu Israel. Gerade weil wir das Land schätzen, finden wir es schlimm, wie eine demokratische Regierung Menschenrechte missachtet. Falls Augstein deshalb grollt, ist daran nichts auszusetzen. Ähnlich ist es mit den USA: Wenn dort gefoltert wird, sorgt das auch hier für Empörung; wenn aber dasselbe in Nordkorea passiert, löst der Vorfall höchstens ein Schulterzucken aus - von einer Diktatur erwarten wir ja nichts anderes. Von den Freunden in Israel hingegen schon.

Ganz abgesehen von dem deutsch-israelischen Trauma spielt Israel im Nahen Osten unbestreitbar eine wichtige Rolle. Auch wenn es nicht um die Verhinderung eines Dritten Weltkriegs geht: Es ist für europäische Interessen wichtig, wie sich Israel mit seinen Nachbarn versteht.

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