Aktuell: Trauer um Claudia Michels | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Fußball-News | Eintracht Frankfurt

Korea-Konflikt
Nordkorea und Südkorea im Streit - will Pjöngjang den USA die Anerkennung als Atommacht abringen? Seoul ist alarmiert.

11. September 2012

Strafgefangene in Nordkorea: Entkommen aus der Hölle

 Von 
Shin Dong-hyuk lebt inzwischen in den USA.

Folter, Hunger, Denunziation: Shin Dong-hyuk wird in einem nordkoreanischen Gulag geboren. Er ist der bisher einzige Strafgefangene, dem die Flucht gelang. Seine Biografie „Flucht aus Lager 14“ ist Zeugnis der unerbittlichen Härte und des menschenverachtenden Wertesystems Nordkoreas.

Drucken per Mail

Folter, Hunger, Denunziation: Shin Dong-hyuk wird in einem nordkoreanischen Gulag geboren. Er ist der bisher einzige Strafgefangene, dem die Flucht gelang. Seine Biografie „Flucht aus Lager 14“ ist Zeugnis der unerbittlichen Härte und des menschenverachtenden Wertesystems Nordkoreas.

„Es gibt keine Menschenrechtsfragen in diesem Land, da hier jeder das würdigste und glücklichste Leben führt“, verkündet der Nordkoreanische Nachrichtendienst im März 2009. Für den Ex-Strafgefangenen Shin Dong-hyuk müssen diese Worte zynisch klingen. 23 Jahre überlebte er in dem berüchtigten Gulag 14 des nordkoreanischen Regimes.

Seine nun beim DVA-Verlag erschienene Biografie erzählt die lange Leidensgeschichte des bisher einzigen Flüchtlings aus einem nordkoreanischer Gefangenenlager. Sie liest sich wie der wahrgewordene Alptraum aus Orwells „1984“, sie macht betroffen und fassungslos.

Schuldig bis ins dritte Glied

Im Gulag geboren, wächst Shin komplett ohne soziale Kontakte auf. Teil der nordkoreanischen Rechtsauffassung ist, dass man bereits allein durch Verwandtschaft schuldig ist. Kim Il Sung hat dazu 1958 folgendes Gesetz formuliert: „Klassenfeinde müssen ohne Ansehung der Person bis ins dritte Glied ausgemerzt werden.“

So wird auch Shin Dong-hyuk für die angeblichen Verbrechen seiner Eltern bestraft. Seine Mutter sieht er von frühester Kindheit an allen voran als Rivalin um die kargen Essensrationen. Vater und Bruder bleiben für ihn Fremde. Lange Zeit lernt er weder Zuneigung noch Freundschaft kennen. Die Stimmung im Lager ist von Aggressivität, Neid und unentwegten Denunziationen geprägt.

Seine ersten Kindheitserinnerung hat Shin von einer Hinrichtung. In der Grundschule wird er Zeuge, wie eine Mitschülerin von einem Lehrer zu Tode geprügelt wird, weil sie fünf Maiskörner in ihrer Tasche versteckt.

Während der große Diktator Kim Jong Il in der Welt die Zufriedenheit seiner Bevölkerung erfindet, sucht Shin mit anderen Kindern unentwegt nach Essbarem, wobei sie auch vor Ratten, Insekten und unverdauten Getreidekörnern in Kuhfladen keinen Halt machen.

Shin wächst auf ohne zu wissen was ein Buch ist, und dass es außerhalb seines Lagers noch eine andere Welt gibt. Selbst von Kim Jong Il hat er bis zu seiner Flucht nie gehört. Die in Nordkorea übliche Indoktrination der Bevölkerung hält man für die Sträflinge offensichtlich für unnötig.

Mutter und Bruder verrät Shin für eine Extraportion Essen

Als Shin mithört, dass seine Mutter und sein Bruder einen Fluchtversuch planen, ist für ihn völlig klar, dass er beide verraten muss. Denunzianten winken größere Essensrationen. Als Shin seine Familienmitglieder verrät, wird er jedoch umgehend in eine unterirdische Zelle gesperrt. Der Aufseher, dem er den Plan verraten hat, will die Lorbeeren nicht teilen. Shin wird der Beihilfe bezichtigt und über Tage hinweg brutal gefoltert.

Den damals 13-jährigen hängen zwei Wärter über einem offenen Kohlefeuer auf, um ein Geständnis zu erzwingen. Shin gesteht nicht – es gibt nichts zu gestehen. Als ihm die Wärter letztendlich Glauben, ist sein Körper von Brandwunden übersät. Mutter und Bruder werden umgehend zum Tode verurteilt. Shin wohnt der Hinrichtung bei – und ist allen voran froh, dass es ihn nicht selbst erwischt hat. Für seine Familienmitglieder fühlt er nur Verachtung. Als Shin bei seiner Arbeit in einer Textilfabrik eine Nähmaschine fallen lässt, schneiden ihm Wärter als Strafe den Mittelfinger ab.

Erst die Freundschaft zu einem älteren Gefangenen, der ihn nach seiner Folter aufopfernd pflegt, lässt seine Menschlichkeit erwachen. Shin fängt an, das System in Frage zu stellen. Seine Wut richtet sich erstmals gegen seine Lebensbedingungen und die Menschen, die daran schuld sind. In ihm keimt über Jahre der Wunsch, zu fliehen.

Im Lager findet er einen Gleichgesinnten, seinen Freund Park, der auf der Flucht an einem elektrischen Zaun stirbt. Sein toter Körper ist es, der es Shin ermöglicht, über die Starkstromleitungen zu kriechen und in die Freiheit zu gelangen.

Ungewohnte Freiheit

Doch die Freiheit ist anders, als Shin sie sich erhofft hat. Seine Umstellung auf das Leben außerhalb des Lagers 14 verläuft nur zögerlich. Die einfachsten zwischenmenschlichen Regeln sind ihm unbekannt. „Ich entwickle mich aus einem Leben als Tier“, sagt er. „Aber es passiert sehr, sehr langsam. Manchmal möchte ich unbedingt weinen oder lachen wie andere Menschen, einfach um festzustellen, ob es sich nach etwas anfühlt.“

Immer wieder verfällt Shin in Depressionen, über lange Zeit ist er in psychiatrischer Behandlung. Erst in der Freiheit erkennt und begreift er die Situation, in der er sich während seiner Lagerhaft befunden hat.

Geschätzte 200.000 Gefangene vegetieren immer noch unter diesen Umständen in nordkoreanischen Gefängnissen vor sich hin, nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen sind bereits Hunderttausende unter furchtbaren Bedingungen gestorben. Die Beschreibungen Shins erinnern an die Kontroll- und Vernichtungsmaschinerie der Konzentrationslager des Zweiten Weltkrieges.

Doch während die Konzentrationslager der Nationalsozialisten nur wenige Jahre existierten, ist das Lager 14 eine 50 Jahre alte Institution. Wie kann es sein, dass eine solche Schande ein halbes Jahrhundert lang von der Weltgemeinschaft übersehen wird? „Die Tibeter haben den Dalai Lama und Richard Gere, die Birmanen haben Aung San Suu Kyi, die Einwohner von Darfur haben Mia Farrow und George Clooney“, sagt Suzanne Scholte, eine langjährige Aktivistin, die sich um Flüchtlinge kümmert. „Die Nordkoreaner haben keine solche Lobby.“

Shin wünscht sich, dass die Welt von den Leiden der Menschen in Nordkorea erfährt. Er selbst sieht sich allerdings nicht als geeigneter Repräsentant. Zu sehr beschämen ihn die Dinge, die er während seiner Gefangenschaft getan hat, sagt er.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Spezial

Nordkorea und Südkorea im Streit - will Pjöngjang den USA die Anerkennung als Atommacht abringen? Seoul ist alarmiert.

Fragen und Antworten

Nordkoreas Kriegsdrohungen rufen in der ganzen Welt Besorgnis aus. Wohin führt die Eskalation? Wir erklären, was passieren kann.

Karte

Die Karte zeigt die demilitarisierte Zone - heute die faktische Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Im Norden sind Atomanlagen verzeichnet, im Süden Militärbasen der USA.


Der Korea-Konflikt auf einer größeren Karte anzeigen
Videonachrichten Korea
Grafik

Die Grafik zeigt die Reichweiten der nordkoreanischen Raketen Scud B (300 Kilometer) und Scud C (500 Kilometer). Geschosse mit Reichweiten bis zu 6000 Kilometer sollen in der Entwicklung sein.