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Tarifrunde Chemie: Kräftige Lohnerhöhungen in Sicht

So viel Rückenwind hatten Gewerkschaften selten: Zum Auftakt der Chemie-Tarifrunde sprechen sich Wirtschaftexperten für kräftige Lohnerhöhungen mit einer Drei vor dem Komma aus. Auch Wirtschaftsminister Brüderle und die Bundeskanzlerin plädieren für ein Ende der Lohnzurückhaltung.

Die Firma BASF in Ludwigshafen: Die Produktion in der Chemie-Branche dürfte in diesem Jahr um elf Prozent, der Umsatz um 18 Prozent steigen. Foto: dapd

Zum Auftakt der Chemie-Tarifrunde haben sich Ökonomen für eine kräftige Lohnerhöhung ausgesprochen. Der Abschluss könne „deutlich über drei Prozent“ liegen, sagt der Volkswirt Sebastian Dullien der FR. Schließlich hätten die Beschäftigten in der Krise „extreme Lohnzurückhaltung geübt“, betont der Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

Jetzt gehöre die Chemieindustrie zu den Wirtschaftszweigen, die am stärksten von der Erholung profitiert hat, sagt Martin Lück, Deutschland-Volkwirt der Großbank UBS. Deswegen hält auch er „drei Prozent und mehr“ für verkraftbar. In der Chemieindustrie beginnt am Dienstag die erste große Tarifrunde nach der Wirtschaftskrise. Der Vorstand der Gewerkschaft IG BCE will morgen verkünden, welche Lohnforderung er für die 550.000 Chemie-Beschäftigten empfieht.

Der Zeitpunkt ist günstig: Selten hatten Gewerkschaften so viel Rückenwind wie derzeit. Nicht nur Ökonomen, auch Spitzenpolitiker aller Couleur drücken ihnen die Daumen. So plädiert FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle für „kräftige Lohnerhöhungen“ – und wird von CDU-Kanzlerin Angela Merkel unterstützt.

Gewerkschaften reagieren säuerlich

Die Gewerkschaften selbst reagieren säuerlich auf die Anfeuerung aus Berlin. Die Politik sollte sich aus Tarifverhandlungen raushalten, grummelt DGB-Chef Michael Sommer. Das sei Sache von Gewerkschaften und Arbeitgebern. Die IG BCE erinnert den Wirtschaftminister daran, dass er selbst Gutes tun könne: „Wenn Brüderle die Kaufkraft stärken will, sollte er seinen Widerstand gegen Mindestlöhne und Equal Pay in der Zeitarbeit aufgeben“, fordert ein Sprecher. „Hilfreich“ wäre auch, wenn die Regierung die Arbeitnehmer nicht mit der Kopfpauschale im Gesundheitswesen einseitig belasten würde, ergänzt Ralf Sikorski, IG-BCE-Chef in Ludwigshafen.

Doch warum reagieren die Gewerkschaften so vergrätzt? Weil die Politiker mit ihren knackigen Sprüchen hohe Erwartungen bei den schürten, sagt ein Insider. Die Gewerkschaften sollten jetzt die Gelegenheit beim Schopf packen und ordentliche Zuschläge verlangen, rät Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Wenn sie es jetzt nicht verstehen, höhere Löhne durchzusetzen, wann dann?“

"Das ist Populismus"

Auch der Arbeitgeberverband Chemie ist nicht begeistert, dass ausgerechnet eine CDU-FDP-Koalition ständig über Gehaltszuwächse redet. „Das ist Populismus“, sagt ein Sprecher. Die Politiker wüssten viel zu wenig über die Lage der einzelnen Branchen.

Die Produktion dürfte in diesem Jahr um elf Prozent, der Umsatz um 18 Prozent steigen, berichtet der Verband der Chemischen Industrie (VCI). „Die Chemie hat einen rasanten Aufholprozess hinter sich. Das Vorkrisenniveau liegt in greifbarer Nähe“, befindet der Verband.

Die Verhandlungen mit der Gewerkschaft führt nicht der VCI, sondern der Arbeitgeberverband Chemie. Er beschreibt die Lage denn auch vorsichtiger und verweist darauf, dass das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht sei. Darum gebe es keinen Grund für „euphorische Lohnforderungen“.

Die IG BCE hat sich in diesem Jahr mit einer Einmalzahlung begnügt. Im Boomjahr 2008 verlangte sie 6,5 bis 7 Prozent mehr Geld – das war die höchste Forderung seit vielen Jahren. Jetzt, sagt ein Gewerkschafter, lägen die Erwartungen vieler Beschäftigter auf einem ähnlichen Niveau.

Vereinbart wurde damals eine Lohnerhöhung in zwei Etappen von 4,4 und 3,3 Prozent. Wegen der Laufzeit des Tarifvertrags stiegen die Einkommen aufs Kalenderjahr gerechnet nicht so stark: 2008 betrug das Plus 3,5 Prozent, berichtet das gewerkschaftsnahe WSI-Tarifarchiv, ein Jahr später waren es dann 2,7 Prozent.

Autor:  Eva Roth
Datum:  5 | 12 | 2010
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